Interview

"Ich rede nichts schön"

Das neue Schuljahr hat in Berlin für viele Schulen mit Lehrermangel, Raumnot und zum Teil übervollen Klassen begonnen. Schulleiter suchen händeringend nach Personal, und viele Eltern sind verärgert. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) betont indes immer wieder, dass alle Schulen mit 100 Prozent ausgestattet sein werden.

Regina Köhler und Christine Richter sprachen mit dem Senator über den schwierigen Start ins Schuljahr 2010/2011 und darüber, was für das nächste Jahr bei der Organisation von Schule unbedingt verbessert werden muss.

Berliner Morgenpost: Herr Zöllner, warum reden Sie die Probleme beim Start ins neue Schuljahr schön?

Jürgen Zöllner: Ich rede nichts schön. Dass es im Einzelfall Probleme gibt, bestreite ich nicht, gehe aber davon aus, dass wir diese Probleme so gut lösen werden wie in den letzten beiden Schuljahren auch.

Berliner Morgenpost: Viele Eltern haben uns aber von großen Problemen an den Schulen ihrer Kinder berichtet. Es fehlen Lehrer, Unterricht fällt aus, etliche Schulen sind Baustellen.

Jürgen Zöllner: Es gibt eine Differenz zwischen dem, was Schulen an Lehrerstellen brauchen und dem tatsächlichen Bedarf. Der kann aber erst festgestellt werden, wenn die genaue Schülerzahl feststeht. Schulen überschätzen diese Zahl oft. Meist werden in Berlin rund 5000 Schüler jährlich mehr erwartet, als sich dann tatsächlich am Ende in den Schulen befinden. Das allein führt zu einer Überschätzung des Lehrerbedarfs von rund 350 Stellen. Ich würde mir wünschen, dass die Schulleiter mehr Verständnis dafür haben, dass die Verwaltung die genauen schulbezogenen Schülerzahlen noch nicht kennen kann - genau wie sie. Wir werden auf jeden Fall nachsteuern, wo es Bedarf gibt.

Berliner Morgenpost: Seit so vielen Jahren ist das ein Problem. Warum weiß man noch immer nicht rechtzeitig, wie viele Schüler zu Beginn eines Schuljahres da sein werden?

Jürgen Zöllner: Etliche Schüler melden sich an mehreren Schulen an, andere melden sich nicht ab. Hinzu kommt, dass Eltern sich einklagen, ihrem Widerspruch stattgegeben wird und dann plötzlich eine ganze Klasse mehr an einer Schule ankommt. Das alles wissen weder die Schulleiter noch meine Verwaltung im Voraus. Im kommenden Jahr werden wir durch die im Aufbau befindliche Schülerdatei die Zuordnung der Schüler zu den Schulen verbessern. Außerdem werden wir im nächsten Jahr früher mit den Einstellungen beginnen.

Berliner Morgenpost: Warum haben Sie denn nicht schon in diesem Jahr die Lehrerinnen und Lehrer früher eingestellt?

Jürgen Zöllner: Das wird erst jetzt möglich, weil wir uns mit der Finanzverwaltung geeinigt haben, dass wir im nächsten Jahr schon im Frühjahr einstellen dürfen und zwar aufgrund unserer Prognosen. Bislang ging es nach den Prognosen der Finanzverwaltung, die anders waren als die der Bildungsverwaltung.

Berliner Morgenpost: Auch die Schülerdatei sollte es längst geben, seit Jahren wird darüber diskutiert. Wo hakt es immer noch?

Jürgen Zöllner: Zunächst mussten rechtliche Veränderungen durchgesetzt werden. Dann gab es eine breite Diskussion über den Datenschutz, darüber, welche Daten herausgegeben werden dürfen. Das hat alles länger gedauert, als ich dachte. Diese Probleme sind nun gelöst. Jetzt müssen nur in den Schulen noch die technischen Voraussetzungen eingerichtet werden. Die Datei wird im nächsten Jahr helfen.

Berliner Morgenpost: Viele Schulleiter fordern, die Einstellungen selbst in die Hand nehmen zu dürfen. Was halten Sie davon?

Jürgen Zöllner: Die Schulen werden bereits an den Einstellungen beteiligt. Die Verwaltung hat zudem Anweisungen, passgenau einzustellen. Daran wirken die Schulen mit. Bei den so genannten Lehrer-Castings - ich mag dieses Wort nicht - werden die Schulleiter an einen zentralen Ort eingeladen, wo sie sich dann die Lehrer aussuchen können, die sie benötigen. Das ist für die Schulleiter eine Bereicherung.

Berliner Morgenpost: Die Schulleiter kritisieren, dass Ihre Verwaltung die Daten nicht richtig pflegt. Da werden zum Beispiel Lehrer weiter als vorhanden geführt, die aber längst nicht mehr vor Ort sind. Warum passiert dies immer noch?

Jürgen Zöllner: Das ist ein wechselseitiges Problem. Einige Schulen pflegen die Daten nicht richtig, die Verwaltung aber auch nicht in jedem Fall. Ich will deshalb eine gemeinsame Datenbasis einführen, auf die sowohl die Schulen als auch meine Verwaltung zurückgreifen können.

Berliner Morgenpost: Schulen wie Eltern klagen über Fachlehrermangel, vor allem in den Naturwissenschaften. Was tun Sie dagegen?

Jürgen Zöllner: Das ist ein bundesweites Problem. Aber wir haben in Berlin bei den momentanen Einstellungsverfahren auch Mangelfächer abdecken können und zwar mit guten Leuten. Bei der Nachsteuerung, die es jetzt geben wird, gibt es Probleme mit Mathematik und Physik. In diesem Bereich fehlen bundesweit Lehrer. Berlin bildet wenigstens weitaus mehr junge Lehrkräfte aus, als in unserer Stadt eingestellt werden können.

Berliner Morgenpost: Berlin gibt im Vergleich mit anderen Bundesländern sehr viel Geld für die Bildung aus, schneidet aber bei den meisten Bildungsstudien schlecht ab. Wie erklären Sie sich das?

Jürgen Zöllner: Im Bereich der leistungsstarken Schüler liegt Berlin immer ganz weit vorn. Nun haben wir in der Stadt aber auch besonders viele leistungsschwache Schüler. Die kommen aus einem bildungsfernen Umfeld. Das werden wir nie ganz kompensieren können. Dennoch: Berlin macht so viele Ganztagsangebote wie kein anderes Bundesland. Neben dem Grundschulbereich werden wir mit den Sekundarschulen auch im Oberschulbereich eine flächendeckende Ganztagsbetreuung anbieten. Das ist der einzige Ansatzpunkt, um die unterschiedlichen Voraussetzungen bei den Schülern auszugleichen. Die Ganztagsschulen werden helfen, davon bin ich überzeugt.

Berliner Morgenpost: Kommen wir noch einmal zum Personalmangel. Die Berliner Schulen haben ein Budget, um Vertretungslehrer einzukaufen. Das ist in diesem Jahr aber gekürzt worden. Warum?

Jürgen Zöllner: Das Personalkostenbudget ist nicht gekürzt worden. Im Jahr 2008 ist dieser Topf nicht ausgeschöpft worden. Das restliche Geld aus 2008 wurde deshalb mit Beschluss des Hauptausschusses für den Schulbereich, unter anderem für die Einstellung zusätzlicher Erzieher, verwendet. Im Jahr 2009 gab es keine Probleme. In diesem Jahr haben die Schulen das Budget hingegen wesentlich stärker genutzt und doppelt soviel Geld für Honorarkräfte und Projekte ausgegeben. Wir hätten ein riesiges Defizit gehabt, wenn wir dies nicht gestoppt hätten.

Berliner Morgenpost: Wird es auch in diesem Schuljahr eine Lehrerfeuerwehr geben, auf die Berliner Schulleiter zurückgreifen können, wenn nichts mehr geht?

Jürgen Zöllner: Wir haben auch in diesem Jahr eine Lehrerfeuerwehr. In diesem Pool sind 140 Lehrer. Viele von ihnen sind bereits jetzt schon an Schulen, wo es kurzfristige Krankheitsfälle gab.