Bildung

Die Stadt lässt ihre Fachlehrer ziehen

Noch bevor Alexander Lotz einen Telefonanschluss in seiner neuen Wohnung hat, ist er verbeamtet. In Hessen. Frankfurt am Main ist seine neue Heimatstadt, in der er von diesem Schuljahr an Chemie und Biologie unterrichten wird. Die ersten Schultage liegen hinter ihm.

Er fühle sich wohl und vor allem willkommen, sagt der junge Mann. Nur einen Tag nachdem er seine Bewerbung nach Frankfurt abgeschickt hatte, rief ihn der Schulleiter des Gymnasiums in der Nähe des Hauptbahnhofs zurück. Ja, er könne sofort bei ihm anfangen. Eine unbefristete Stelle als Lehrer - damit hatte Alexander Lotz eigentlich in Berlin gerechnet. Nie wollte der 27-Jährige die Stadt verlassen, doch ihm blieb keine andere Wahl. Bereut hat er es nicht.

Alexander Lotz hatte allen Grund, sich Hoffnungen auf eine unbefristete Stelle an einer Berliner Schule zu machen. "Mit meiner Fächerkombination gehöre ich zu den gesuchten Lehrern", sagt der Studienassessor. Sein Examen hatte er 2008 an der Humboldt-Universität mit der Note 1,2 gemacht, fast genauso gut schloss er das zweite Staatsexamen ab. Doch dann ließ ihn die Senatsbildungsverwaltung lieber ziehen, als ihn mit einem attraktiven Stellenangebot in Berlin zu halten.

Zu verstehen ist es nicht. Bereits vor dem Start in das neue Schuljahr zeichnete sich ein enormer Fachlehrermangel ab. Die Lehrergewerkschaft GEW wies darauf hin, dass 400 Lehrerstellen, davon die meisten in den naturwissenschaftlichen Fächern, fehlen. Bei einer Abfrage in den Schulen bestätigten sich diese Befürchtungen. Ob am Gottfried-Keller-Gymnasium, an der Friedensburg-Oberschule oder an der Max-von-Laue-Schule - um nur einige Beispiele zu nennen - überall fehlten Lehrer in den Naturwissenschaften. Viele wissen noch immer nicht, wie sie den Unterricht abdecken sollen. Hoffnung, schnell noch einen Chemie-, Physik- oder Mathematiklehrer zu finden, hat kaum einer. Die seien längst alle weg, sagte Paul Schuknecht, Rektor an der Friedensburg-Schule. Genau wie der Vorsitzende der Oberstufendirektoren, Ralf Treptow, gehört Schuknecht als Chef der Schulleitervereinigung zu den größten Kritikern der Einstellungspraxis des Senats. Berlin beginne mit den Bewerberrunden, wenn die anderen Bundesländer schon längst fertig seien und sich die besten Leute gesichert hätten, bemängeln sie. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hat mittlerweile zugesagt, im kommenden Schuljahr früher zu beginnen. Dennoch bleiben die Verhältnisse für Lehrer in Berlin schlechter als in anderen Bundesländern. Kein Beamtenstatus, befristete Verträge, weniger Gehalt - das erwartet die meisten Lehrer nach dem Staatsexamen in der Hauptstadt.

Das alles hätte Alexander Lotz in Kauf genommen. Nach dem Abitur im brandenburgischen Teltow war Berlin sein Lebensmittelpunkt. Hier wollte er bleiben, in der Nähe seiner Familie. Sein Referendariat machte er am Barnim-Gymnasium in Lichtenberg. "Eine anstrengende Zeit, aber gute Ausbilder" so lautet sein Fazit. Mit seinem guten Zeugnis und dem Fach Chemie ging er davon aus, keine Probleme zu haben, eine feste Stelle zu bekommen. Der Tag der Bewerbung - heute Bewerber-Casting genannt - kam, und Alexander Lotz war einer von zehn, die sich Hoffnung auf eine der zwei angebotenen unbefristeten Stellen mit der Fächerkombination Chemie machten. Allein dass es nur zwei Stellen gab, ist angesichts des Bedarfs in Berlin verwunderlich.

Es ging zu wie bei Dieter Bohlen

Ein bisschen sei es wie bei Dieter Bohlen zugegangen, erzählt der Lehrer. Auf jeden Fall "scheußlich". Die "Jury" saß in den Rängen des Plenarsaals im Rathaus Tiergarten und blickte auf die Bewerber herab, die nacheinander antraten, um sich zu präsentieren. Ob er sich vorstellen könnte, auch eine Vertretungsstelle anzunehmen, wurde er gefragt. Heute glaubt er, dass er an dieser Stelle den entscheidenden Fehler gemacht habe. Er antwortete: "Ja, wenn es nichts anderes gibt", und bekam nach der Beratung der Jury tatsächlich nur eine Vertretungsstelle. Die Entscheidung für eine feste Stelle, die Verbeamtung und etwa 1000 Euro mehr Nettogehalt in Frankfurt fiel ihm daraufhin nicht schwer.

Bevor Alexander Lotz Berlin verlässt, schreibt er einen "Abschiedsbrief" an die Senatsbildungsverwaltung. Er beschwert sich über das Einstellungsverfahren. "Ich kann nicht verstehen, warum die Senatsbildungsverwaltung nichts unternimmt, um das Einstellungsverfahren attraktiver, transparenter und zeitnaher zu gestalten", schreibt er. Das Verfahren solle so geändert werden, dass den jungen Kollegen das Gefühl vermittelt werde, gebraucht, gewünscht und wertgeschätzt zu werden. Eine Antwort hat Alexander Lotz nie bekommen. Dabei wollte er wieder nach Berlin zurückkehren. Doch jetzt ist er sich gar nicht mehr so sicher. Einen Telefonanschluss hat er mittlerweile auch.