Kriminalität

Staatsschutz ermittelt nach Grabschändung

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Michael Behrendt, Peter Oldenburger und Katrin Schoelkopf

Ein makaberes Verbrechen beschäftigt seit gestern die Polizei. Unbekannte haben in der Nacht zu Sonnabend die Urne des Alt-68ers Fritz Teufel aus der Grabstätte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte entwendet.

Ein Ehepaar hatte am Vormittag beim Friedhofsbesuch an der Chausseestraße die offene Grabstelle entdeckt. Daraufhin alarmierte es gegen 10.30 Uhr einen vorbeifahrenden Funkwagen der Polizei. Die Beamten sicherten das verwüstete Grab, in dem ein 80 Zentimeter tiefes Loch klaffte.

Auf dem Weg vom Grab bis zum Friedhofseingang hatten die Täter zudem die Asche des Verstorbenen verstreut, die Urne aber offenbar mitgenommen. Den winzigen provisorischen Grabstein mit der Aufschrift "Gute Weiterreise von uns allen!", einem kleinen fotokopierten Passfoto von Fritz Teufel und dem Geburts- und Sterbedatum hatten die Täter liegen gelassen.

Nach Medienberichten wurde neben dem Grab ein Zettel, möglicherweise ein Bekennerschreiben, gefunden, auf dem Teufel als "Menschenschänder" verunglimpft wurde. Da ein politischer Hintergrund der Tat nicht auszuschließen ist, übernahm der Staatsschutz die Ermittlungen. Die Umstände der Grabschändung sind nach Polizeiangaben noch völlig unklar. Wie die Täter auf den ab 20 Uhr geschlossenen Friedhof gelangten, war gestern ebenfalls noch unbekannt.

Grabstelle weiträumig abgesperrt

Die Polizei hatte die Umgebung der Grabstelle am Vormittag weiträumig abgesperrt. Kriminalbeamte sicherten am Tatort Spuren und fegten die Asche zusammen, um sie vom Landeskriminalamt untersuchen zu lassen. "Sobald die Asche analysiert ist, wird sie voraussichtlich der Lebensgefährtin Teufels zur Beisetzung übergeben", sagte Jens Berger von der Polizeidirektion 3. Gegen 13.15 Uhr hob die Polizei die Sperrung wieder auf und stellte die Asche in einem blauen Müllsack sicher. Das Loch auf der knapp einen Quadratmeter großen Urnenstelle hatten Polizeibeamte bereits notdürftig zugeschaufelt. Auch die beiden Blumensträuße mit gelben Astern, roten Gerbera und einer Sonnenblume standen wieder an ihrer Stelle. "Dass man dem Teufel nicht mal im Grab seine Ruhe gönnt, erstaunt mich sehr", sagte Brigitte Hoffmann, die mit ihrem Mann zu einem Besuch des berühmten Friedhofs aus Zehlendorf gekommen war und nun zufällig das verwüstete Grab von Fritz Teufel entdeckt hatte. Die Polizei ermittelt jetzt wegen Diebstahls, Hausfriedenbruchs und Störung der Totenruhe. Letzteres kann mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden.

Der als Mitbegründer der Berliner "Kommune 1" und ehemaliges Mitglied der terroristischen Bewegung 2. Juni bekannt gewordene Fritz Teufel war erst am 15. Juli auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt worden. Der Mann, der insgesamt acht Jahre in Gefängnissen verbracht hatte, war am 6. Juli im Alter von 67 Jahren gestorben. Zu seiner Trauerfeier kamen annähernd 300 Gäste, darunter neben den Ex-Kommunarden Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann auch Michael "Bommi" Baumann, Weggefährte in der Bewegung 2. Juni, sowie die Ex-RAF-Terroristen Ralf Reinders und Inge Viett. Die Beisetzung hatte auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele verfolgt, der Teufel einst vor Gericht als Anwalt vertreten hatte.

Der 1943 in Ingelheim (Baden-Württemberg) als jüngstes von sechs Geschwistern geborene Fritz Teufel begann als 20-Jähriger, an der Freien Universität Germanistik, Publizistik und Theaterwissenschaften zu studieren. Im Jahr 1967 wurde die "Kommune 1" gegründet, deren Mitglieder wegen Politaktionen, vor allem aber wegen der gelebten sexuellen Freizügigkeit und offenem Drogenkonsum Bekanntheit erlangten. 1975 wurde Fritz Teufel verhaftet, er trug eine Pistole und eine abgesägte Schrotflinte bei sich.

Es folgte eine Anklage wegen der Beteiligung an der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz, die Teufel fünf Jahre Untersuchungshaft einbrachte. Erst nach den Plädoyers der Staatsanwaltschaft legte Fritz Teufel ein stichhaltiges Alibi für den Zeitpunkt der Entführung vor.

Bürgerschreck und Politclown

Teufel litt zuletzt an der Parkinsonschen Krankheit. Am Ende seiner Tage musste er gepflegt werden. Immer an seiner Seite war seine Lebensgefährtin Helene Lollo, mit der er in Wedding gewohnt hatte. In den 80er-Jahren arbeitete Teufel lange Zeit als Fahrradkurier. Zudem schrieb er Kolumnen für die "tageszeitung".

Auch nach seiner Haftentlassung blieb Fritz Teufel seiner Rolle als Bürgerschreck treu. So machte es ihm sichtlich Vergnügen, 1982 während einer TV-Talk-Show den damaligen Bundesfinanzminister Hans Matthöfer (SPD) kurzerhand mit einer schwarzen Wasserpistole nass zu spritzen. Auf den damaligen US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey verübte Teufel ein "Pudding-Attentat".