Lehrermangel

Schulen starten mit Unterrichtsausfall

Für viele Schulen wird der Start ins neue Schuljahr mit einem riesigen Problem beginnen: Sie haben nicht genügend Lehrer. Notstundenpläne und Unterrichtsausfall sind die Folge. Zwischen 300 und 400 Lehrer fehlten derzeit noch an den Schulen, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Norbert Gundacker.

In der jüngsten Umfrage hätten noch 40 Prozent der Schulen nicht alle Stellen besetzt. Grundsätzlich gebe es an allen Schulformen - von der Grundschule bis zum Gymnasium - Probleme, sagt Gundacker. Besonders eng werde es allerdings bei den naturwissenschaftlichen Fächern an vielen Gymnasien. Christoph Kohlstedt vom Personalrat der Lehrer und Erzieher in Neukölln bestätigt, dass der Lehrermangel derzeit ein großes Problem ist. "Es fehlen vor allem Fachlehrer, etwa für Mathe und Physik", sagt er.

Ein Beispiel ist das Humboldt-Gymnasium in Reinickendorf. "Wir werden mit sieben fehlenden Lehrern starten und nicht umhin kommen, Unterricht ausfallen zu lassen", sagt Gesamtelternvertreter Sven Johns. Die Schule sei nur mit 95 Prozent Personal ausgestattet, dreieinhalb Lehrerstellen seien vom Senat nicht finanziert worden. "Hinzu kommt, dass sich vier Lehrer langfristig krank gemeldet haben", so Johns. Genau sechs Lehrer fehlen noch an der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg. Paul Schuknecht, Rektor und Vorsitzender der Schulleitervereinigung, sieht sich in seiner Kritik bestätigt. Er habe immer darauf hingewiesen, dass in Berlin mit den Neueinstellungen viel zu spät angefangen werde, sagt Schuknecht.

Auch am Arndt-Gymnasium in Dahlem sind noch nicht alle Stellen besetzt. An dem grundständigen Gymnasium mit Begabtenförderung fehlen derzeit 69 Lehrerstunden, das entspricht etwa 2,5 Stellen. Trotz dieser Ausstattung mit 94 Prozent "steht der Stundenplan", sagt Schulleiterin Ute Stäbe-Wegemund. Sie habe ihn passend gemacht, mit der Konsequenz, dass mehr Schüler in den einzelnen Kursen sitzen.

An der Kopernikus-Schule in Steglitz musste Schulleiter Bernd Geisler auf seine Reserve für Vertretungskräfte zurückgreifen, um eine 100-prozentige Lehrerausstattung zu erreichen. "Diese Reserve sollte für Ersatz im Krankheitsfall eines Lehrers zum Einsatz kommen und nicht, um Stellen zu besetzen", sagt der Schulleiter.

Probleme mit dem Mathematikunterricht wird es sowohl an der Max-von-Laue-Schule in Lichterfelde als auch am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Neukölln geben. Genau 19 Stunden Mathematik und 6 Stunden Biologie kann Günther Schrenk, Schulleiter der Lichterfelder Sekundarschule, nicht abdecken. Die Stelle ist ausgeschrieben, konnte aber noch nicht besetzt werden. Noch hofft er auf einen geeigneten Bewerber, sonst muss der Unterricht ausfallen. Gleich zwei Mathematiklehrer fehlen am Albert-Schweitzer-Gymnasium. Ein Bewerber sei gar nicht zum Gespräch erschienen, ein zweiter hätte sich für eine andere Schule entschieden, sagt Schulleiter Georg Krapp. Er führt das auch auf eine sinkende Zahl von Lehramtsstudenten im Fach Mathematik zurück, "die die Mühen des zweiten Staatsexamens in Kauf nehmen".

Jens Stiller, Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), sagt indes, dass man gegenwärtig noch keine genauen Aussagen über fehlende Lehrer machen könne. "Noch stehen die genauen Schülerzahlen nicht fest. Meist kommen weniger Schüler in den Schulen an als geplant, deshalb werden auch weniger Lehrer gebraucht", so Stiller. Er betont allerdings erneut, dass die Schulen einen Anspruch auf eine 100-prozentige Ausstattung haben. "Senator Zöllner wird sich am Freitag zu Ausstattungsfragen und zu Fragen der Schulreform äußern."

Torsten Ulrich von der Initiative "Verbeamtung jetzt" machen die Aussagen des Senators nur noch wütend. "Die Bildungsverwaltung hat viele gut ausgebildete junge Lehrer in andere Bundesländer abwandern lassen", sagt er. Nicht wenige seien zum Beispiel ins Land Brandenburg gegangen. Dort sollen zum Schuljahresbeginn rund 400 Lehrer eingestellt werden. Von den Bewerbern, denen eine Verbeamtung garantiert ist, war nach Aussage des Brandenburger Bildungsministeriums jeder zweite aus Berlin. Ulrich dazu: "In der Hauptstadt fehlen jetzt Lehrer, und viele Schulen haben einen riesigen Bedarf." Dieses Problem werde aber von der Verwaltung geleugnet. "Die Ausrede mit den Schülerzahlen gilt doch längst nicht mehr", so Ulrich. Die Zahlen würden tatsächlich nicht immer ganz genau stimmen, aber nicht so abweichen, dass weniger Lehrer gebraucht würden.