Nahverkehr

S-Bahn an die BVG - "ein fataler Irrtum"

Ein Drittel der S-Bahn in den Händen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)? Diesen Plan, den führende Politiker der rot-roten Regierungskoalition umsetzen wollen, hat heftige Kritik bei Fahrgastvertretern, der Wirtschaft und der Opposition hervorgerufen.

Christian Wiesenhütter, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK), sprach gestern von einem "fatalen Irrtum". "Was soll damit besser werden", fragt auch CDU-Verkehrsexperte Oliver Friederici. FDP und Grüne fordern statt einer Übernahme durch die BVG eine Ausschreibung des S-Bahn-Betriebs. Und auch der Fahrgastverband Igeb ist skeptisch: "Die BVG müsste zumindest am Anfang viel Lehrgeld zahlen - zu Lasten der Fahrgäste", befürchtet Igeb-Chef Christfried Tschepe.

Wie berichtet, wollen Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) und Wirtschaftsenator Harald Wolf (Linke) den S-Bahn-Betrieb schrittweise unter kommunale Kontrolle bringen. Nach Ablauf des aktuellen Verkehrsvertrages mit der Deutschen Bahn könnte die landeseigene BVG ab 2017 zunächst einen Teil des S-Bahn-Netzes übernehmen. Vorgesehen sind die Ringbahnlinien. Das Land könnte dann auf die angekündigte europaweite Ausschreibung des Teilnetzes verzichten. In zwei weiteren Schritten wäre bis etwa 2028 die Übernahme des gesamten Verkehrs denkbar, so der SPD-Verkehrsexperte Christian Gaebler. Der bisherige Betreiber, die DB-Tochter S-Bahn Berlin GmbH, wäre damit ebenso aus dem Rennen wie private Eisenbahnunternehmen, die sich an einer Ausschreibung des lukrativen Auftrags beteiligen könnten.

Zumindest auf den ersten Blick: Denn neben den derzeit im Senat diskutierten Alternativen - Ausschreibung von Teilen des S-Bahn-Netzes oder deren Übernahme durch den Landesbetrieb - gibt es noch eine weitere Variante, das sogenannte skandinavische Modell. Großstädte wie Stockholm haben sich schon vor Jahren dafür entschieden, die Busse und Bahnen für ihren Nahverkehr zwar selbst zu kaufen. Private oder staatliche Unternehmen übernehmen jedoch Fahrbetrieb und Wartung. Ein Modell, das auch in Berlin möglich wäre, sagt Hans Leister, Geschäftsführer der Deutschland-Dependance des französischen Bahnunternehmens Keolis und Vize-Chef des Privatbahnverbandes Mofair. "Die BVG ist ein absolut geeignetes Unternehmen, um die Fahrzeuge für den künftigen S-Bahn-Betrieb zu beschaffen und zu besitzen", sagt Leister. Zugleich hält er die BVG aber für denkbar ungeeignet, den Betrieb auch selbst zu übernehmen. Sie sei kein Eisenbahnunternehmen, ihr fehlten Erfahrung und Know-how. "Und auch das Land wäre schlecht beraten, alle Eier in einen Korb zu legen", warnt Leister. "Mit einem selbst geschaffenen Nahverkehrsmonopol wäre Berlin noch erpressbarer als jetzt."

Sein Vorschlag: Die landeseigenen Verkehrsbetriebe bekommen möglichst bald den Auftrag, die künftigen S-Bahn-Züge zu kaufen. Anschließend haben Land und BVG genug Zeit, per Ausschreibung einen Betreiber für den Verkehr zu suchen. Grund für den langen Entscheidungsvorlauf sind die langen Lieferzeiten bei Schienenfahrzeugen, im Fall der Berliner S-Bahn verschärft durch die Tatsache, dass die Fahrzeuge anderswo nicht eingesetzt werden können. Deshalb geht es zunächst auch nur um die Vergabe von einen Drittel des S-Bahn-Netzes. Mehr als 200 Zwei-Wagen-Einheiten sind bis 2017 wohl nicht zu beschaffen. Für den vollen Verkehr auf dem derzeitigen Netz sind mindestens 550 dieser Viertelzüge erforderlich.

Verkehrsverträge wie jener, der das Land noch sieben Jahre an die Bahntochter S-Bahn Berlin GmbH bindet, haben auch deshalb eine so lange Laufzeit, weil nur so sich die Milliardeninvestitionen auch rechnen. Würde Berlin über die BVG aber selbst die Fahrzeuge beschaffen, würde der Zwang langer Vertragslaufzeiten entfallen, schlechten Betreiber könnte rascher gekündigt werden.

Die Deutschen Bahn betonte, dass alles unternommen werde, um den S-Bahn-Betrieb bald wieder vollständig zu gewährleisteten. Erst im Juni hatte der Konzern einer Korrektur des S-Bahn-Vertrages zugestimmt, die dem Senat mehr Sanktionsmöglichkeiten bei Zugausfällen und Verspätungen in die Hand gibt. Dahinter stand auch die Erwartung von Bahnchef Rüdiger Grube, dass sein Unternehmen eine faire Chance für den S-Bahn-Verkehr nach 2017 bekommt. Eine solche Chance hätte die Bahn allerdings nur bei einer Ausschreibung des Milliardenauftrags.