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Alt-Berliner räumen die Innenstadt für Zuzügler

Mudar Taher hat es geschafft. Er führt seine eigene Medienfirma, verdient ordentlich. Jetzt will der 32-Jährige eine Familie gründen. Und er möchte raus aus Spandau. Taher schaut sich in Charlottenburg um, Lietzensee oder Klausenerplatz wären bevorzugte Gegenden für ihn, sagt er.

In Spandau sei das Angebot doch sehr eingeschränkt. "Das soziale Umfeld drückt auf die Stimmung", sagt der Unternehmer mit arabischen Wurzeln. Die Lage habe sich in den letzten Jahren eher verschlechtert, weil "viele Arme" zugezogen seien.

Dass Aufsteiger aus dem westlichen Randbezirk wegziehen, beobachten Bezirkspolitiker wie der Sozialstadtrat Martin Matz (SPD) schon länger. Entweder über die Stadtgrenze raus ins benachbarte Falkensee, oder aber wie Taher in eine hippere Gegend in der Innenstadt.

Was der Jungunternehmer Taher vorhat, ist Teil einer Dynamik, die am Ende zu einer sozialen Entmischung führt, vor der Politiker und Stadtsoziologen warnen. Aber der größere Trend weist in die andere Richtung. Alteingesessene Berliner machen die Innenstadt frei für die vielen Zuzügler aus dem In- und Ausland und ziehen in die Außenbezirke. Dabei kommen zwei Tendenzen zusammen. Erstens eine Wohlstandswanderung der Stadtmüden in die grünen Zonen am Stadtrand sowie der Versuch, aus sozial problematischen Kiezen herauszukommen. Zweitens ein Ausweichen der ökonomisch Bedrängten vor dem Druck durch steigende Mieten und der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen.

Einen Beleg für den Bevölkerungsaustausch in der Innenstadt liefert eine neue Statistik der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Beamten haben alle Umzüge innerhalb der Stadt für 2004 bis 2008 gezählt und den Bezirken zugeordnet. Dabei wird nicht nur die Umzugsfreudigkeit der Berliner belegt: Jeder Zweite der 3,4 Millionen Einwohner hat statistisch gesehen in den betreffenden fünf Jahren die Wohnung gewechselt. Allerdings lässt die Umzugslust allmählich nach. Zogen 2004 noch elf Prozent der Bürger um, waren es im Jahr 2008 nur neun Prozent.

Wenn die Berliner umziehen, bleiben sie gern in der Nähe. Die Mehrzahl der Umzüge findet innerhalb der Grenzen des Bezirks statt. Es blieben aber 750 000 Personen, die von einem Bezirk in einen anderen gezogen sind.

Vor allem Mitte haben die Berliner den Rücken gekehrt. 105 000 Menschen sind aus dem Zentrum der Stadt fort-, 90 000 aus anderen Bezirken zugezogen. Bleibt ein Verlust an Berliner Ur-Bevölkerung von 15 000. Diese Lücke ist mehr als aufgefüllt worden durch Zuzug von außen, denn die Bevölkerungszahl der Stadtteile Alt-Mitte, Wedding und Tiergarten zusammen ist insgesamt um fast drei Prozent oder mehr als 10 000 gestiegen. Rechnerisch ergibt sich daraus, dass fast jeder zehnte Bewohner von Mitte innerhalb der letzten Jahre aus dem Ausland oder anderen Bundesländern zugezogen ist.

Ein ähnliches Bild gibt es aus Friedrichshain-Kreuzberg. Hier beträgt der Verlust an Ur-Berliner Bevölkerung fast 12 000, während die Einwohnerschaft gleichzeitig um fast fünf Prozent wuchs. Auch hier ist Zuwanderung von außen der Hintergrund: Insgesamt erlebt Berlin seit Jahren, dass mehr neue Bürger kommen als alte gehen. 2008 standen 132 000 Zuzüge 117 000 Wegzügen gegenüber. Das ändert die Bevölkerungsstruktur: Die Hertie Berlin Studie hat zutage gefördert, dass die Zugezogenen im Durchschnitt deutlich besser ausgebildet sind als die Ur-Berliner und somit auch bessere Jobs bekommen.

Verluste in der Inner-Berliner Wanderung verzeichnen neben Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg auch Tempelhof-Schöneberg (minus 5100), Neukölln (minus 2549) und Charlottenburg-Wilmersdorf (minus 800). Zuzug von Alt-Berlinern erfuhren vor allem die grünen Südbezirke Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick. Beim Umzug in diese Bezirke dürfte vor allem der Wunsch nach mehr Ruhe, nach Grün und Wasser eine Rolle gespielt haben, der auch viele Neu-Bürger nach den ersten Jahren in den aufgeregten Szene-Kiezen befällt. Das Gleiche dürfte in Teilen für Pankow, Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Reinickendorf und Spandau gelten, die für Ruhesuchende auch ihre reizvollen Ecken haben. Aber in diesen Bezirken liegen auch ausgedehnte Großsiedlungen mit Hochhäusern meist aus den 60er-, 70er- oder im Falle der Ostbezirke auch 80er-Jahren.

Dort ist Wohnraum noch erschwinglich auch für Menschen, die sich Mitte oder Friedrichshain nicht mehr leisten können. Spandaus SPD-Kreisvorsitzender Raed Saleh wagt die These: "Die armen Leute ziehen in die Reinickendorfer, Spandauer oder Marzahner Platte." Aus Sicht des Abgeordneten ist das ein für die Gesamtstadt bedrohlicher Trend: "Hochwertige Gebiete werden durch Zuzug von Bildungsbürgern aufgewertet, andere werden weiter abgehängt", warnt Saleh, der das Wort "verslumen" zwar vermeiden möchte, dem beim Blick auf die Blocks des Falkenhagener Feldes aber auch kein besserer Begriff einfällt.

Der Senat sagt zwar, es ließen sich aus den Umzugszahlen zwischen den Bezirken keine Hinweise auf die Gentrifizierung, also die Verdrängung ärmerer Schichten aus bestimmten Stadtteilen ablesen. Das räumt auch der Spandauer Stadtrat Matz ein. Aus den Salden lasse sich in der Tat nicht viel schließen. "Wenn aber von Mitte nach Spandau insgesamt 5562 Menschen umziehen, handelt es sich doch bereits um eine relevante Größenordnung, deren Motive zu kennen interessant wäre", sagt Matz.

Umzug ins Spandauer Hochhaus

Tatsächlich zeigt der Blick auf die absoluten Zahlen Auffälligkeiten: So sind 2400 Menschen von Tempelhof-Schöneberg nach Marzahn-Hellersdorf gewechselt, wo sie sicher nicht alle Häuschen in den Siedlungsgebieten gebaut haben. Und fast 20 000 Personen haben Friedrichshain-Kreuzberg über die Bezirksgrenze Richtung Neukölln verlassen, was eine Folge davon sein kann, dass der Szene-Bezirk in letzter Zeit überaus gefragt ist. Auch von den fast 18 000 frühren Bewohnern von Mitte, die jetzt in Reinickendorf leben, haben sicher einige die Bleibe im Altbau gegen eine Etagenwohnung im Märkischen Viertel getauscht. Auch in Spandau ist der Zuzug ins Hochhaus zu beobachten: Das Gebiet Heerstraße-Nord mit seinen Wohnblocks verzeichnet mit den stärksten Zuzug, wie das Monitoring Soziale Stadt des Senats ausweist. Die Wohnungsgesellschaft GSW, die Wohnblocks in Kreuzberg und in Spandau besitzt, berichtet, die Mieten bei Neuvermietung stiegen in Friedrichshain-Kreuzberg um 7,2 Prozent und liegen mittlerweile bei 6,73 Euro pro Quadratmeter. In Spandau seien sie dagegen stabil und mit 5,20 Euro fast die günstigsten in ganz Berlin. Nur in Marzahn-Hellersdorf sind Wohnungen für Neumieter mit 4,81 Euro noch billiger zu haben.

Ein weiters Indiz für ein nicht ganz freiwilliges Ausweichen in preisgünstigere Außenbezirke ist die Zahl der in Eigentum umgewandelten Mietwohnungen. Ganz vorn liegen hier seit Jahren diejenigen Innenstadt-Bezirke, aus denen die früheren Bewohner auch abwandern: Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg, Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, hinzukommen noch Pankow und Steglitz-Zehlendorf.

Das Ausweichen der Alt-Einwohner findet offenbar zwar auf Druck der Verhältnisse statt, aber nicht durch Zwang. Die Berliner Jobcenter haben nur in relativ wenigen Fällen durchgesetzt, dass Arbeitslose in eine billigere Wohnung umziehen. 2008 waren es 579.

Die Leute ziehen in die Reinickendorfer, Spandauer oder Marzahner Platte Raed Saleh, SPD Spandau