Klaus Wowereit in Steglitz

"Hier um die Ecke war immer mein Friseur"

Klaus Wowereit legt den Finger in die Wunde. Und lächelt dabei. Im dunklen Anzug, das weiße Hemd einen Knopf weiter aufgeknöpft als sonst, steht der Regierende Bürgermeister (SPD) im Einkaufszentrum "Forum Steglitz" an der Schloßstraße und erzählt von früher.

"Für mich persönlich als alter Lichtenrader war das hier jahrelang meine Einkaufsmeile", sagt Wowereit. "Hier um die Ecke war immer mein Friseur." War. Der Scherz zündet bei Wowereits Gastgeber nicht, das Gesicht von Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) versteinert. Die Vergangenheitsform ist das größte Problem der Straße.

An der Stelle, an der die Politiker ihre Begrüßungsansprache zum Auftakt der Bezirkstour durch Steglitz-Zehlendorf halten, war auch einmal ein Geschäft. Jetzt stehen in dem leeren Verkaufsraum im Obergeschoss des Einkaufszentrums zwei rote Kunstledersofas, auf denen Wowereit, eingekeilt zwischen Kopp und Bezirksstadtrat Uwe Stäglin (SPD), für ein Foto platziert wird. Den ganzen Vormittag lang soll Wowereit sich zwischen Forum und Kreisel über die Entwicklung des Einzelhandelsstandortes Schloßstraße informieren.

Gleich neben dem leeren Laden liegt das Geschäft "Fix Foto" von Christian Otto. "Wie läuft es denn bei Ihnen?", fragt Wowereit und bleibt kurz stehen. "Wir kämpfen hier tagtäglich", antwortet Otto. "Aber schön, dass Sie mal da sind, jede PR ist für uns hier wichtig." Händeschütteln, lächeln. Die Kameras der Fotografen klicken. PR ist seine leichteste Übung. Der Regierende Bürgermeister im Gespräch mit den Bürgern, das geht immer.

Die Steglitzer lechzen nach Aufmerksamkeit. Egal, wo Wowereit auftaucht, bekommt er das zu hören. Einst beliebte Einkaufsgegend in West-Berlin, erlebte die Schloßstraße einen herben Niedergang. Alteingesessene Geschäfte gingen ein, die Kundschaft blieb weg. Damit soll Schluss sein. Die 2009 gegründete Genossenschaft "Schloßstraßenmanagement" will aus der Gegend wieder eine Marke mit Zukunft machen. Schließlich wird an der Straße viel investiert. Vom Kreisel aus schlendert Wowereit mit seinem Tross zur Riesen-Baustelle im alten Wertheim-Kaufhaus. Dort entsteht noch ein Shoppingcenter, der "Boulevard Berlin", bald eins der größten innerstädtischen Einkaufszentren Deutschlands. Wowereit lauscht, nickt, schaut. Hier kann er nicht viel tun. Weiter geht's.

Auf dem Hermann-Ehlers-Platz trifft Wowereit Vertreter von Polizei und Deutschem Roten Kreuz (DRK). In letzter Zeit gab es nachts häufig Probleme mit randalierenden Jugendlichen. "Man bekommt hier bis vier Uhr morgens in der Nähe Alkohol zu kaufen", sagt Kopp. Vor zwei Wochen gingen die Randalierer sogar auf die Polizei los. Anwohner beschweren sich über Pöbeleien, Einzelhändler fürchten um den Ruf der Gegend. "Wir gründen jetzt mit Unterstützung von Bezirksamt und Polizei ein Streetwork-Team, das sich um den Platz kümmern soll", sagt Andrea Baro vom DRK. Wowereit schaut über den Platz, der am Vormittag in friedlichster Ruhe im Sonnenschein liegt. Weiter geht's.

Auf dem Weg zum "Schlossturm" - ehemals Bierpinsel" - hilft er galant einer alten Dame über die Straße. Dann soll Wowereit dabei sein, wie dort letzte Hand an das Graffiti eines riesigen rosaroten Bären gelegt wird. Zwei, drei pinke Sprüher aus der Dose - fertig. Händeschütteln. Foto. "Wir holen hiermit symbolisch den Berliner Bären nach Südwest", sagt feierlich die Managerin des Schlossturms, Larissa Laternser. "Wir werden so oft vergessen. Jetzt zeigen wir: Wir gehören auch noch dazu!"

Wenn der "Boulevard Berlin" im Jahr 2012 fertig ist, wird die nur 1,4 Kilometer lange Schloßstraße 166 000 Quadratmeter Einkaufsfläche vorweisen können. "Wir sind dann die zweitgrößte Einkaufsmeile in ganz Berlin - nur die Kunden wissen das leider noch nicht", sagt Alexandra Elgert, Projektleiterin vom "Schloßstraßenmanagement". Festes Einzugsgebiet, stagnierende Passantenzahlen, aber immer größer werdende Verkaufsflächen - beschreibt Elgert die Lage. Die Großinvestitionen im Bezirk seien aber ein gutes Signal. Und wenn erst einmal alle Baustellen weg sind. "Wir müssen uns mit unserem Mix an Geschäften neue Kundenkreise erschließen", sagt Elgert. "Wir haben nämlich an der Schloßstraße nicht nur Shoppingcenter, sondern auch ganz besondere privat geführte Geschäfte in den Seitenstraßen."

In einer dieser Seitenstraßen steht Michael Stümpert hinter dem Tresen seines Geschäftes "Pot&Pepper", als der Regierende Bürgermeister hundert Meter weiter in seine Limousine steigt und zum nächsten Termin fährt. Bei Stümpert gibt es 250 verschiedene Gewürze zu kaufen. Er engagiert sich im Bezirk für die Geschäfte abseits der Haupteinkaufsstraße. Er hätte neben den Vertretern der Shoppingcenter Wowereit auch einiges über Steglitz erzählen können, aber er hatte keine Zeit. Stümpert steht sechs Tage die Woche allein in seinem Laden, er kann nicht weg. Sonst hätte er vielleicht erzählt, dass er sechs Jahre beim Bezirksamt darum gekämpft hat, oben auf der Schloßstraße Hinweisschilder für die Einzelhändler in den Nebenstraßen aufstellen zu dürfen, um die Laufkundschaft anzulocken. "Das macht ein Drittel des Kundenstroms aus", sagt Stümpert. Jetzt, endlich, hat der Bezirk zugestimmt. Am 17. August werden die Schilder überall offiziell aufgestellt. "Die Fundamente sind schon da", sagt Stümpert stolz. Was solle er da jetzt noch bei Wowereit jammern? "Hier geht es doch weiter!"

Wir werden so oft vergessen. Jetzt zeigen wir, dass wir auch noch dazugehören Larissa Laternser, Geschäftsführerin vom "Bierpinsel"