Gedenken

Ehrung für die Mauertoten

Verärgert, aber dennoch "mit sozialistischem Gruß" berichtete Stasi-Chef Erich Mielke seinem einzigen Vorgesetzten Erich Honecker: Die "Familienangehörigen des Gueffroy" hätten "durch akustische Eigenfeststellung (sie wohnen in unmittelbarer Nähe des Ereignisortes und hörten die Schüsse)", außerdem durch Berichte im West-Berliner Fernsehen und Radio "selbstständig eine Verbindung hergestellt" zwischen dem Tod des 20-Jährigen und dem Einsatz am Todesstreifen in Treptow am späten Abend des 5. Februar 1989.

Als Gueffroy den letzten Sperrzaun überklettern wollte, hatten ihn die Geschossgarben getroffen. Er wurde das letzte Opfer des Schießbefehls der SED-Führung.

Pünktlich zum 49. Jahrestag des Mauerbaus am Freitag benennt der Bezirk Treptow-Köpenick die Britzer Allee im Ortsteil Baumschulenweg in "Chris-Gueffroy-Allee" um. Damit wird zum zweiten Mal im Südosten Berlins eine Straße nach einem Menschen benannt, den DDR-Grenzer töteten, weil er sein Recht auf ein Leben in Freiheit wahrnehmen wollte. Seit 2009 trägt die Straße 174 den Namen von Lutz Schmidt, der genau dort am 12. Februar 1987 ermordet worden war.

Heimatverein ergreift Initiative

Der Heimatverein Köpenick hatte die Initiative ergriffen, an Gueffroy nicht nur mit einer Gedenksäule am Tatort zu erinnern, sondern auch mit der Benennung einer Straße. Noch 2004 hatte der rot-rote Senat den Antrag der Bezirksverordneten-Versammlung abgelehnt, eine Brücke nach dem Erschossenen zu benennen. Chris Gueffroy ist nach Ansicht der Initiatoren nicht nur erinnerungswürdig, weil er das letzte Opfer des Schießbefehls war. Dem Engagement von Chris Gueffroys Mutter Karin sei es zu verdanken gewesen, dass es überhaupt Verfahren gegen die Mauerschützen gegeben habe. Schon mitten während der Machterosion der SED hatte sie im Januar 1990 Strafanzeige erstattet.

Zwar wurde nur einer der vier Angeklagten, der eigentliche Todesschütze, rechtskräftig zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Doch ohne Karin Gueffroys Drängen wäre es nach Ansicht von Experten wohl nicht einmal dazu gekommen. Die Gerichte hätten, so die Einschätzung, die juristische Aufarbeitung der DDR-Verbrechen vielleicht ganz unterlassen. Da die meisten der durchweg milden Urteile gegen einstige SED-Führungskader auf ihre Beteiligung am Schießbefehl zurückgingen, hatte der erste Mauerschützenprozess so große Bedeutung.

Die meisten Ehrungen für Maueropfer sind das Ergebnis von privatem Einsatz. An der offiziellen Gedenkstätte Bernauer Straße werden zwar alle 136 Toten mit Foto gezeigt, aber weniger die Erinnerung vor Ort. So gibt es zum Beispiel mindestens drei Straßen in Deutschland, die nach dem wohl bekanntesten Mauertoten benannt sind, nach Peter Fechter - aber keine davon liegt in Berlin. Am Ort seines grausamen Verblutens in der Zimmerstraße steht dank einer privaten Spende eine Bronzestele, an der jährlich an seinem Todestag, dem 17. August, Kränze niedergelegt werden.

Die Gedenkstätte für das erste Opfer des Schießbefehls, Günther Litfin, im früheren Mauerwachturm am Kieler Eck verdankt ihre Existenz dem Bruder des Ermordeten, Jürgen. Der schon 1961 in West-Berlin errichtete, zeitweise verschollene Gedenkstein soll nach Fertigstellung der Promenade am früheren Humboldthafen 2012 aufgestellt werden, sagte Jürgen Litfin der Morgenpost - an jenem Ort also, an dem der 24-Jährige am 24. August 1961 ins Wasser gesprungen war, um in die Freiheit zu schwimmen. Zwei DDR-Transportpolizisten töteten ihn von der S-Bahnbrücke herab mit gezielten Schüssen; 1997 lautete das Urteil gegen den einen 18 Monate, gegen den anderen ein Jahr Haft, beides zur Bewährung ausgesetzt. Derzeit steht der Gedenkstein noch auf ehemals West-Berliner Seite an der Sandkrugbrücke, einige hundert Meter vom Tatort entfernt.

An der Heidelberger Straße in Neukölln erinnert eine Metalltafel an den Fluchthelfer Heinz Jercha, den Stasi-Leute am 27. März 1962 erschossen hatten. Eine Heinz-Jercha-Straße aber gibt es in Berlin ebenfalls nicht. Das Gleiche gilt für den Tunnelbauer Siegfried Noffke, der 1962 in einem Keller an der Sebastianstraße in einen Hinterhalt des MfS geriet und regelrecht hingerichtet wurde. An ihn erinnert seit einem Jahr eine Informationstafel des Vereins Berliner Unterwelten, aufgestellt auf privatem Grund.

Familie gegen Umbenennung

Wie gespalten die Erinnerung immer noch ist, illustriert ein Streit, der im Herbst 2009 in Hohen Neuendorf nördlich von Frohnau losbrach. Der dortige Gemeinderat hatte beschlossen, einen Straßenkreisel nach dem Maueropfer Marienetta Jirkowsky zu benennen. Die 18-Jährige war am 22. November 1980 beim Versuch, nach West-Berlin zu flüchten, von der Mauer herabgeschossen worden. Nach ihrem Tod verbreitete die Stasi Verleumdungen über sie; Fotos der jungen Frau wurden beschlagnahmt - nur ein einziges, unscharfes Passbild gelangte in den Westen.

Fast drei Jahrzehnte später wandte sich ausgerechnet die Tante des Opfers gegen die Erinnerung an ihre Nichte - mit Argumenten, die wie von der Stasi formuliert klangen: "Einen Platz nach unserer Nichte zu benennen, halten wir, auch in Erfüllung des Willens der verstorbenen Eltern, für geschmacklos." Man solle aus der Toten keine "Heldin" machen. Offenbar wirkte die einst von einem Spitzel des MfS verbreitete Diffamierung der Toten als "leichtes Mädchen" auch nach fast 30 Jahren fort, meint der Potsdamer Historiker Stefan Appelius. Hohen Neuendorfs Bürgermeister Klaus-Dieter Hartung wollte daraufhin den Beschluss des Stadtrates rückgängig machen lassen - doch ohne Erfolg. Am 13. August bekommt der Kreisverkehr an der B 96 den Namen "Marienetta-Jirkowsky-Platz".