Schulreform

In Berlin fehlen noch 250 Lehrer

Vielen Siebtklässlern ist noch nicht klar, dass sie nun an einer Sekundarschule lernen werden. Davon habe sie noch nichts gehört, sagt zum Beispiel Sarah. Darunter vorstellen könne sie sich auch nichts. Sarah will Kosmetikerin werden, seit gestern ist sie Schülerin der Friedensburg-Sekundarschule in Charlottenburg. Dorthin ist sie am ersten Schultag zusammen mit ihrer Mutter gekommen, um sich über Stundenpläne und Klassenzusammensetzung zu informieren.

Sarah gehört zu den 175 neuen Oberschülern, die sich gestern auf den Weg zur Friedensburgschule gemacht haben, viele mit Eltern oder Freunden. Dass eine wichtige Schulreform gestartet ist und sie zum ersten Sekundarschul-Jahrgang gehören, ist den wenigsten von ihnen bewusst. Viel wichtiger ist ihnen hingegen, mit welchen Klassenkameraden und Lehrern sie zu tun haben werden.

Holperiger Start

Etwas anders, aber dennoch routiniert - so beschreibt Paul Schuknecht, Schulleiter der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg, den Neustart seiner Schule als Sekundarschule, von dem zunächst die acht siebten Klassen betroffen sind. Der Unterricht im Klassenverband, das Konzept der Berufsorientierung - alles sei lange und gut vorbereitet, so der Schulleiter. Und dennoch holpert es am ersten Tag an vielen Schulen in Berlin. Die größten Probleme: Lehrermangel und Bauarbeiten.

Uta Schröder von der Vereinigung der Berliner Schulleiter rechnet damit, dass berlinweit rund 250 Lehrkräfte fehlen. Die Lehrergewerkschaft habe jetzt eine Umfrage gestartet, deren Ergebnisse Ende der Woche vorliegen werden, sagte sie.

An der Friedensburg-Sekundarschule fehlen zum Start mindesten sechs Lehrer. Betroffen sind die Fächer Mathematik, Ethik und Englisch. "Besonders in Mathematik wird es knirsch in dieser Woche", sagt Schulleiter Paul Schuknecht, der zugleich auch Vorsitzender der Berliner Schulleiter-Vereinigung ist. In der kommenden Woche soll ein Mathematiklehrer kommen, den er aus seinem Budget für Vertretungskräfte bezahlt.

An vielen Schulen ist dieses Personalkostenbudget (PKB) allerdings bereits aufgebraucht. Manuela Gregor von der Interessenvertretung Berliner Schulleiter kritisiert in diesem Zusammenhang den Beschluss der Bildungsverwaltung, die kürzlich verfügt hat, dass Schulen eingesparte Vertretungsmittel wieder abgeben müssen. "Ich habe nun keine Mittel mehr und kann Arbeitsgemeinschaften wie Sport oder Ergotherapie nicht organisieren", sagt Gregor, die die Förderschule am Zillepark in Mitte leitet. Nicht wenige Schulen brauchten die PKB-Mittel zudem, um Fachlehrer einzukaufen. "Viele Schulen haben zwar eine 100-prozentige Personalausstattung, aber trotzdem nicht die Lehrkräfte, die sie dringend brauchen", sagt Gregor. Die Bildungsverwaltung scheint aber davon auszugehen, dass alle Schulen über ausreichend Vertretungsmittel verfügen. Die Schulleiter haben dieser Tage ein Schreiben bekommen, in dem es heißt, dass eine fehlende Lehrkraft drei Monate lang mit PKB-Mitteln finanziert werden muss, erst dann übernehme die Verwaltung die Finanzierung.

Die Personal-Finanzierung ist allerdings nur eine Seite des Problems. Hinzu kommt, dass es an Fachlehrern mangelt und so manche Stelle zwar vorhanden ist, aber nicht besetzt werden kann. So ist zum Beispiel eine Lehrerstelle im Fachgebiet Naturwissenschaften am Gottfried-Keller-Gymnasium im Mierendorffkiez noch unbesetzt. Zwei zusätzliche Lehrerstellen, mit denen Schulleiter Eberhard Kreitmeyer für den Ganztagsbetrieb gerechnet hatte, sind gar nicht erst bewilligt worden. Trotzdem startet er voller Optimismus in den Ganztagsbetrieb. Denn das Herzstück seines Schulkonzepts - eine neue Mediothek, in der die Schüler sich treffen, lernen und lesen können - ist rechtzeitig fertig geworden. Die Arbeitstische stehen bereits, jetzt müssen nur noch die Computer angeschlossen und die Handbibliothek eingerichtet werden.

Dieses Glück hat die neue Grundschule an der Danziger Straße nicht. Probleme mit dem Schulhof und beim Umzug haben gestern den Start in dem sanierten Schulgebäude verhindert. 320 Zweit- bis Sechstklässler mussten vorübergehend in der Grundschule am Senefelder Platz untergebracht werden. "Für zwei Tage, maximal eine Woche", sagt die zuständige Stadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). Sie gehe aber davon aus, dass morgen der normale Schulbetrieb an der Danziger Straße startet.

Elternarbeit ist ein Schwerpunkt

Spätestens in der Aufnahme-Feierstunde hat auch der letzte Schüler an der Friedensburg-Oberschule erfahren, dass er nun an einer Sekundarschule lernt. Der Schulleiter spricht von einem "Abschnitt, der besonders aufregend ist, weil er mit etwas Neuem beginne". So sei die Berufswahl von Anfang an ein Thema, mit dem sich alle auseinandersetzen müssten. "Die Welt steht euch offen, wenn ihr was könnt", appelliert er an die neuen siebten Klassen. Einige Eltern sind immer noch skeptisch. Sie sei kein Freund von der neuen Schulform, sagt Melanie Teuner, die ihre Tochter Charmaine begleitet hat. Denn das Konzept funktioniere in ihren Augen nur, wenn mehr Lehrer eingesetzt werden würden.

Viele Schulleiter, zu denen Paul Schuknecht von der Friedensburg-Sekundarschule und Bernd Böttig von der Sekundarschule Skalitzer Straße in Kreuzberg gehören, sind trotz allem optimistisch. "Wir machen eine ganz neue Schule und stellen mit unserer Möglichkeit, das Abitur in 13 Jahre abzulegen, sogar eine Konkurrenz zu den Gymnasien dar", sagt etwa Bernd Böttig. Wichtig sei allerdings, dass die Eltern mitzögen. Seine Schule habe die Elternarbeit deshalb zu einem Schwerpunkt erklärt.