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Sarrazin schafft sich selber ab

Thilo Sarrazin hat Recht: Die Einwanderungspolitik ist seit den 70er-Jahren verfehlt, ja europaweit naiv und unhistorisch. Multi-Kulti-Propaganda mit vermeintlich politisch korrekter Einstellung hat die Missstände ignoriert.

Allerdings ist nur dieser Ausgangspunkt richtig, seine Schlussfolgerungen sind falsch und seine Handlungsempfehlungen befremdlich. Schon bei der Dimension des Themas folgert Sarrazin falsch. Seine Berechnung, es könnten in 90 Jahren bis zu 35 Millionen Moslems in Deutschland leben, ist absurd. Heute, nach 50 Jahren Zuwanderung, leben rund 3,3 Millionen Muslime bei uns. Seit den neuen Zuzugsgesetzen der Regierung Merkel gibt es keine Netto-Zuwanderung - auch nicht aus der Türkei. Die Geburtenraten nähern sich schnell denen der Eingesessenen an.

Genauso abseitig ist sein nächster Befund: es sei ein generell islamisch-kulturelles Phänomen, wenn sich Bildung und Integration von Muslimen nur langsam verbessern. Dabei haben muslimische Zuwanderer aus dem Iran, dem Irak und Afghanistan mehr Hochschulabschlüsse als wir Einheimischen. Zudem sind die uns kulturell sehr verwandten Italiener in einigen Schulstatistiken sogar schlechter als die aus der Türkei. Sarrazin hat also nur insoweit Recht, als das wir unter muslimischen Zuwanderern ein gravierendes soziales Problem haben und ihre Bildungsanstrengungen steigen müssen. Sarrazin will diesem Defizit mit einem rigiden Entmündigungsprogramm begegnen. Kinder müssen ganztags in Kitas und Schulen. Dann hätten die Unterschichten auch weniger Zeit für Trash-TV. Unsere Verfassung lässt diese allgemeine Trennung aller Kinder von ihren Familien gar nicht zu. Um die freiheitliche Gesellschaft zu retten, opfert der vermeintliche Abendland-Retter wichtige freiheitlichen Grundlagen. Das ist Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Der droht uns auch genetisch, analysiert Sarrazin. Deutschland verdumme, weil die deutsche Gesellschaft schrumpfe und gleichzeitig Bildungsferne mehr Kinder kriegten. Da sich Intelligenz statistisch vererbe, so Sarrazin, sei dies logisch zwingend. Deutschland schaffe sich auf diese Weise ab. Diesem Irr-Sinn muss man entgegentreten. Sarrazin behauptet eine Gesetzmäßigkeit, die es nicht gibt. Leistung beruht eben keineswegs nur auf Erbgut. Das christliche Wertesystem, auf dem unser Gemeinwesen ruht, kennt so ein verdammendes Menschenbild nicht. Die Realität hat Sarrazin so vielfältig widerlegt, dass seine These mangelnde Allgemeinbildung verrät. Aus kleinsten Verhältnissen stammen sowohl Jesus als auch sein Nachfolger Ratzinger, der heutige deutsche Papst. Den Sozialdemokraten Sarrazin überzeugt vielleicht ein Beispiel aus seiner eigenen Partei: Gerhard Schröder hat es als Sohn einer allein erziehenden Putzfrau bis zum Kanzler gebracht.

Sarrazin stört mit Grund die Harmoniesucht, die Fehlentwicklungen bei Migranten überdeckt. Die Antwort darauf darf aber eben nicht Verachtung sein, schon gar nicht Verachtung für eine Minderheit im - auch selbst verschuldeten - sozialen Abseits. Ohne Nächstenliebe wird kein noch so hartes Programm das ändern. Die CDU plädiert in ihrem Integrations-Programm für manche Härte, aber eben ohne unsere Stadt zu spalten. Sarrazin aber polemisiert gegen Katholiken, wegen des Zölibats würde sich deren Intelligenz nicht vermehren. Und das Kindergeld möchte er abschaffen, statt dessen Frauen unter 30 mit Hochschulabschluss 50 000 Euro für ein Kind belohnen.

Die SPD leistet sich mit Sarrazin und Buschkowsky zwei Untergangsszenografen. Gleichzeitig legt sie als Regierungspartei ein lächerliches Integrationsgesetz vor, ohne Ideen und ohne Veränderungswillen - außer dem, noch mehr Bürokratie zu schaffen. Wowereits eigener juristischer Dienst hat schwerste rechtliche Bedenken und zweifelt am Nutzen. Realitätsfern und nutzlos urteilte der SPD-Bezirks-Bürgermeister von Mitte, Hanke. Dessen Partei- und Amts-Kollege Buschkowsky aus Neukölln nannte es "Bürokratisches Pillepalle und Etikettenschwindel". Eines muss man den Sozialdemokraten lassen: starke Worte finden Sie, den richtigen Weg leider nicht.

Der Autor Thomas Heilmann ist Unternehmer und Vize-Vorsitzender der CDU Berlin. Nächste Woche schreibt wieder Tim Renner.