Die ersten GIs kamen als Camper

Fast ein halbes Jahrhundert, von 1945 bis 1994, garantierten die Truppen der drei Westalliierten die Freiheit von West-Berlin. Private Fotos zeigen, wie dieses Zusammenleben in der zerstörten Reichshauptstadt begann

Es war der wahrscheinlich seltsamste Einmarsch einer Siegermacht in der Hauptstadt des besiegten Feindes. Heute vor 60 Jahren erreichte das Vorauskommando der US-Besatzungstruppe von Halle kommend Berlins Südwestgrenze - und wurde prompt an der Stadtgrenze von Rotarmisten zurückgewiesen. "Oberst Frank L. Howley schäumte vor Wut", erinnert sich der damalige Feldwebel Samuel R. Sciullo: "Die Sowjets blieben jedoch hart und behaupteten, daß die Stadt nicht für unsere Besatzung vorbereitet sei." Doch auf derlei Spielchen hatte Howley zwei Wochen vor Beginn der Potsdamer Konferenz keine Lust - und ließ seine knapp 200 Mann im Grunewald Zelte aufschlagen. Und so kam es, daß die ersten regulären US-Truppen in Berlin ihre Dienstzeit als Camper begannen.

Die Geschichte gehört zu den kleinen Entdeckungen, die das Alliiertenmuseum bei der Vorbereitung seiner aktuellen Sonderausstellung gemacht hat. "Berlin 1945: Der private Blick" heißt die Schau mit rund 300 Fotos und einigen Dutzend weiteren Exponaten, die einen bislang zu wenig berücksichtigten Aspekt Berliner Nachkriegsgeschichte beleuchtet. Denn seit Jahrzehnten prägen die Aufnahmen von Profis wie Jewgenij Chaldei oder Robert Capa die Vorstellung vom Wiederbeginn des Lebens nach der "Schlacht um Berlin".

Viel näher am Alltag als diese oft genug sorgfältig inszenierten Bildkunstwerke sind jedoch die Aufnahmen, die ganz normale alliierten Soldaten machten. Und zwar nur Amerikaner, Briten und Franzosen - Russen durften nicht nur nicht privat fotografieren, sie hatten auch weder Kameras noch Filme.

Über den Einmarsch der westlichen Truppen in die von den Sowjets eroberte Stadt gab es bisher nur recht wenige Informationen. Die US-Army hatte Ende März 1945 darauf verzichtet, von der Elbe aus Richtung Berlin vorzustoßen, um den Tod zahlreicher eigener Soldaten zu vermeiden - die Aufteilung der Hauptstadt zwischen den Partnern der Anti-Hitler-Koalition war bereits fest vereinbart. Im Rückblick erweist sich diese Entscheidung zwar als falsch. Sehr wahrscheinlich hätte die Wehrmacht den Amerikanern bei weitem weniger Widerstand entgegengesetzt als der Roten Armee, wäre der Blutzoll insgesamt geringer ausgefallen. So aber waren die Westalliierten auf sowjetisches Entgegenkommen angewiesen, als sie ihre Sektoren einnehmen wollten.

Für die aktuelle Sonderausstellung erstmals ausgewertet hat Helmut Trotnow, der Direktor des Alliiertenmuseums, das Tagebuch des ersten US-Stadtkommandanten, General Floyd Parks. Es beschreibt für die Monate Mai bis Juli 1945 genau, in welch schwierigen Verhandlungen Amerikaner, Briten und Franzosen ihre von den Sowjets zugesagten Rechte durchsetzen mußten. Obwohl die USA noch fest an eine dauerhafte Kooperation mit der UdSSR glaubten, hatte der Kalte Krieg bereits begonnen.

Doch das wußten die einfachen, meist jungen Soldaten der beiden ersten westlichen Panzerdivisionen nicht, die am 4. Juli 1945 einrückten. Es waren zwei kampferprobte Eliteeinheiten - und allein das war ein Zeichen, daß den Kommandeuren die Bedeutung Berlins wohl bewußt war. Übrigens wollten auch die Franzosen Flagge zeigen - und ließen ein kleines Kontingent eigener Truppen unabgesprochen gleichzeitig anrollen.

"Wir kommen als Sieger, aber nicht als Unterdrücker", hatte General Dwight D. Eisenhower überall verkünden lassen, wo seine Truppen in Deutschland einzogen. Trotzdem herrschte gerade im Sommer 1945 noch große Skepsis, wie sich die Deutschen gegenüber den Siegern verhalten würden. Weil sich die Bilder aus den befreiten KZ in den Köpfen vieler Soldaten eingebrannt hatten, war der Beginn der Besatzungszeit keineswegs harmonisch. Doch gerade in Berlin dauerte es nicht lange, bis das "Non-Fraternization"-Gebot ignoriert wurde. Dafür steht zum Beispiel ein Foto, das den französischen Unteroffizier Armand Eve und seine Frau Simone beim Kudamm-Bummel mit einer Berliner Familie zeigt. Das Bild "deutet voraus in eine Zeit, in der aus Besatzern Freunde wurden", kommentiert Wilhelm van Kampen, ehemals Archivchef bei der Landesbildstelle Berlin und Berater der Ausstellung.

Ansonsten vertrieben sich die westlichen Soldaten ihre Zeit mit ganz normalem Sightseeing. Sie besuchten die zerstörte Mitte Berlins, besonders Hitlers "Neue Reichskanzlei" und den Reichstag, schlenderten durch den Tiergarten und fotografierten Ruinenlandschaften. "Topographie der Trümmer" nennt Kurator Cyrill Buffet diesen Ausstellungsteil.

Im Vorwort betont Walter Momper, Präsident des Abgeordnetenhauses: "Der Tag, an dem das nationalsozialistische Deutschland kapitulierte, war ein Tag der Befreiung des deutschen Volkes." Doch genau dieses Pauschalurteil belegt die Ausstellung nicht. Für die Menschen in West-Berlin stimmt es zwar fast uneingeschränkt - doch für die Bewohner der sowjetischen Besatzungszone sah das schon ganz anders aus: Sie waren gewiß befreit vom Krieg und der ständigen Todesgefahr, auch vom massenmörderischen und am Ende selbstzerstörerischen Nazi-Regime - doch wirklich befreit konnten sie sich nicht fühlen. "Berlin 1945: Der private Blick" ist eine besonders gute Gelegenheit, in Berliner Nachkriegsgeschichte einzutauchen.

Clayallee 135, Zehlendorf. Bis 3.9. Do. bis Di. 10 bis 18 Uhr. Tel. 81 81 99-0.