Piano Days

Einladung zum ganz privaten Klavierkonzert

Auf den ersten Blick braucht es nicht viel. Ein Klavier. Ein Wohnzimmer. Ein Programm, das 45 bis 70 Minuten lang dauert. Ein Freund, der die Eintrittskarten kontrolliert. Und leidenschaftliche Spielfreude.

Mehr nicht. So steht es auf der Internetseite von Piano City. Man müsse lediglich ein Video von sich hochladen, auf YouTube. Dort solle man in einer Minute erklären, wer man ist, seit wie vielen Jahren man schon spielt und warum man an der Konzertreihe in Berlin teilnehmen will, bei der am 23. und 24. Oktober 75 Pianisten im eigenen Wohnzimmer spielen werden. Und das Ganze auch noch vor Publikum, mindestens vor fünf Personen. Nur von dem Mut, den es dafür braucht, davon steht da nichts.

Denn es sind nicht alle Profis, die dort mitmachen. Keine Konzertpianisten, solche, die es gewohnt sind, vor Hunderten Menschen auf Bühnen aufzutreten. Sondern Freizeitspieler, die zwar schon seit Jahren Klavier spielen, doch niemals vor großem Publikum. So wie 9 ½ Finger, wie sich der 29-Jährige aus Wedding auf seinem Bewerbungsvideo nennt. Er hat zwar früher Musiktherapie in Marburg studiert. Doch jetzt arbeitet er hauptberuflich als Webentwickler.

Oder wie Nadine Kaufmann aus Prenzlauer Berg. Die 22-Jährige macht gerade eine Ausbildung zur Mediengestalterin und spielt erst seit zwei Jahren. Doch im Oktober will sie schon vor acht Personen spielen, vielleicht auch vor zehn.

Sophia Grevesmühl hat da schon mehr Erfahrung. Die 28-Jährige aus Kreuzberg spielt seit 24 Jahren. Sie hat an der Universität der Künste studiert, hier in Berlin, spielte dort jeden Tag viereinhalb Stunden Klavier. Sie weiß, wie es sich anfühlt, ein 25 Minuten langes Stück sechs lange Monate einzuüben, bis es dann endlich sitzt. Kennt das Gefühl, wenn die Finger an der einen verflixten Stelle nicht gehorchen wollen. Und die Aufregung kurz vor einem Konzert, wenn sie dann ganz allein vor den 88 Tasten sitzt, alle sie ansehen - alles das kennt Sophia Grevesmühl auch. "Ich bin vor Auftritten schon sehr nervös. Das ist auch der Grund, warum ich niemals Berufsmusikerin geworden bin. Und wenn ich dann doch mal vor anderen spiele, dann schließe ich immer meine Augen kurz davor. Und atme durch. Einmal. Zweimal", sagt Grevesmühl. "Und damit man nicht hört, dass meine Finger ein wenig zittern, fange ich gerne mit Stücken an, die langsam beginnen. Denn, wenn ich dann erst einmal angefangen habe, dann bin ich auch nicht mehr nervös. Das geht ganz schnell." Deshalb werde sie im Oktober auch zuerst mit Bach beginnen, sagt Grevesmühl, mit einem Präludium des Wohltemperierten Klavier in C-Dur.

Andreas Kern erinnert sich noch ganz genau daran, wie ihm die Idee zu Piano City kam. Vor bald eineinhalb Jahren war das, im April 2009. In Turku, einer Stadt im Südwesten Finnlands, spielte er ein Konzert mit drei anderen Pianisten für die Deutsch-Finnische Gesellschaft. "Nach dem Auftritt saßen wir in einem Café und unterhielten uns darüber, dass der Beruf des Pianisten oft einsam sei und wie man so etwas ändern könnte", sagt Kern. "Man spielt immer alleine. Niemals mit anderen. Aber warum eigentlich?" Und dann begann Kern zu rechnen. Wie viele Pianisten wohl in Berlin leben? Da gibt es die Hochschule für Musik Hanns Eisler. Dann noch die Universität der Künste, an der auch Klavierspielen gelehrt wird. Dazu noch diejenigen, die einfach so spielen, für sich, zu Hause. Also, einige Hundert bestimmt. Die Idee war geboren. Dann ging alles ganz schnell. Kern ließ eine Internetseite bauen, auf der sich jeder per Video bewerben konnte und bestimmte eine vierköpfige Jury. Diese sollte alle Bewerbungen prüfen. "Keine, die wirklich streng jeden Ton bewertete, der schief war", sagt Kern. "Wir wollten damit nur verhindern, dass da jemand Hänschenklein spielt." Gesucht waren schon solche, die ihrem Publikum etwas bieten wollen.

So wie Sophia Grevesmühl. Sie war die Erste, die sich auf der Internetseite von Piano City beworben hat. Am 31. Mai war das. Eine Freundin, die das Konzert mitorganisiert, hatte ihr davon erzählt. "Ich war sofort begeistert von der Idee. Auch wenn das schon etwas sehr Persönliches ist", sagt Grevesmühl, die hauptberuflich als Musikmanagerin arbeitet. "Schließlich sehen die Gäste alles. Was für Schränke in meiner Wohnung stehen, die Lampen, was für Bilder an meinen Wänden hängen. Einfach alles." Damit ihre Gäste sich bei ihr im Wohnzimmer wohlfühlen und nicht "fremdeln", wird sie Kekse servieren und Getränke. Dann könne sie nach ihrem Konzert auch noch mit ihren Gästen plaudern. "Ich will schon wissen, warum die Leute sich das nun angehört haben. Und warum sie gerade zu mir gekommen sind. Ich meine, es gibt ja auch noch andere Pianisten, die an dem Tag spielen", sagt Grevesmühl. Wann sie ihren Auftritt haben wird, weiß sie noch nicht. Fest stehen nur die Tage, der 23. und der 24. Oktober, aber die Uhrzeit noch nicht. Nur eines ist jetzt schon sicher: Sophia Grevesmühl wird auf dem kleinen Hocker vor ihrem Klavier sitzen, einem Boston.