Max Raabe erobert New York

Unter amerikanischen Intellektuellen und Self-Made-Millionären ist es ein geflügeltes Wort. Eltern fragen ihre Kinder: "Wie kommt man zur Carnegie Hall?" Und geben nach einer kurzen, pädagogisch motivierten Pause selbst die Antwort: "Üben, üben, üben."

Mittwochabend (Ortszeit) New York. Max Raabe und sein Palastorchester haben gerade ihr Konzert im Untergeschoß der Carnegie Hall gegeben. "Mein Gorilla hat ne' Villa im Zoo" und "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt", aber auch englischsprachige Klassiker, "Singin' in The Rain" in der Version von 1929. Standing Ovations, 650 Zuschauer in der ausverkauften "Zankel Hall" trampeln, klatschen, fordern Zugaben. Ausnahmezustand auch hinter der Bühne: Immer wieder fallen sich Max Raabe und seine zwölf Musiker in die Arme. Der Sänger, eigentlich für sein maskenhaftes, sehr kontrolliertes Minenspiel bekannt, strahlt einfach nur noch über das ganze Gesicht. Szenen wie nach einer gewonnenen Fußball-WM. Und irgendwie haben die Berliner ja auch gerade einen imaginären Weltmeistertitel errungen. Frank Sinatra, Miles Davis, Maria Callas: Wer in der Carnegie Hall auftritt, hat es im Musikgeschäft ganz nach oben geschafft. "Es war phänomenal, wirklich berauschend", sagte Raabe gestern dieser Zeitung. Lampenfieber gehört in der Entertainment-Branche dazu: Der Sänger bekämpfte es mit einem Spazierung durch den Central Park. "Vor dem Konzert hatten wir einen Fototermin vor der Carnegie Hall. Wir haben einfach angefangen, auf der Straße Musik zu machen, die Leute sind stehengeblieben, es war sehr speziell. In diesem Moment bin ich schon sehr nervös geworden."

Raabe war bereits vier Tage vor dem Auftritt nach New York gereist: "Um in den Rhythmus zu kommen." Ein Auftritt sei schließlich auch immer eine Chance, sich zu blamieren: "Ich hätte mir im Flieger eine Halsentzündung holen können, oder jemand vom Orchester wäre ausgefallen." Aber New York erwies sich als "Freund, ein guter Freund": "Wir hatten knapp 14 Grad und blauen Himmel, konnten die meiste Zeit ohne Mantel herumlaufen. Es war herrlich." Raabe lief auf der Eisbahn vor dem Rockefeller-Center Schlittschuh, bummelte durch Soho, probierte Hot Dogs und besuchte Jazzclubs und Stand Up Comedian Bars - als Zuschauer. "Man kann immer etwas lernen. Mir war schon vor der Reise klar, daß die Amerikaner keinen Deutschen brauchen, der ihnen das Showbusiness erklärt."

Der Gentleman-Aufstieg des Max Raabe: Geboren wurde er 1962 als Matthias Otto in Westfalen. Während seines Studiums in Berlin jobbt der zukünftige, staatlich geprüfte Opernsänger als Gärtner. Tagsüber wühlt er in Blumenerde, abends zieht er sich eng geschnittene Anzüge an und geht ins Konzert. Die korrekt gebügelten weißen Oberhemden, der strenge Seitenscheitel, der Frack. Über sein Äußeres sagt Raabe: "Das ist alles weder Kalkül noch Marketing-Gag. Ich bin, was ich immer war. Ich schätze Stil und eine gewisse Eleganz von Jugend an, so wie mir auch früh die Lieder auf den Schellack-Platten der zwanziger und dreißiger Jahre ans Herz gewachsen sind. Diese merkwürdige Traurigkeit, die auch in den heiteren Stücken liegt, aber immer charmant vorgetragen - das hat mich schon als Kind gepackt." Sein Palastorchester gründete Raabe, der in Mitte in einem Loft wohnt, 1986. Singen darf er in seinem Zuhause zwischen Säulen, alten Sofas und einem nachträglich eingebauten Kamin nicht. "Freunde haben mir ein Verbot auferlegt. Bei mir ist das nämlich so: Wo ich geh' und steh, fange ich zu pfeifen oder zu singen an." So ist das auch in Deutschland mit dem Erfolg: Davor kommt das Üben, Üben, Üben. Gestern Abend (Ortszeit) wollten Max Raabe und sein Orchester ein Konzert in Philadelphia geben, am Wochenende fliegt das Team dann zurück. "New York, das war drei Tage Größenwahn. Wenn wir zurück in Berlin sind, dann laufen wir wieder auf dem Teppich." 2007, verriet Raabe, könnte es durchaus erneut einen Auftritt des Palastorchesters in der Carnegie Hall geben: "Die Direktion hat uns gefragt, was uns natürlich sehr gefreut hat. Ein Termin steht aber noch nicht fest."