Streit um den Schinkelplatz

Der Wiederaufbau des Stadtschlosses ist noch nicht in Sicht. Aber die Planungen für die Bebauung des gegenüberliegenden Schinkelplatzes zwischen Kommandantur und Bauakademie schreiten fast unbemerkt voran. Sie sind heftig umstritten.

Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit wird in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Bebauung des Schinkelplatzes vorbereitet. Wo sich heute zwischen rekonstruiertem Kommandantenhaus und der Attrappe der Bauakademie noch eine Rasenfläche erstreckt, sollen möglichst bald sogenannte "Townhouses" für gehobenes Wohnen entstehen. Vorbild sind die Townhouses weiter südlich am Auswärtigen Amt, von denen die ersten bereits im Rohbau fertig sind. Nach dem großen Interesse an dieser Form innerstädtischen Wohnens will Senatsbaudirektor Hans Stimmann die gleiche Idee am Schinkelplatz realisieren. Dazu wird derzeit ein Bebauungsplan mit einer Gestaltungssatzung entwickelt. Wie das Ensemble unter diesen Vorgaben aussehen könnte, hat der Berliner Architekt Klaus Theo Brenner in einer Studie für den Senat dargestellt. Die Ergebnisse, die nur für kurze Zeit präsentiert wurden, haben bei Architekten und interessierten Bürgern heftige Proteste ausgelöst.

Die Gesellschaft Historisches Berlin kritisiert sowohl die geplante Nutzung als auch die Offenheit der Gestaltungssatzung für rationalistische Fassaden. Nach Meinung der Vorsitzenden der Gesellschaft, Birgit Lucas, droht hier eine Chance vertan zu werden, "ein angemessenes Gegenüber zum künftigen Stadtschloß" zu schaffen. Dabei seien die Voraussetzungen ideal: Das Kommandantenhaus sei originalgetreu rekonstruiert worden, die Bauakademie solle folgen, die rückwärtige Friedrichswerdersche Kirche habe sich erhalten, schließlich sei die Berliner Hinckeldey-Stiftung derzeit dabei, die Mittel für eine gärtnerische Rekonstruktion der Platzanlage zu sammeln. Es habe aus dem Hause Stimmann immer wieder Signale gegeben, daß man für diesen besonderen Ort eine "historische Lösung" anstrebe. Davon könne angesichts der jetzigen Planung für einen "modernistischen Siedlungsbau" aber keine Rede mehr sein.

Stimmann weist darauf hin, daß für den Schinkelplatz die bisher strengste Gestaltungssatzung Berlins erarbeitet worden sei. Beobachter sehen darin auch eine Reaktion auf den Architektur-Zirkus, der bei den Townhouses am Auswärtigen Amt bevorstehe, wo kaum gestalterische Vorgaben gemacht wurden. Am Schinkelplatz dagegen soll eine einheitliche Gebäudehöhe vorgeschrieben werden, die Fassaden müssen symmetrisch mit Betonung der Mitte angelegt und in hochwertigem Putz aus einer Farbskala von Gelb bis Grau ausgeführt werden. Vorgeschrieben ist außerdem ein zweigeschossiger Sockel, Fenster und Türen dürfen insgesamt 40 Prozent der Fassadenfläche nicht überschreiten.

Stimmann betont, daß es sich bei den Fassaden von Klaus Theo Brenner bisher nur um Studien handelt. "Das ist noch keine konkrete Architektur." Er räumt allerdings ein, daß unter der Gestaltungssatzung Häuser wie in der Brenner-Studie genehmigt würden. "Noch weiter wollen wir bei den Vorgaben nicht gehen. Man kann an dieser Stelle doch nichts Historisches erfinden."

Mehrere Berliner Architekturbüros haben, zum Teil im Auftrag interessierter Investoren, bereits alternative Bebauungspläne erarbeitet. Aus eigener Initiative entwarf das Büro Stuhlemmer einen Vorschlag, der deutlich städtischer wirkt und sich in seiner Architektursprache enger an die Vorkriegsbebauung anlehnt. Die Grundstücke sind unregelmäßig parzelliert, auch die Höhe der Gebäude variiert.

Ob die Senatspläne realisiert werden können, hängt auch davon ab, ob sich ein Investor findet, der unter den Vorgaben des Wohnungsbaus bereit ist, einen hohen Grundstückspreis zu zahlen. Nach Angaben der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die den Verkauf betreut, müsse man von "mindestens 2000 Euro" pro Quadratmeter ausgehen. Da es sich um Grundstücke handele, die vor dem Krieg hochwertige Nutzungen gehabt hätten, sei dieser Anfangswert schon 1991 festgelegt worden. Dies sei ein entscheidender Unterschied zu der Situation bei den anderen Townhouses, wo man deutlich niedrigere Preise aufgerufen habe, weil es dort um die Umwandlung von Grünflächen und Parkplätzen gegangen sei. In der Bundesanstalt will man mit der Vermarktung der Grundstücke am Schinkelplatz erst beginnen, wenn "solides Baurecht" vorliegt - und das werde frühestens im Sommer nächsten Jahres sein. Genug Zeit also für die Öffentlichkeit, sich nochmals intensiv mit diesem für das künftige Gesicht der Mitte Berlins so wichtigen Bauvorhaben zu beschäftigen.