Bildungspolitik

Berliner Universitäten hoffnungslos überlaufen

Die Ablehnung kam per E-Mail. Der Studienplatz im Fachbereich Kunst- und Bildgeschichte, teilte die Humboldt-Universität (HU) darin mit, könne aufgrund der hohen Bewerberzahl nicht zuerkannt werden.

Wenige Tage später fand Konstantin Krex einen Brief von der Freien Universität (FU) im Briefkasten. Die Fächerkombination Publizistik/Kommunikationswissenschaft sei überlaufen, der Studienplatz müsse leider abgelehnt werden. "Damit habe ich nicht gerechnet", sagt der 20-Jährige aus Prenzlauer Berg ernüchtert. Schließlich habe er einen guten Notendurchschnitt von 1,8 und könne zudem durch seinen bereits geleisteten Zivildienst auf zwei Wartesemester verweisen. So wie Konstantin Krex ergeht es in diesen Tagen vielen jungen Berlinern: Weil die Zahl der Bewerber in der Hauptstadt kontinuierlich steigt, finden Berliner Abiturienten selbst mit guten Noten kaum einen Studienplatz in ihrer Heimatstadt.

An der Humboldt-Universität (HU) etwa kommen viele der Bewerber aus anderen Bundesländern, wie Bayern und Baden-Württemberg. Dort sei der Durchschnitt der Abitur-Note besser, sagt der Vizepräsident der Humboldt-Universität, Uwe Jens Nagel. "Wir sind vom Gesetzgeber verpflichtet, alle Bewerber gleich zu behandeln und niemanden zu bevorzugen", sagt Nagel.

Die Zahl der Bewerber steige ständig, weil Berlin für junge Menschen besonders attraktiv sei, sagt Erik Marquardt von der TU-Studentenvertretung Asta. "Das hat auch damit zu tun, dass Berlin keine Studiengebühren erhebt", sagt er. In München etwa müssten pro Semester 500 Euro gezahlt werden.

Keine Quote für Landeskinder

Auch die Technische Universität (TU) kann sich vor Bewerbern kaum retten. Für das neue Semester liegen 16 466 Anträge vor, davon 9339 aus Berlin und Brandenburg. Zur Verfügung stehen für Erstsemester aber nur 4423 Plätze für zulassungsbeschränkte Studiengänge. Schon jetzt ist für einige besonders gefragte Fächer klar, dass sich viele Bewerber vergeblich beworben haben. So kommen für den Bachelor-Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen 1587 Bewerbungen auf 270 Plätze, der Fachbereich Architektur meldet 1055 Bewerbungen auf 150 Plätze.

Von einer Quote für Kinder aus Berlin und Brandenburg, die sich angesichts solcher Zahlen viele Studierende und ihre Eltern wünschen, hält TU-Präsident Jörg Steinbach dennoch nichts. "Das kann nicht im Sinne der Freiheit der Berufswahl sein", so der Präsident. An der TU Berlin seien gegenwärtig knapp 60 Prozent der Studierenden 'Landeskinder'. "Aus unserer Sicht gibt es darum keine sachliche Grundlage für diese Diskussion."

Auch Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) lehnt eine Quote für Landeskinder ab, weil diese das System qualitativ schwächen würde: "Der Wissenschafts- und Hochschulbereich ist ein Kleinod der Stadt - und das soll auch so bleiben." Ein deutliches Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage gibt es auch an der Freien Universität (FU). Auf 4079 Studienplätze in Bachelor- und Staatsexamens-Studiengängen kamen 41 000 Online-Bewerbungen. Im Vorjahr waren es "nur" 36 000. Publizistik, Psychologie und Betriebswirtschaftslehre gehören nach Auskunft von Goran Krstin, Sprecher des Präsidenten, zu den am stärksten gefragten Fächern. Schon im vergangenen Wintersemester konnte man mit einem Abiturdurchschnitt, der nicht im Einserbereich liegt, nur in wenigen Studienfächern sofort einen Platz ergattern. "Die Freie Universität Berlin entfaltet eine überregionale Attraktivität, nur 40 Prozent der Studierenden sind Landeskinder", sagt Krstin. Aber: Die vorhandene Studienkapazität habe die Freie Universität im Interesse der Studienbewerber stets überbucht.

"Die Zulassungsbeschränkungen sind keine Boshaftigkeit der Universitäten, um Leute rauszuhalten", sagt HU-Vize Nagel. Doch derzeit betreuten an der HU 400 Professoren rund 34 000 Studenten. "Das ist im Vergleich zu US-amerikanischen oder britischen Hochschulen ein sehr schlechtes Betreuungsverhältnis", sagt Nagel. Mit der Situation seien weder die Studenten noch die Universitätsleitungen zufrieden.

Dass sich die Lage in naher Zukunft ändert, ist aber auch aus folgendem Grund nicht zu erwarten: Die Universitäten können nicht eigenständig die Zahl der Professoren erhöhen, um mehr Studenten aufnehmen zu können. "Die Professoren werden über das Land Berlin finanziert, und wir brauchten eben mehr Geld", sagt Nagel. Der Numerus clausus sei deshalb in erster Linie Antwort auf begrenzte Ressourcen.

Eine Landesquote hält auch der hochschulpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Lars Oberg, nicht für den richtigen Weg. "Wir brauchen viel dringender ein bundesweit abgestimmtes Bewerbungsverfahren", fordert er. Das Drama der völlig überbuchten Studiengänge sei zum Großteil selbstgemacht, weil die Mehrfachbewerbungen nicht zentral erfasst würden. Da sich aber jeder Student in der Regel gleich an mehreren Universitäten bewirbt, blieben regelmäßig Studienplätze unbesetzt, die dann erst im Nachrückverfahren vergeben werden können.

Bis 2012, wenn der doppelte Abiturjahrgang in Berlin die Schule abschließt, sollen die Berliner Universitäten 6000 neue Studienplätze für Erstsemester schaffen, insgesamt soll es dann 18 000 Plätze geben. Die HU beteiligt sich mit 1220 Studienanfängerplätzen, von denen 400 in diesem Jahr, 200 im nächsten Jahr und der Rest 2012 geplant sind. "Doch mehr Personal bekommen wir nicht", sagt Nagel. Zwangsläufig werde das die Qualität der Lehre und die Betreuung der Studierenden weiter verschlechtern. "Wir werden uns irgendetwas einfallen lassen müssen, um mit dem Ansturm umzugehen", sagt Nagel.

Hoffen auf das Nachrückverfahren

Der Vizechef der Humboldt-Universität rät den Berliner Eltern, nicht in Panik zu verfallen. "Es darf sich 2012 die Chance auf einen Studienplatz nicht verschlechtern." Doch Berliner Abiturienten müssten sich wie bisher darauf einstellen, Berlin verlassen zu müssen.

Auf die angespannte und teils chaotische Situation haben sich die Berliner Abiturienten inzwischen eingestellt: Anne-Catherine Ziege (20) aus Spandau hat sich aus strategischen Gründen gleich an mehreren Universitäten in ganz Deutschland beworben und es mit verschiedenen Fächern von Publizistik bis Politikwissenschaft versucht. Geklappt hat es trotz ihres guten Abi-Durchschnitts von 2,2 zunächst nur an einer Universität: "Das Fach Publizistik an der FU Berlin wäre meine erste Wahl gewesen. Jetzt habe ich eine Zusage von der Universität Potsdam für den Kombi-Bachelor-Studiengang Germanistik und Soziologie bekommen." Anne-Catherine Ziege findet, dass zu wenige Berliner Abiturienten an den Unis ihrer Heimatstadt zum Zuge kommen: "Es sollten hier definitiv noch mehr Studienplätze geschaffen werden."

Den Abiturienten der Hauptstadt, die bislang Absagen erhalten haben, bleibt erst einmal nur noch die Hoffnung auf die Nachrückverfahren, die im September anstehen.