Die haarsträubende Mutterliebe der Malaienbärin Tina

Foto: Augen-Blick / Elsässer

Können Mütter zu sehr lieben? Sie können. So sehr sogar, daß sie mit ihrer übermäßigen Fürsorge das Leben ihres Nachwuchses gefährden. Eine solche Mutter lebt im Berliner Tierpark, und jedes Jahr wieder spielt sich im Gehege der Malaienbären ein Drama ab. Bärin Tina bringt im Frühjahr ein Jungtier zur Welt und liebt es so sehr, daß sie es fast pausenlos hält und leckt. Dabei zupft sie ihm mit ihrer rauhen Zunge die Haare aus. Jedes Haar hinterläßt eine kleine Wunde, die sich infizieren kann. "Das erste Jungtier ist uns an einer solchen Infektion eingegangen. Seitdem müssen wir ihr die Jungtiere wegnehmen und sie mit der Flasche aufziehen", sagt Tierpflegerin Evelyn Schmidt.

Malaienbären sind die kleinsten Vertreter der großen Bären. Sie haben ein dunkles, kurzhaariges Fell mit einem hellen Fleck auf der Brust und bewohnen die tropischen Regenwälder Südostasiens. Dort sind sie allerdings selten geworden, die Arterhaltung liegt Zoologen in der ganzen Welt am Herzen. Und deshalb wird jedes Jahr wieder der Versuch unternommen, Bärin Tina ein Jungtier bekommen und es selbst aufziehen zu lassen. In diesem Jahr geschah es zum fünften Mal. Am 28. April wurde Matú geboren, aber alles Hoffen der Tierpfleger war umsonst. Nach nur acht Wochen hatte der Kleine so viele kahle Stellen am Körper, daß das Risiko zu groß wurde. Mutter und Sohn wurden getrennt, Matú zog in das angrenzende Gehege und bekam seine Milch (und reichlich Streicheleinheiten) fortan von den Tierpflegern.

Es dauerte einige Tage, dann hatte sich der junge Bär von der Trennung erholt. Die dunklen Haare wuchsen schnell wieder nach, und obwohl Matú inzwischen die arttypischen langen und sichelförmigen Krallen hat, trauen sich die Tierpfleger noch zu ihm ins Gehege, täglich ist von 11 bis 12 Uhr und 14 bis 15 Uhr Spielstunde angesagt. Im Gegensatz zu seinem großen Bruder Frodo, der im vergangenen Jahr vor seiner liebevollen Mutter gerettet werden mußte, macht Matú den Tierpflegern allerdings auch Sorgen. Er ist nämlich ziemlich mäkelig mit dem Futter. "Es ist das Grauen", stöhnt Evelyn Schmidt. Die Milchflasche, Griesbrei und Banane aus der Hand läßt Matú sich noch gefallen, aber dann ist für den Allesfresser auch schon Schluß - selbst das süßeste Obst verschmäht er. Mit dem Klettern gibt es ebenfalls Probleme. Irgendwie traut Matú sich noch nicht so richtig. Die Tierpfleger gehen deshalb mit ihm ins Training und setzen ihn auf Baumstümpfe oder locken ihn am Gitter in die Höhe.

Bei Frodo war das vor einem Jahr anders. Dem konnten kein Baum und kein Gitter zu hoch sein, und ständig machte er Faxen, die ihm den Spitznamen "Clown" eintrugen. Im Tierpark gibt der Clown zur Zeit allerdings seine letzten Vorstellungen.

Noch in diesem Herbst wird Frodo Berlin verlassen. Die Nachfrage nach jungen, zuchtfähigen Malaienbären ist groß, ein neues Zuhause bereits gefunden. Matú dagegen wird noch im Tierpark bleiben. Wenn in den kommenden Wochen nichts dazwischen kommt, wollen die Tierpfleger zum Jahreswechsel ein Experiment mit ihm wagen. "Wenn er groß und stark genug ist, könnte er zu seiner Mutter zurück", sagt Tierpfleger Michael Horn. Ob sich die beiden dann wohl als Mutter und Sohn wiedererkennen?