Nahverkehr

BVG verschärft Jagd auf Schwarzfahrer

Erst wenige Tage ist es her, dass Berlins Tourismusmanager neue Rekordzahlen veröffentlicht haben. Das freut Hoteliers und Gastronomen - doch auch weniger ehrenhafte Kreise profitieren vom sommerlichen Besucherboom.

Ticketfälscher nutzen die Arglosigkeit der Touristen, um mit selbst gedruckten Fahrscheinen für Busse und Bahnen ihr illegales Geschäft zu machen. Die Zahl der entdeckten Fälschungen steigt in der Reisesaison merklich an, wie BVG-Sprecherin Petra Reetz bestätigt. Die Bandbreite der falschen Fahrscheine reicht laut Reetz von "naiv-lächerlichen" Plagiaten bis zu fast perfekten Fälschungen, die vom Laien kaum zu erkennen sind. Einzelfahrscheine werden ebenso gefälscht wie Tageskarten. In jüngerer Zeit tauchen vermehrt auch falsche Monatstickets auf.

Meist werden die Fahrscheine für etwa die Hälfte des regulären Preises angeboten. Wer meint, damit ein gutes Geschäft zu machen, kann eine böse Überraschung erleben, wie die BVG-Sprecherin betont. Denn die Kontrolleure der Verkehrsunternehmen erkennen auch die besten Fälschungen. Und, so Reetz: "Wer mit so einem Ticket erwischt wird, ist der Dumme." Weil der Verkäufer meist nicht ermittelbar ist, erstatten die Verkehrsbetriebe Anzeige gegen den Besitzer. Es drohen empfindliche Geldstrafen - vor allem aber viel Ärger mit Polizei und Behörden. Reetz warnt daher grundsätzlich vor vermeintlichen Schnäppchen. "Jeder muss sich doch fragen: Warum sollte mir jemand etwas schenken?", so die BVG-Sprecherin. Das gilt auch für die vergleichsweise neue Masche mit den gefälschten Abo-Monatkarten. Zwar sind die regulären Fahrscheine grundsätzlich übertragbar und werden nicht selten gegen Bezahlung weitergegeben - etwa wenn der Besitzer verreist. Trotzdem ist Skepsis angebracht, wenn Tickets zum Billigpreis angeboten werden. Um Missbrauch und Fälschungen zu erschweren, druckt die S-Bahn seit Mai einen Strichcode auf ihre Monatstickets. Die BVG will das nicht. Sprecherin Reetz rät aber zu gesundem Misstrauen: "Wer ein Abo hat, hat auch einen Vertrag oder eine Quittung. Und die sollte sich der Käufer im Zweifel zeigen lassen", sagt sie.

Abschreckung durch Großkontrollen

Wie hoch der wirtschaftliche Schaden für die Verkehrsbetriebe ist, lässt sich derzeit nicht beziffern. Die BVG geht aber davon aus, dass er noch vergleichsweise gering ist. Zumindest angesichts des Verlustes, der Jahr für Jahr durch Schwarzfahrer entsteht. Aktuelle Zahlen belegen, dass inzwischen fast jeder 20. Fahrgast ohne Fahrschein in Bussen und Bahnen unterwegs ist. Im ersten Quartal 2010 stieg die Schwarzfahrer-Quote bei der BVG bei konstanter Kontrolldichte auf 4,7 Prozent. Fast 100 000 Schwarzfahrer wurden erwischt. Im Juli sank die Quote nur leicht auf 4,6 Prozent, 2007 hatte sie noch bei 3,3, im Jahr darauf bei 3,8 Prozent gelegen. Die S-Bahn nennt keine konkreten Zahlen, bestätigt aber den Trend.

Das Problem: Schwarzfahren gilt immer noch als Kavaliersdelikt. Und - anders als die Besitzer von Fälschungen - kommen Schwarzfahrer tatsächlich oft glimpflich davon. Theoretisch müssen Fahrgäste, die ohne Ticket erwischt werden, 40 Euro zahlen. In der Praxis müssen die Verkehrsunternehmen aber etwa zwei Drittel ihrer Forderungen abschreiben, meist weil die Schwarzfahrer mittellos sind. Und auch strafrechtlich halten sich die Konsequenzen in Grenzen. Nur jede vierte Anzeige landet vor Gericht.

Den Schaden haben die Verkehrsbetriebe und die ehrlichen Fahrgäste. Letztere zahlen durch höhere Ticketpreise quasi für die Schwarzfahrer mit. Welche Dimensionen das vermeintliche Kavaliersdelikt in einer Stadt wie Berlin erreicht, macht BVG-Sprecherin Reetz deutlich. Jahr für Jahr summiert sich der Verlust durch Schwarzfahrer bei den landeseigenen Verkehrsbetrieben auf etwa 20 Millionen Euro. "Dafür könnten wir mehr als 20 neue Busse kaufen oder 20 Aufzüge bauen", sagt Reetz.

Eine neue Kontrollstrategie soll helfen, das Problem einzudämmen. Derzeit läuft BVG-intern die Abstimmung der Maßnahmen. Wirksam wird das neue Konzept aber frühestens Mitte 2011, wenn der Vertrag mit der privaten Sicherheitsfirma ausläuft, die derzeit noch den Großteil der Kontrollen übernimmt.

Angesichts steigender Zahlen haben die Verkehrsbetriebe aber bereits reagiert. Mit Schwerpunktkontrollen versuchen sie, Schwarzfahrer abzuschrecken. Bei diesen Großaktionen zieht die BVG viele Kontrolleure an einem Bahnhof zusammen und kontrolliert alle Fahrgäste. "Die Erfahrung zeigt, dass das zumindest eine gewisse psychologische Wirkung hat", sagt Reetz.