Schulreform

Das große Berliner Bildungsexperiment: Eine Klasse für alle

Sie sind jetzt Sekundarschüler und sitzen alle in einer Klasse, der 7/2k der Solling-Sekundarschule in Marienfelde. Anna, Louisa und Isabel haben von ihrer Grundschule die Empfehlung für einen Gymnasialschulplatz bekommen.

Marvin und Melvin wurde bescheinigt, dass sie eine Realschule besuchen sollten. Jennifer und Pascal haben eine Hauptschulempfehlung. An der Sekundarschule spielt das aber keine Rolle mehr. Ziel der neuen Schulform ist es, dass Kinder mit unterschiedlichem Leistungsvermögen gemeinsam lernen, wobei jeder einzelne individuell gefördert werden soll. Der Schulerfolg der Kinder soll nicht mehr so sehr von ihrer sozialen Herkunft abhängen, das ist der Grundgedanke der Reform.

Die Solling-Schule war bisher eine integrierte Haupt- und Realschule, an der die Schüler zwar unter einem Dach, aber in getrennten Schulzweigen lernten. Mit der Reform ist daraus nun eine integrierte Sekundarschule geworden. 111 dieser Sekundarschulen, in denen Haupt-, Real- und Gesamtschulen aufgegangen sind, starteten mit Beginn dieses Schuljahres, weitere acht werden 2011/12 noch dazu kommen. Daneben soll es im Oberschulbereich dann nur noch die Gymnasien geben.

13 Jahre bis zum Abitur

In den sechs siebten Klassen der Solling-Schule haben 104 Kinder eine Realschul- und 56 eine Hauptschulempfehlung. Sechs hätten auch auf ein Gymnasium gehen können. Eine von ihnen ist die 13-jährige Isabel. "Meine Lehrerin hat gesagt, dass es besser für mich wäre, wenn ich mehr Zeit für das Abitur hätte", sagt Isabel. Deshalb hätten sie und ihre Eltern sich für eine Sekundarschule und damit für ein Abitur nach 13 Jahren entschieden. Am Gymnasium müsste Isabel schon nach zwölf Jahren fertig werden.

Auch Anna hat die Solling-Sekundarschule so gut gefallen, dass sie sich gar nicht erst an einem Gymnasium umgesehen oder gar beworben hat. Die Zwölfjährige schwärmt noch heute vom Tag der offenen Tür im Frühjahr: "Es hat damals so viele Angebote für uns Schüler gegeben. Das hat einen sehr guten Eindruck auf mich gemacht", sagt sie.

Louisa (12) haben vor allem der gute bauliche Zustand der Schule und die Sauberkeit zugesagt. "Auch die Profilangebote fand ich toll", sagt sie.

Schulleiter Johann Peter Bröder und seine Kollegen sind froh darüber, dass sich so viele verschiedene Schüler an ihrer Schule angemeldet haben. "Wir gehen fest davon aus, dass es im nächsten Jahr noch mehr Kinder mit einer gymnasialen Empfehlung sein werden", sagt Bröder. Auch eine gymnasiale Oberstufe kann er sich an seiner Schule durchaus vorstellen. Doch das ist Zukunftsmusik. Zunächst muss sich das Konzept erst einmal bewähren. Dazu gehört, dass die siebten Klassen in Profilklassen eingeteilt wurden. Es gibt ein Französisch-Profil, ein Informatik-, und ein Spanisch-Profil. Dazu drei Praxisklassen, die mehr Unterricht in den Werkstätten der Schule anbieten werden. Die Schüler der 7/2k sind die Klasse mit dem Französisch-Profil. Ein Schwerpunkt, für den sie sich bewusst entschieden haben und auf den sie sich nun besonders freuen. Gut finden sie auch, dass die Französischlehrerin ihre Klassenlehrerin ist. Trotz allem Enthusiasmus für die neue Schulform ist Schulleiter Bröder aber auch skeptisch. "Ich weiß nicht, ob wir es tatsächlich schaffen werden, Schüler mit einem derart unterschiedlichen Leistungsspektrum in allen Fächern gemeinsam zu unterrichten und dabei jedem gerecht zu werden", sagt er. Hinzu käme, dass ihm viel mehr Schüler zugeteilt worden seien, als geplant und die siebten Klassen mit 28 statt mit 26 Kindern eingerichtet werden mussten.

Laut Schulreform können die Sekundarschulen selbst entscheiden, ob sie innerhalb einer Klasse differenzieren oder die Schüler je nach Leistung in Gruppen einteilen. "Wir werden uns das vorbehalten", sagt Bröder. Eventuell werde man in den Kernfächern doch Leistungsgruppen bilden. "Das wird von den Erfahrungen abhängen, die wir jetzt machen."

Und sicher auch davon, wie die Lehrer es schaffen, die Binnendifferenzierung umzusetzen. Bisher haben sie damit wenig Erfahrung. "Es gab einen Studientag zu diesem Thema", sagt Bröder. Das sei natürlich längst nicht ausreichend, habe aber Impulse gesetzt. Weitere Fortbildungsmaßnahmen würden folgen.

Pascal und Jennifer fühlen sich durch ihre Mitschüler jedenfalls angespornt. Beide wollen versuchen, einen Mittleren Schulabschluss zu machen. Pascal möchte mal Busfahrer werden, Jennifer denkt an Altenpflegerin. Marvin und Melvin, beide bekamen eine Realschulempfehlung, haben das Abitur im Auge. Melvin will Innenarchitekt oder Hotelmanager werden. "Dafür brauche ich das Abi", sagt er.

Neugierig aufeinander

Stört es die Schüler, dass nicht alle in der Klasse ähnliche Voraussetzungen mitbringen und sie alle unterschiedliche Schulempfehlungen haben? Auf diese Frage antworten die Sieben mit einem klaren Nein. Sie sind stattdessen eher neugierig aufeinander und können sich vorstellen, sich im Unterricht und beim Lernen gegenseitig zu helfen. Es ist toll, wenn jeder anders ist und andere Stärken mitbringt, sind sich die Schüler einig. Sekundarschule, finden sie, ist cool.