Bildung

Fachlehrer überall vergeblich gesucht

An vielen Berliner Gymnasien spitzen sich die Probleme zu. Fachunterricht muss ausfallen, weil Lehrer fehlen. Raumnot und Personalmangel führen zu übervollen Klassen und Leistungskursen. Schulleiter suchen verzweifelt nach Fachlehrern, die aber auf dem Berliner Markt nicht mehr vorhanden sind.

Eltern berichteten der Berliner Morgenpost von vielen Schwierigkeiten dieser Art und fordern die Schulverwaltung auf, endlich zu handeln. Ein Beispiel ist das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Spandau: Vier von fünf siebten Klassen haben dort gegenwärtig keinen Mathematik- und keinen Chemieunterricht. Auch in Englisch können nicht alle Stunden gegeben werden. Schulleiter Norbert Verch sagt, dass ihm vier Lehrer fehlen und er nur hoffen könne, "zunächst wenigstens kleine Lösungen zu finden". Verch kritisiert die Einstellungspolitik der Bildungsverwaltung. "Ich wusste schon im März, was ich zum Schuljahresbeginn brauchen werde." Berlin stelle aber erst dann ein, wenn alle anderen Bundesländer längst damit fertig sind.

Am Romain-Rolland-Gymnasium in Reinickendorf fallen gegenwärtig in mehreren Klassen Mathematik und Musikunterricht aus, weil zwei Lehrer fehlen. Schulleiter Rolf Völzke hat zwar versucht, trotz des Mangels den Unterricht "irgendwie zu planen". Volle Kurse seien die Folge, Teilungsunterricht müsse wegfallen. "Wahrscheinlich wird es eine Nachsteuerung geben", sagt Völzke. Das werde dann aber nichts mehr nutzen, weil der Fachkräftemarkt endgültig leer sein werde.

Mieke Senftleben, bildungspolitische Sprecherin der FDP, prangert die Benachteiligung der Gymnasien an. "Sämtliches Geld fließt momentan in die Sekundarschulen", kritisiert sie. Die Gymnasien müssten unterdessen mit Fachlehrermangel und viel zu großen Klassen kämpfen. "Hier muss ein Ausgleich stattfinden", fordert Senftleben. Auch die Gymnasien brauchten kleinere Klassen und eine bessere Versorgung mit Lehrern. Senftleben plädiert dafür, dass die Schulen über mindestens zehn Prozent ihrer Personalkosten selbst verfügen sollen, um die Lehrer einzustellen, die sie brauchen.

Wolfgang Gründer, Schulleiter des Kant-Gymnasiums, wäre über eine solche Regelung sicher froh gewesen. An seiner Schule fehlt ein Lateinlehrer. Lateinunterricht muss deshalb in den achten und neunten Klassen zum Teil ausfallen. Er habe seit Monaten Bedarf angemeldet. Die Verwaltung habe jedoch ignoriert, dass zwei seiner Kollegen in andere Bundesländer abgewandert seien, und sei immer davon ausgegangen, dass er genug Lehrer habe, ärgert sich Gründer.

Personalmangel herrscht auch im Drei-Linden-Gymnasium in Wannsee. Dort fehlt eine Lehrkraft für Englisch und Biologie. Schulleiterin Eva-Johanna Carender-Niemeier hat schon die Kurse vergrößert, trotzdem muss Unterricht ausfallen. "Hinzu kommt, dass wir eine siebte Klasse mehr aufmachen mussten als geplant", sagt die Schulleiterin. Sie habe viele Schüler aus anderen Bezirken aufnehmen müssen. Das führe nun zu Raumnot und dazu, dass Lehrerstunden fehlen.

Eng ist es auch am Georg-Büchner-Gymnasium in Lichtenrade. Dort sitzen in den siebten Klassen jeweils 38 Schüler, wie eine Mutter der Berliner Morgenpost mitteilte. Bei ihrer Tochter sei auch sofort Unterricht ausgefallen, weil Lehrer fehlten. Schulleiter Herbert Sauber bestätigt das. Zwei der drei siebten Klassen seien mit jeweils 38 Schülern eingerichtet worden. "Wir mussten 17 zusätzliche Schüler aufnehmen, deren Eltern sich bei uns eingeklagt hatten", sagt Sauber. Zudem fehlten drei Lehrer. Biologie, Kunst und Latein könnten nur eingeschränkt unterrichtet werden. Ärgerlich sei, dass zwei Berufsanfänger, denen nur ein befristeter Vertrag angeboten worden war, abgesagt hätten, weil sie eine besser bezahlte Anstellung gefunden hätten.

Jens Stiller, Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner, betont, dass die Verwaltung jedem gemeldeten Einzelfall nachgehen und mit Hochdruck nach Lösungen suchen werde. Das sei bereits am Humboldt-Gymnasium in Reinickendorf gelungen. Schulleiter Bernd Kokavecz konnte den Eltern dort in einem Brief mitteilen, "dass uns die Bildungsverwaltung unbürokratisch aus einer schwierigen personellen Lage hilft und einer unbefristeten Einstellung zustimmt". Außerdem habe man mit Vertretungsmitteln eine Lehrkraft mit den Fächern Mathematik und Physik gewinnen können, sodass der Physikunterricht in den neunten Klassen nun wieder erteilt werden könne, heißt es in dem Elternbrief weiter. Nach Angaben des Sprechers wird es auch für das Drei-Linden-Gymnasium eine Lösung geben. "Die Schule wird eine befristete Einstellung vornehmen können", sagt Stiller. Das Georg-Büchner-Gymnasium werde eine weitere siebte Klasse aufmachen dürfen.

Großen Ärger gab es in Friedrichshain-Kreuzberg. Bildungsstadträtin Monika Herrmann (Grüne) musste das Gebäude der Graefe-Kiez-Sekundarschule an der Graefestraße als Unterrichtsstandort schließen. "Das ist noch immer eine Baustelle", sagt sie. Die Schüler ziehen nun vorerst in das Gebäude der ehemaligen Zelter-Schule an der Wilhelmstraße.

"Auch die Gymnasien brauchen kleinere Klassen und mehr Lehrer"

Mieke Senftleben, FDP-Abgeordnete