Sozialpolitik

Der Kita-Platz in der Nähe ist nicht mehr garantiert

Mehrere Bezirke der Hauptstadt wie Friedrichshain-Kreuzberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick haben Engpässe bei der Versorgung mit Kita-Plätzen. Allein in Friedrichshain fehlen 600 Plätze.

In Treptow-Köpenick sind es 300. Andere Bezirke wie Mitte, Pankow und Neukölln können der Nachfrage zwar gerade noch gerecht werden, aber längst nicht mehr den Platz in der Nähe der Wohnung garantieren.

Dabei gilt gerade Berlin bundesweit als Vorzeigestadt in Sachen Kita-Struktur. So wird die Hauptstadt gern als gutes Beispiel hingestellt, wenn es um die Umsetzung des für 2013 geplanten Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz für mindestens 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren geht. Berlin habe schon jetzt mehr als 40 Prozent der unter Dreijährigen versorgt, heißt es dann. Verglichen mit Bayern oder Niedersachsen etwa - dort gibt es erheblichen Bedarf an Kita-Plätzen und Erziehern - herrschen in Berlin tatsächlich gute Verhältnisse. Spricht man allerdings mit den Verantwortlichen vor Ort, zeigt sich, dass die Bereitstellung von Kita-Plätzen und Fachpersonal auch in Berlin zunehmend zum Problem wird.

Probleme in Friedrichshain

In Friedrichshain-Kreuzberg etwa sieht man dem geplanten Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Unter-Dreijährige "voller Schrecken" entgegen, wie Jugendstadträtin Monika Herrmann (Grüne) sagte. Es gebe weder genügend Kita-Plätze noch ausreichend Erzieherinnen, betonte sie. Besonders betroffen ist laut Herrmann der Ortsteil Friedrichshain, der Prenzlauer Berg in Sachen Geburtenrate inzwischen längst überholt hat. "Hier haben wir in den vergangenen drei Jahren bereits 1000 neue Kita-Plätze geschaffen, trotzdem fehlen noch mindestens 600 Plätze." Bisher seien Friedrichshainer Eltern auch an Kitas in angrenzenden Bezirken wie Neukölln, Pankow und Lichtenberg verwiesen worden. "Diese Option haben wir nicht mehr, weil auch dort alle Plätze besetzt sind", so Herrmann.

Von einem Engpass bei Kita-Plätzen spricht auch Dirk Retzlaff (SPD), Jugendstadtrat in Treptow-Köpenick. Gegenwärtig fehlten 300 Plätze, Tendenz steigend. Sein Bezirk versuche jetzt, mit Mitteln aus dem Konjunkturprogramm und Bundesmitteln weitere Plätze zu schaffen. Für Eltern, die keinen bekämen, werde nach einem Tagespflegeplatz gesucht. "Wenn es politisch gewollt ist, dass möglichst viele Kinder eine Kita besuchen, müssen wir das auch finanzieren", so Retzlaff.

Martin Sand, Sprecher von Jugendsenator Jürgen Zöllner (SPD), räumte zwar ein, dass man auch in Berlin von einer erhöhten Nachfrage nach Kita-Plätzen ausgeht. Bei den unter Dreijährigen rechne man damit, dass statt der jetzigen 43 Prozent 2013 etwa 50 Prozent der Eltern einen Platz für ihr Kind beanspruchen werden. Sand betonte aber, dass die derzeit vorhandenen 116 730 Kita-Plätze, von denen die Mehrheit (85 722 ) bei freien Trägern liegt, ausreichen werden.

Einem drohenden Erziehermangel begegnet man laut Sand mit der Erhöhung der Ausbildungskapazitäten von jetzt 1180 Absolventen auf 1500 im Jahr 2012. Auch Quereinsteigern werde die Arbeit als Erzieher künftig möglich gemacht. Bewerber mit pädagogischen Vorkenntnissen dürften eine sogenannte Nicht-Schüler-Prüfung ablegen, die dem Abschluss an der Fachhochschule entspricht. Bewerber aus artfremden Berufen könnten eine berufsbegleitende Ausbildung machen.

Christiane Weißhoff von der GEW forderte indes, Erzieherinnen deutlich besser zu bezahlen, damit sie im Beruf bleiben und nicht in andere Bundesländer abwandern. "Wenn wir diesbezüglich nichts tun, wird sich der bestehende Erziehermangel wesentlich verschärfen", sagte sie.

Gleiches forderte auch Gabriele Vonnekold (Grüne), Jugendstadträtin in Neukölln. Erziehermangel sei ein wesentlicher Grund dafür, dass viele Träger ihre Kapazitäten nicht ausschöpfen könnten, sagte sie. In Neukölln werde es deshalb künftig große Probleme mit Kita-Plätzen geben. Schon jetzt könne man längst nicht mehr den Platz um die Ecke garantieren.

Groß ist die Nachfrage auch im Bezirk Pankow. "Für 22 770 Kinder von 0 bis 6 Jahren stehen etwa 18 000 Kita-Plätze zur Verfügung", sagte Jugendstadträtin Christine Keil (Linkspartei). Noch bekomme jede Familie, die einen Anspruch habe, auch einen Platz. Der liege allerdings oft nicht mehr nahe am Wohnort, und auch dem Wunsch nach einer bestimmten Kita könne in vielen Fällen nicht mehr entsprochen werden. "Wir haben keinen Spielraum mehr", sagte Keil.

Über Erziehermangel klagen vor allem Freie Träger. Der Humanistische Verband, die Klacks GmbH sowie der Träger Kinder haben deshalb jetzt eigene Ausbildungsstätten für Erzieherinnen eröffnet.