Parkour-Sport

Auf dem schnellsten Weg durch Berlin

| Lesedauer: 8 Minuten
Alexandra Kilian

23.10 Uhr an der Spreepromenade gegenüber vom Hauptbahnhof: Ben Scheffler zupft sein schwarzes Shirt an den Schultern zurecht. Zwei Meter vor ihm: fünf Stufen. Drei Meter weiter: Eine Mauer, auf gleicher Höhe.

Dahinter: Fünf Meter Tiefe, dann Fußweg und Spree. Plötzlich ballt er die Fäuste, geht leicht in die Knie. Sein drahtiger Körper wird hart, er rennt los - und drückt sich ab. Blitzschnell zieht er die Knie an, spannt den Oberkörper auf. Wie eine Fledermaus im Steilflug teilt er die Luft. Lautlos. Kein Bahn-Getöse von drüben, kein Party-Geplapper der Strandbarbesucher von unten dringt durch. Dann jäh - Ben landet, schwankt - und steht. Bahn und Bar werden wieder lauter.

Was aussieht wie die waghalsige Mutprobe eines Leichtsinnigen, ist Sport - Ben Scheffler trainiert Parkour. Normalerweise kraxelt und kriecht er nur auf offiziellem Trainingsgelände. Doch in dieser Nacht nimmt Ben gemeinsam mit Freunden Angriff auf das Regierungsviertel. Alle sind Profi-Traceure - so heißen die Sportler. Sie nehmen den schnellsten Weg von A nach B. Mitten durch die Stadt. Hindernisse sind ihre Herausforderung, Hilfsmittel gibt es nicht.

Sie klettern "wie die Stadtaffen"

"Weiter jetzt", ruft Ben den anderen zu, "balancieren!" Es geht Richtung Bundestag. Rucksäcke werden gezurrt. Dann hüpfen die Traceure auf das Geländer am Spreeufer. Sie greifen, federn vom Boden und landen auf dem schmalen Lauf. Mit einem Satz. "Wie die Stadtaffen", sagt einer von ihnen. 200 Meter sind es bis zum Ziel, bis das Geländer auf die nächste Brücke trifft. Das Wasser spiegelt Licht herauf, gegenüber knattert ein Moped. Ben ist vorn. Ein Dreitagebart markiert sein kantiges Gesicht. Seit er 18 ist, trainiert Ben Scheffler regelmäßig. Damals faszinierte ihn ein Video von David Belle, dem Erfinder von Parkour. Mit Kumpel Martin gründete er die Berliner Parkour-Community Team ADD - heute ParkourONE Berlin.

Durch Musikclips wie Madonnas "Hung up" mit Actionszenen von Parkour-Sportlern oder selbst gedrehte Clips auf Plattformen wie YouTube wird das Bild des Schluchtenspringers immer populärer. Und damit anfälliger für Fehlinterpretationen. "Das Ding ist, dass viele Leute denken, dass du als Gangster durch die Gegend rennst und guckst, wo du am besten einsteigen kannst", sagt Ben und fährt sich über den kurz geschorenen Schädel. In Amateurvideos hetzen coole Typen über Autos, Häuser, durch fremde Vorgärten - und werden von vielen untrainierten Jugendlichen nachgeahmt. Dies sei die eigentliche Gefahr, sagt Ben. Denn denen fehle oft die gesunde Selbsteinschätzung, die körperliche Fitness - und sie verletzen sich.

Ben ist jetzt allein auf dem Geländer. "Los, 15 Meter noch!", ruft Alex Ben zu. Zwei Radfahrer halten. Beobachten Ben. "Dass der sich nicht wehtut", sagt der eine. "Sieht aus, als könnte er's", sagt der andere. Ben kann's. Er hat sich noch nie ernsthaft verletzt. "Klar kann man sich auch mal wehtun, aber als Profi nicht mehr als bei anderen Sportarten auch! So ein Turner fällt doch auch mal vom Barren." Er balanciert weiter. Um Vorurteilen vorzubeugen, hat die Community Richtlinien zum Training und zum Umgang mit der Öffentlichkeit erstellt. Und vor zwei Monaten eine verbotene Liste von Begriffen, die nicht in den Zusammenhang mit Parkour gebracht werden dürfen. "Risikosport" oder "Spiderman" zum Beispiel. Beim Training für Anfänger darf die Presse nicht dabei sein. Die Community möchte jegliche Ablenkung bei den schwierigen Übungen vermeiden. "Die Verletzungsgefahr ist einfach zu groß, wenn die Anfänger eine Kamera sehen", sagt Ben.

Die Crew steht auf der Brücke an der Konrad-Adenauer-Straße. Rucksäcke knallen auf den Boden, Wasserflaschen werden hervorgezogen. Ben will runter ans Ufer und dann - den Brückenpfeiler senkrecht wieder hoch. Er greift ans Geländer, holt Schwung, reißt die Beine hoch und - wupp - ist rüber. Er lässt sich fallen - landet sicher. Eine Gruppe Touristen hat's gesehen. Bleibt auf der Brücke stehen. Unten rennt Ben los. Auf die Steilwand zu, drei, vier Meter an ihr hoch, wie ein Fassadenkletterer auf der Flucht flitzt er senkrecht in die Luft. Er greift nach dem Geländer, ein Klimmzug, dann springt er auf die Brüstung. Ein "Aaaah" kommt von der Brücke. Die Touristen klatschen. Ein Pärchen kommt dazu. "Ist das nicht voll gefährlich?", fragt sie. Er zuckt mit den Schultern.

Ben nerven solche Fragen. "Für die sieht das gefährlich aus. Aber das ist nicht von Haus zu Haus springen oder megamäßig stylish über irgendwas rüberkommen", sagt er. Die Philosophie von Parkour sei eine ganz andere: Respektvoller Umgang mit der Umgebung. Und: keine gefährlichen Übungen, nur, um zu beeindrucken. Die Community grenzt sich bewusst ab von Sportarten wie Freerunning, das akrobatische Elemente mit denen von Parkour vermischt. Waghalsigen Trendsport, gebrochene Rippen und Gesetze - genau das will Parkour nicht. Der Grundgedanke sei die Rückkehr zu den ursprünglichen Bewegungsformen, einen Wettbewerb gebe es nicht.

"Jetzt aber weiter", sagt Ben. Ab durch Mitte. Im Nikolaiviertel am Spreeufer entlang. Eine Brücke. Davor ein Gehweg, rechts von einem Geländer, links von einer Mauer begrenzt. Ben misst mit den Schuhen den Abstand dazwischen, wie beim Tip-Top-Spiel, Fuß vor Fuß. Zwei Meter sind es. Er hüpft auf das Geländer, fixiert die Mauer gegenüber. Hocke, Pause, dann schnellt er hoch, fliegt - und trifft mit den Händen auf die Mauerkante. Er krallt sich fest, baumelt, nur seine Finger halten ihn.

Plötzlich: Polizei. Ein Streifenwagen hält. Ben zieht sich hoch, in den Stütz, seine Füße kraxeln den Rest der Mauer hoch. Geschafft. Aus dem Polizeiwagen die Fragen: "Was macht ihr denn?" - "Parkour - also Krafttraining", antwortet Ben. "Hm, wenn's dabei bleibt - dann ist okay", grummelt der Polizist. Die Traceure laufen Richtung Museumsinsel. "Letzter Spot für heute", sagt Ben. Der Graben vor dem Bode-Museum. Ein Eisenzaun davor. Ben springt drauf, stützt die Füße ab, bleibt kurz in der Hocke. Ein Kombi kommt näher, hält neben der Crew. Beats dringen aus dem Wagen. Drei Männer sitzen drin. Wiesbadener Kennzeichen. Einer springt raus. "Ey, zeisch ma, was macht'n ihr?!" Der Mann sieht aus wie Rapper Bushido. Er hüpft an den Eisenzaun, versucht, sich hochzuziehen. Ben und die anderen beachten ihn nicht. Sie greifen ihre Rucksäcke. Wortlos. Und gehen zum S-Bahnhof Friedrichstraße. Das Training ist vorbei. "Voll uncool", ruft der Bushido-Typ noch.

Effizient von A nach B

"Genau das sind die Leute, mit denen wir nicht Parkour machen", sagt Ben auf dem Rückweg. "Es geht bei uns eben nicht um Adrenalin-Junkies, die den Kick suchen!" Er wird lauter. "Mann, wenn ich den Kick bräuchte, wäre ich schon tot!" Es ist halb zwei. Ben Scheffler steht vor den Treppen zur S-Bahn. "Parkour heißt Effizienz von A nach B, nicht von A ins Krankenhaus." Dann springt er die Treppen hoch. Immer vier Stufen auf einmal.