Bildungpolitik

Keine Lehrer, keine Stundenpläne

Es war abzusehen. Immer wieder hatten Schulleiter vor Beginn des neuen Schuljahres über Personalmangel geklagt. Nun steht fest, dass 35 Prozent der Berliner Gymnasien eine Unterausstattung haben. Das ergab eine Umfrage der Vereinigung der Oberstudiendirektoren des Landes Berlin (VOB) unter ihren Mitgliedern.

Demnach fehlen an 15 Prozent dieser Schulen ein bis zwei Lehrer, 20 Prozent haben einen Bedarf von mindestens zwei Pädagogen.

Ralf Treptow, Vorsitzender der VOB, kritisiert die Einstellungspolitik der Bildungsverwaltung. "Berlin hinkt allen anderen Bundesländern hinterher", sagt er. Viele geeignete Lehrkräfte und vor allem Fachlehrer seien in andere Bundesländer abgewandert. Treptow fordert das Land Berlin auf, die Abwanderung junger Lehrer zu stoppen und diesen nicht nur befristete Verträge anzubieten. Außerdem fordert er, die Datenverwaltung für die Ausstattung mit Lehrkräften den Schulleitungen zu überlassen. Bisher habe die Senatsverwaltung die von den Schulen gemeldeten Daten oft zu spät oder falsch eingegeben. Das folgende Schuljahr habe nicht richtig geplant werden können. "Die Einstellung der neuen Lehrkräfte muss ausschließlich schulbezogen und spätestens im März erfolgen", sagt Treptow.

Von einem "umständlichen System der Lehrerzuweisung" spricht Peter Sinram, Sprecher der Lehrergewerkschaft GEW. Er teilt die Ansicht von Ralf Treptow, dass die Schulen mehr in die Personalplanung eingebunden werden müssten. Sie wüssten schließlich am besten, wer in Ruhestand gehe oder in Mutterschutz. "Das Grundmisstrauen des Senats gegenüber den Schulleitern, dass sie zu hohe Schülerzahlen melden, um mehr Lehrkräfte zu bekommen, sollte der Vergangenheit angehören", sagt Sinram.

Neues Management gefordert

Kritik an der Personalplanung äußert auch Sascha Steuer, Bildungsexperte der CDU-Fraktion. Vor allem das Nebeneinander von zentraler Schulverwaltung, regionalen Schulaufsichten und Personalmanagement der Einzelschulen gelinge seit Jahren nicht. Steuer fordert deshalb, die bisherigen Schulaufsichten aufzulösen und durch ein "zentralisiertes professionelles Qualitätsmanagement in der Senatsbildungsverwaltung zu ersetzen". Dafür sollten Betriebswirte eingesetzt werden. "Qualitätsmanagement ist eine betriebswirtschaftliche Aufgabenstellung. Schulräte und Bildungsbürokratie sind damit offensichtlich überfordert", sagt Steuer.

Auch am zweiten Schultag hat es gestern wieder Probleme an den Schulen, so zum Beispiel an der Solling-Sekundarschule in Marienfelde gegeben. Schulleiter Johann-Peter Bröder ist erbost darüber, dass er seine sechs neuen siebten Klassen mit jeweils 28 Schülern einrichten musste. Die Schulreform sieht hingegen eine Klassenstärke von 25 Schülern vor. "Unter diesen Bedingungen können wir die individuelle Förderung der Kinder, die zum Kernstück der Sekundarschule gehört, nicht zufriedenstellend umsetzen", sagt Bröder. Hinzu komme, dass die Lehrerausstattung seiner Schule nicht optimal sei. Zwei Lehrer für die Fächer Physik/Informatik und Spanisch fehlten. Es gebe einen Notstundenplan, der den Regelunterricht abdeckt, Förderstunden müssten aber wegfallen, so Bröder. Der Schulleiter findet die Ausgangsbedingungen für seine Sekundarschule inakzeptabel. "Wir haben für den siebten Jahrgang Profilklassen mit Schwerpunkt Spanisch, Informatik, Französisch und Praktische Arbeit eingerichtet. Die können unter diesen Bedingungen nicht so arbeiten, wie wir das wollten."

Rodger Gapp, Schulplaner des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, räumt enorme Belastungen für die Solling-Schule ein. Das habe damit zu tun, dass an der Georg-von-Giesche-Sekundarschule aus baulichen Gründen acht Unterrichtsräume gesperrt werden mussten. "Eine ganze siebte Klasse mussten wir auf andere Schulen verteilen", so Gapp. Weitere 80 Schüler, die ursprünglich in anderen Bezirken zur Schule gehen wollten, hätten dort keinen Platz bekommen und ebenfalls noch untergebracht werden müssen.

Viel zu volle Klassen hat auch die Beucke-Schule in Zehlendorf. Diese Realschule wird erst im kommenden Jahr zur Sekundarschule und dann mit der Alfred-Wegener-Realschule fusionieren. Eine Familie aus Lichterfelde, deren Tochter jetzt die siebte Klasse der Beucke-Schule besucht, berichtet der Berliner Morgenpost, dass die siebten Klassen viel groß seien.

Schulleiterin Edelgard Erhardt bestätigt, dass die drei siebten Klassen mit jeweils 32 Schülern eingerichtet werden mussten. "Wir haben viele Schüler zugewiesen bekommen, die keinen Platz an der Wilma-Rudolph-Sekundarschule (ehemals Gesamtschule) bekommen haben", sagt sie.

Eine andere Mutter schrieb der Berliner Morgenpost, dass von einem reibungslosen Schulstart an der Friedrich-Bayer-Schule in Steglitz, die von einer Realschule in eine Sekundarschule umgewandelt wurde, keine Rede sein könne. "Einen Stundenplan gibt es wegen des Lehrermangels noch nicht", heißt es. Außerdem habe ihre Tochter noch keinen festen Klassenraum, weil die Bauarbeiten an der Schule nicht abgeschlossen seien.

Bauarbeiten verzögern sich

Michael Füllner, Schulleiter an der Friedrich-Bayer-Schule, hätte sich auch einen besseren Start in das Schuljahr 2010/211 gewünscht. "Das ganze Haus ist eine Baustelle", sagt der Rektor. So ziehe sich zum Beispiel der Einbau eines Fahrstuhls durch das gesamte Schulgebäude. Die Bauarbeiten seien vier Wochen im Rückstand, die Fachräume für Physik, Chemie und Biologie fehlten noch komplett. Auch den Lehrermangel konnte der Schulleiter bestätigen. Vier Stellen seien derzeit nicht besetzt, darunter zwei Stellen von Langzeiterkrankten, so Füllner. Für Vertretungskräfte habe er aber kein Geld mehr. Das entsprechende Budget sei auf null, weil er den Rest an den Senat zurückgeben musste.

Bitte schreiben Sie uns, welche Erfahrungen Sie oder Ihre Kinder in den ersten Schultagen gemacht haben. Schreiben Sie uns eine E-Mail mit dem Stichwort "Schulstart" an die Adresse aktionen@morgenpost.de

Ich gehe davon aus, dass alle Schulen eine Personalausstattung von 100 Prozent haben werden