Kurzzeit-Chirurgie verkürzt Aufenthalt im Krankenhaus

Mediziner der Charité haben als erste in Deutschland mit großem Erfolg ein neues Behandlungskonzept zur schnelleren Gesundung von Patienten nach Operationen erprobt. Gestern stellten sie es während des noch bis zum 11. Juni in Berlin stattfindenden 7. Hauptstadtkongresses für Anästhesiologie und Intensivmedizin vor. Fast-Track-Chirurgie bezeichnet die Kombination verschiedener technischer Neuerungen, medikamentöser Innovationen und engerer Kooperation diverser Fachrichtungen. Damit wird die Verweildauer von Patienten teilweise um die Hälfte verringert - bei zugleich höherer Zufriedenheit der Erkrankten.

Urologen, Orthopäden, Unfall- und Gefäßchirurgen an den Charité-Standorten Mitte und Virchow haben in enger Abstimmung mit Professor Claudia Spies, kommissarische Direktorin der Anästhesie an der Charité, Fast-Track-Konzepte für einzelne Krankheitsbilder wie Hüft- und Kniegelenksoperationen, Prostatakrebs oder auch Darm-Eingriffe entwickelt. "Die Medizin hat technisch enorme Fortschritte gemacht, doch gefährliche postoperative Komplikationen wie Lungenentzündung, Thrombose oder Darmverschluß konnten kaum reduziert werden. Das ist jetzt anders", so Spies.

Patienten müssen nicht mehr Stunden vor einem chirurgischen Eingriff nüchtern bleiben, dürfen unmittelbar nach der Operation aufstehen und haben dadurch weniger Verdauungs- und Durchblutungsstörungen. "Je eher man sich bewegt und je früher man ißt und trinkt, desto besser geht es jedem, nicht nur Patienten!", sagt Spies

"Primär ging es nicht um die Verkürzung der Liegezeit, sondern um mehr Patientenzufriedenheit", sagt auch Urologe Oliver Gralla. Gemeinsam mit Oberarzt Jan Roigas führte er eine Studie durch, in der an je 25 Patienten herkömmliche Operationsmethoden und Fast-Track-Chirurgie verglichen wurden. "Dabei haben wir besonderes Augenmerk auf die postoperative Lebensqualität der Patienten gelegt. Unser Ergebnis ist eindeutig: Fast Track läßt die Patienten nicht nur schneller gesunden, sondern sie sind auch weitaus zufriedener mit einer sechs- statt 14tägigen Behandlung", so Gralla.

Das bestätigt auch Klaus Hirschfeldt aus Niedersachsen. Wäre der 62jährige Unternehmer vorgestern in seiner Heimat Lüchow-Dannenberg klassisch herkömmlich an der Prostata operiert worden, läge er heute zur Beobachtung auf der Intensivstation, dürfte weder essen noch trinken und auf gar keinen Fall aufstehen. Statt dessen hat er gestern bereits ein Honig-Brötchen gefrühstückt, ist mittags vorsichtig erste Schritte gelaufen und hat Rinderbraten genossen. "Mir gehts gut, ich bin froh über jeden Tag, den es mir früher besser geht", sagt er. Auch Gunter Schönfeld aus Mitte ist überrascht: Der 76 Jahre alte Kardiologe hatte sich anderthalb Jahre vor seiner Hüftoperation gedrückt. "Statt die früher große, äußerst blutige Operation zu riskieren, habe ich mich mit Schmerzmitteln betäubt, die ich keinem Patienten verschrieben hätte", sagt er.

Professor Norbert Haas lächelt: "Wir operieren heute schmerzfreier, weil wir das Muskel- und Nervengewebe nicht mehr weiträumig ablösen. Dadurch verliert der Patient weniger Blut und erleidet weniger Schmerzen. Mit den zusätzlichen Fast-Track-Methoden verzichten wir zudem auf eine Vollnarkose." Statt wie früher - und im Bundesgebiet auch heute noch üblich - verlassen Hüftoperierte nun nicht nach zwölf, sondern bereits nach sieben Tagen das Krankenhaus, um umgehend mit der Rehabilitation weiterzumachen.

Fast-Track basiert auf vier Säulen: neue technische Möglichkeiten wie die Minimal Invasive Chirurgie - die Chirurgie der kleinen Schnitte; eine völlig veränderte Einstellung zum sogenannten Kostaufbau, das bedeutet Nahrungsaufnahme bis kurz vor und gleich nach der Operation; schnellere Beweglichkeit des Patienten sowie eine darauf abgestimmte Schmerztherapie.

Entwickelt hat Fast Track der dänische Arzt Henrik Kehlet, in Nordeuropa wird sein System bereits erfolgreich praktiziert. "An der Charité werden derzeit 50-70 000 Operationen jährlich durchgeführt. Fast-Track ist nicht nur in der Gynäkologie, Urologie und Orthopädie, sondern prinzipiell bei allen allgemein-, gefäß-, thorax-, und unfallchirurgischen Operationen einsetzbar", sagt Wolfgang Schwenk, stellvertretender Direktor dieser Charité-Klinik.

Ausgeschlossen sei die Methode allerdings für Notfalloperationen. Zudem müsse der Patient vorab intensiv aufgeklärt werden, denn: "Nur wenn der Patient motiviert ist und mitmacht, kann das funktionieren. Wer ins Krankenhaus kommt, um sich mal so richtig zu erholen, wird von Fast-Track nicht profitieren", sagt Professor Norbert Haas deutlich. "Fast-Track verändert das Verhältnis Arzt-Patient deutlich weiter zu einer partnerschaftlichen Vertrauensbeziehung", resümiert Oliver Gralla.