Musikmesse

Die Auferstehung der Popkomm

Daniel Barkowsi, der sportlich gekleidete Projektleiter der Musikmesse Popkomm, läuft durch die Hallen im Flughafen Tempelhof und schwärmt vom "rustikalen Charme" des Gebäudes.

Vor seinem geistigen Auge laufen durch die Gänge des als Messeort entdeckten Flughafens schon die Rockstars, und in seinen Ohren klingt Loungemusik. "Es ist zwar nicht groß hier", sagt der 36-Jährige, "aber dafür werden sich die einzelnen Teilnehmer immer wieder begegnen." Bisher sind keine Bühnen zu sehen, keine Stände, keine Hörstationen und keine Sitzecken. Doch es sind noch drei Wochen Zeit, bis der traditionelle Treff der Musikbranche hier beginnen soll. Immerhin zwei "große Namen" sind schon bekannt: Neben der in Berlin ansässigen Plattenfirma Universal Music kommt nämlich erstmals die Plattenfirma EMI.

Vom 8. bis zum 10. September soll die Popkomm in diesem Jahr im Flughafen Tempelhof ihre Tore - oder besser das "Gate" - öffnen. Neben dem neuen Ort bekommt die Musikmesse neue Partner und vor allem ein neues Konzept. Nach einem Jahr Pause feiert sie jetzt ihr Comeback unter einem Dach mit der Berlin Music Week, dem Diskussionsforum "all2gethernow" und dem Bühnenfestival "Berlin Festival". Ähnlich wie die Fashion Week sollen so verschiedene Veranstaltungen zu einem Thema im Flughafen Tempelhof gebündelt werden. Neben Bands, Sängerinnen und Sängern werden 430 Aussteller aus 20 Ländern erwartet - eine Zahl, die sich im Vergleich zur letzten Popkomm 2008 ungefähr halbiert hat.

"Die Branche braucht die Popkomm und die Branche braucht Berlin", sagte Geschäftsführer Ralf Kleinhenz am Dienstag am Rande eines Messerundganges. Aber die Zeiten haben sich im Musikbusiness geändert. Mit Tonträgern allein lassen sich in Zeiten von Downloadportalen keine Millionenerträge mehr erwirtschaften. "Deshalb", sagt Kleinhenz, "muss eben auch das Konzept der Popkomm geändert werden." Neu sei zum Beispiel die Öffnung für den Konsumenten, das heißt für den Musikliebhaber. Die historische Eingangshalle des Flughafens soll unter dem Namen "Popkomm Music City" allen Besuchern gratis offenstehen. Auch auf der Messe selbst ist ein Publikumstag geplant, damit das Business den Kontakt zum Fan nicht verliert.

"Moss" und "Moto Boy"

Wer sich weniger für die Geschäftemacher interessiert, sollte sich in den Tagen der "Musikwoche" vor allem in Kreuzberg umschauen. Neun von elf Popkomm-Bühnen werden in Clubs dieses Stadtteils sein, zum Beispiel im Privatclub, Eckstück, Lido, SchwuZ und in der Passionskirche. Dort werden Bands wie die schwedischen "Moto Boy", die niederländischen "Moss" und die deutschen "Haudegen" auftreten. Das Programm hat der Brite Paul Cheetham zusammengestellt. "Wir wollen vor allem unbekannten Bands hier in Berlin eine Plattform bieten", sagt er, "weil wir glauben, dass in wenigen Jahren noch viel mehr von ihnen sprechen werden." Cheetham wohnt erst seit einem Jahr in Berlin, kann sich aber schon jetzt keinen besseren Ort für eine Musikmesse vorstellen - nicht nur für Musiker biete die Stadt eine gute Startmöglichkeit, sondern auch für kleine Plattenlabel und Firmen.

Die Zahl der Musikverlage hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt und die Zahl der Clubs und Diskotheken gar verdreifacht. Neben Chicago und London ist Berlin, was elektronische Musik angeht, seit fast 20 Jahren führend. Zudem kommen aus keinem Land der Welt so viele legale Online-Musik-Services wie aus Deutschland. Die meisten dieser Unternehmen haben ihren Sitz in Berlin, wie zum Beispiel "Soundcloud", "Tape-TV" oder "Putpat".

Auch diese Unternehmen werden sich auf der Popkomm vorstellen - und beim Forum der all2gethernow (a2n) mitdiskutieren. Die Messe a2n war im vergangenen Sommer spontan von Berliner Musikunternehmern gegründet worden, nachdem die Popkomm kurzfristig abgesagt worden war. Sie wollten eine Diskussion anstoßen, wie den illegalen Downloads beizukommen sei, ohne hohe Strafen zu verhängen. In diesem Jahr haben sie sich mit der Popkomm zusammengeschlossen - scheinbar ohne dass es dabei zu Unstimmigkeiten kam. Das könnte auch damit zu tun haben, dass Daniel Barkowsi, der sportliche Popkomm-Projektleiter, mit Andreas Gebhard, dem a2n-Geschäftsführer, zusammen Abitur gemacht hat.

Doch trotz all dieser positiven Entwicklungen und der guten Stimmung, die bei der Wiedererweckung der Popkomm den Tempelhofer Flughafen durchweht - noch fehlen mehrere große Namen auf der Gästeliste der Messe in diesem Jahr: Weder Sony-BMG noch Warner haben bisher eine Teilnahme angekündigt. Um aber den Willen zur Kontinuität zu zeigen, steht schon jetzt das Datum für die Popkomm 2011 fest: 6. bis 9. September.

Doch zunächst will diese Auflage des Branchen- und Liebhabertreffs gut überstanden sein. Nach der Katastrophe in Duisburg werden die Auflagen bei Großveranstaltungen noch genauer überprüft - und auch die Popkommveranstalter nahmen zu entsprechenden Fragen Stellung. "Das Sicherheitskonzept steht", sagten sie. Allerdings liegen die erwarteten Zahlen mit 20 000 Besuchern deutlich hinter denen von Duisburg. Direkt im Anschluss an die Popkomm wird auf dem Tempelhofer Flughafen das Berlin Festival starten: Am 10. und 11. September werden dort unter anderem die Editors, Fatboy Slim, Peaches, Tricky und Adam Green auftreten - und dann doch einige große Namen in den "rustikalen" Flughafen tragen.