Admiralbrücke

"Wir wollen in unserem Kiez keinen Ballermann"

Im Sommer erlebt Waltraut Both Nacht für Nacht eine große Party. Und das, obwohl die Seniorin beinah jeden Abend in ihrer Wohnung verbringt.

Doch Waltraut Both wohnt nur einige Meter entfernt von der Admiralbrücke in Kreuzberg und die Party findet direkt vor ihrer Haustür statt, fast jede Nacht, von Mai bis September. Hunderte junge Menschen versammeln sich dort in lauen Sommernächten, um gemeinsam zu feiern; zahlreiche Straßenmusiker beschallen die Szene oft bis in den Morgen. "In meinem Schlafzimmer hört es sich an, als würde ich direkt auf der Brücke liegen", beklagt sich die 69-Jährige. "Seit Monaten habe ich kaum noch durchgeschlafen."

Der Konflikt zwischen den Anwohnern und den nächtlichen Nutzern der Brücke über den Landwehrkanal schwelt seit Jahren: Was die einen in ihrer Nachtruhe stört, genießen andere. Sie treffen sich mit Freunden und erleben Spontan-Konzerte. "Es ist eine tolle Atmosphäre, man hört oft interessante Musik, und es kostet nichts", sagt Tim Schröder. Der Student trifft sich an den meisten Wochenenden mit seinen Freunden auf der Admiralbrücke, bevor die Gruppe weiter in einen Club zieht. "Es wäre eine Schande, wenn dieser Ort verloren ginge", sagt er.

In der vergangenen Woche spitzte sich der Konflikt zu: Nachdem das Umweltamt in einer Anliegerwohnung eine Lärmbelastung von mehr als 60 Dezibel gemessen hatte, forderten zwei Polizeibeamte die Menge zum Verlassen der Brücke auf. Doch die Polizisten wurden ausgebuht, nur ein Teil der Besucher verließ die Brücke. Eine Polizeihundertschaft mit neun Mannschaftswagen musste anrücken, um die Brücke von den alkoholisierten Besuchern zu räumen.

Eigentlich hätte es zu einer solchen Eskalationen nicht mehr kommen sollen: Im April dieses Jahres wurde vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg das Mediatoren-Team "Streit Entknoten" beauftragt, den Konflikt zu schlichten. Mediatoren sind darauf spezialisiert, in Streitfällen zu vermitteln und zu moderieren.

"Die Situation ist kompliziert", sagt Sozan Azad von "Streit Entknoten". "Es gibt sehr viele verschiedene Interessengruppen, Akteure und Behörden, die in diesen Konflikt verwickelt sind", so die studierte Sozialpädagogin. In regelmäßigen Abständen finden nun offene Foren statt. Dort sollen Anwohner und Besucher der Brücke zusammen mit Vertretern der zuständigen Behörden ins Gespräch kommen. Dabei beteiligen sich bisher aber nur sehr wenige der Brückenbesucher, die in keiner Form organisiert sind. Seit die Brücke so große Bekanntheit erlangt hat, sind auch viele Touristen unter ihnen, die nur ein einziges Mal kommen. "Sie auf Dauer für die Situation zu sensibilisieren, ist darum die größte Schwierigkeit", sagt die Mediatorin.

Um die Situation dauerhaft zu verbessern, wurde außerdem ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Zudem ist Sozan Azad mit einer Kollegin an drei Abenden der Woche auf der Admiralbrücke präsent. "Wenn jemand nach 22 Uhr sein Instrument auspackt, sprechen wir ihn an und erklären die Situation", so Azad. Die meisten Brücken-Besucher seien dann verständnisvoll und verzichteten auf die Musik - wenn man ihnen die Belastung der Anwohner klarmache.

Nachdem die Admiralbrücke in den 90er-Jahren verkehrsberuhigt und verschönert worden war, etablierte sich der Ort als abendlicher Treffpunkt der Kiezbewohner. Zunächst noch ein Geheimtipp, kamen über die Zeit auch stetig mehr Besucher aus anderen Kiezen, schließlich aus der ganzen Stadt. Straßenmusiker fanden dort ihr Publikum, manchmal gaben sogar bekannte Bands Konzerte auf der Bücke.

Dieses kostenlose Kulturprogramm gefällt auch Christian Weninger an der Admiralbrücke am besten. "Man hört die unterschiedlichsten Stilrichtungen, Profis und Laien aus den verschiedensten Ländern", sagt der regelmäßige Brückenbesucher. Allerdings habe sich die Atmosphäre schleichend verändert, so Weninger. Inzwischen werde mehr Alkohol getrunken, immer weniger Kiezbewohner seien unter dem Publikum.

In den vergangenen zwei Jahren ist auf diese Weise die Situation eskaliert: Seit die Brücke als Partylocation sogar in Reiseführern empfohlen wird, nimmt der nächtliche Zustrom besonders von Touristen stetig zu. Mehr als 500 Menschen zählte die Polizei jüngst auf der gerade einmal 30 Meter langen und 20 Meter breiten Brücke. Mehr als 2100 "Fans" hat die Brücke im sozialen Netzwerk Facebook.

In den Fahrradkellern steht der Urin

Für die Anwohner, die sich vergangenes Jahr in einer Bürgerinitiative zusammenschlossen, ist dabei der Lärm nicht das einzige Problem. "In den Fahrradkellern steht der Urin, und in unseren Hauseingängen liegt jeden Morgen Müll und Erbrochenes", sagt eine Anwohnerin, die sich in dem Zusammenschluss engagiert. Nachdem ein anderes Mitglied der Initiative bedroht und beleidigt wurde, möchte sie anonym bleiben. Die meist alkoholisierten Besucher der Brücke verhielten sich so rücksichtslos, dass die ganze Wohngegend am Fraenkelufer ihre Schönheit verloren habe.

Auch dieser Probleme wollen sich die Mediatoren annehmen und dazu die Behörden einbinden. Um der Müllmassen Herr zu werden, plant die Berliner Stadtreinigung (BSR), große Müllbehälter mit je 650-Liter Volumen rund um die Brücke aufzustellen. Auch der Bau öffentlicher Toiletten wird in den Mediationsgesprächen diskutiert.

Doch die Anwohner-Initiative wehrt sich gegen die Ideen: "Hier eine Party-Infrastruktur zu schaffen würde alles noch schlimmer machen. Dann stellen sie bald auch noch Würstchenbuden auf. Wir wollen keinen Ballermann in unserem Kiez", so einer von ihnen. Einige fordern darum sogar, die Brücke überhaupt nicht mehr zu reinigen - die Brückenbesucher sollten so selbst sehen, wie viel Schmutz und Müll sie hinterlassen.

Die meisten Besucher sind friedlich

Auch die Polizei ist in das Mediationsverfahren eingebunden. Sie versucht bereits seit mehreren Monaten, mit einem speziellen Konzept die Situation in den Griff zu bekommen. "Die Nachtruhe der Anwohner ist ein hohes Rechtsgut, das wir schützen müssen", sagt Thomas Radloff vom zuständigen Polizeiabschnitt 52. Jede Nacht ist ein Streifenwagen mit zwei Beamten vor Ort. Sind Lärm und Musik nach 22 Uhr zu laut, werden die Besucher zunächst darauf hingewiesen. Wenn sich keine Besserung einstellt, versuchen die Polizisten, die Menge zum Verlassen der Brücke zu bewegen. Dies gelinge auch fast immer. "Die meisten Besucher sind sehr friedlich und einsichtig. Wir haben an der Admiralbrücke noch nie härtere Maßnahmen oder unmittelbaren Zwang anwenden müssen", so Radloff. Das Problem sei aber der noch immer ungebremste Zulauf an Besuchern. Entsprechend wachse die Zahl der entnervten Anwohner, die per 110-Notruf oder Beschwerdebriefen ihre Nachruhe einforderten.

Peter Beckers (SPD), stellvertretender Bezirksbürgermeister, versteht die Wut der Anwohner. Zugleich sieht er in der Ursache des Konflikts auch eine positive Entwicklung. "Dass die Bürger den öffentlichen Raum selbstbewusst nutzen und dort kulturelle Treffpunkte schaffen, begrüße ich", so Beckers. Dabei sei es aber unabdingbar, dass sich die Besucher der Brücke an Regeln hielten und keine anderen Bürger in ihrer Lebensqualität beeinträchtigten.

"Es ist fast wie im Palästinakonflikt - eine einfach Lösung wird es nicht geben", sagt Antje Kapek, Fraktionssprecherin der Grünen in der Bezirksverordneten-Versammlung. Problematisch findet sie besonders, dass immer mehr Touristen auf die Admiralbrücke kommen. "Sie wird langsam zur Spanischen Treppe Berlins", sagt Kapek. Darum fordert sie, dass die Brücke aus den Reiseführern entfernt wird, man habe bereits den Kontakt mit Verlagen gesucht.

Für Waldtraut Both hat sich die Lage trotz Mediation kaum verbessert: "Schlafen kann ich nur an Regentagen - da ist die Brücke dann ausnahmsweise leer." Trotz der Bemühungen der Mediatoren verhielten sich viele Besucher noch immer rücksichtslos. Ein Umzug kommt für die Seniorin trotzdem nicht in Frage: "Ich wohne seit 43 Jahren hier. Soll ich mein ganzes soziales Umfeld aufgeben, nur weil diese Leute sich nicht benehmen können?"