Verbraucher

Die Postfilialen schließen, die Wege werden lang

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Das Schild an der Eingangstür ist nicht zu übersehen. In großen, handschriftlichen Buchstaben steht darauf: "Werte Kunden, seit dem 1. Februar gibt es in dieser Filiale keine Bankleistungen, keine Ein- und Auszahlungen und keine Annahme von Überweisungsscheinen mehr."

Der Aushang ist Vorbote einer noch grundlegenderen Veränderung: Am 22. September ist Schluss mit dem Verschicken von Päckchen und Briefen in dem Postamt im "Neucölln Carree" an der Grenzallee, Ecke Sonnenallee. Die Filiale wird geschlossen.

Sie steht ganz oben auf dem Schließungsplan der Deutschen Post AG. Das Unternehmen setzt zunehmend auf das Modell "Partner-Filialen". Eigene Post-Standorte werden nach und nach aufgegeben, das Netz aus Partnershops wird dagegen ausgeweitet. Die ursprünglichen Postfilialen werden entweder von der Postbank übernommen oder an den privaten Einzelhandel abgegeben. "So entstehen viele kleinere Verkaufsstellen", sagt Anke Baumann, Pressesprecherin der Deutschen Post AG. In ganz Berlin gibt es bereits mehr als 500 Verkaufsstellen. "Das Konzept setzt zudem verstärkt auf Selbstbedienungseinrichtungen wie Briefmarkenautomaten und DHL-Packstationen", so die Sprecherin. So können die Berlin schon 86 Packstationen rund um die Uhr nutzen. Die Automaten würden von den Kunden immer öfter in Anspruch genommen. Gerade Berufstätige hätten die Stationen angenommen, denn so können sie auch nach dem Feierabend ihre Pakete noch verschicken. Seit Monatsbeginn sind in Berlin 16 Postämter außerdem von der Postbank übernommen worden - so auch die Filiale an der Greifswalder Straße 90 in Prenzlauer Berg.

Leistungen werden weiter angeboten

Nach Aussage der Deutschen Post AG ändert sich für die Kunden nichts. "Standort und Ansprechpartner bleiben gleich, Post- und Postbankdienstleistungen werden weiterhin angeboten", so Baumann. Dennoch sind die Postbank "Finanzcenter" nur noch Dienstleister des DHL-Services. Treten etwa Probleme mit dem Paketversand auf, können die Mitarbeiter den Kunden lediglich an die Hotline der Deutschen Post verweisen.

Andere Fälle sind noch viel gravierender: Dort bleibt der Postservice erhalten, die Postbank verschwindet allerdings ersatzlos aus dem Partnershop. "Nach eingehender Überprüfung der Standorte konnte keine andere Lösung gefunden werden", sagt Oliver Rittmaier, Pressesprecher der Postbank. Auch von Seiten der Post heißt es, dass es sich finanziell nicht mehr gelohnt habe, die Bankleistungen noch weiter anzubieten.

Das ist auch das Problem der Filiale im "Neucölln Carree". Die Anwohnerin Heide-Marie Heidorn ist empört: "Ich bin schon seit Jahrzehnten bei der Postbank. Dann war ich auf einmal gezwungen die Bank zu wechseln." Für die 63-Jährige ist der Anfahrtsweg zu einer anderen Postfiliale mit Bankleistungen zu weit. Sie ist zur Berliner Sparkasse gewechselt, weil sich deren Filiale auch im "Neucölln Carree" befindet. Obwohl das Postamt des Centers erst im September schließt, hat die Postbank schon seit einem halben Jahr geschlossen. Viele Kunden stehen der Veränderung verständnislos gegenüber. "Es ist eine bodenlose Frechheit so überrumpelt zu werden. Ich kam aus dem Urlaub wieder und konnte plötzlich kein Geld mehr abheben", sagt die Rentnerin Heide-Marie Heidorn. Postbanksprecher Oliver Rittmaier versteht die Aufregung nicht: "Die Postbankkunden wurden rechtzeitig von der Abschaffung informiert."

Wenigstens ihre Päckchen und Briefe kann Heide-Marie Heidorn nach wie vor im Neucölln Carree aufgeben. Der Kiosk, der ab September die Postleistungen übernimmt, befindet sich direkt neben der alten Filiale. Die Post baut bis zum Wechsel am 22. September im hinteren Bereich des 108 Quadratmeter großen Ladens ihre Schalter auf. Das Kioskpersonal wird von der Deutschen Post geschult. Außerdem will der Kioskbesitzer Hüseyin Yüksektas noch zwei neue Mitarbeiter einstellen. Yüksektas freut darauf, den Postservice in seinem Geschäft anbieten zu können. Für ihn bedeutet dies die Ergänzung seines "Alles-unter-einem-Dach-Konzept". Lotto, BVG-Fahrscheinverkauf, Kopieren und Faxen gehören bereits zum Repertoire seines Kiosks. "Mir fehlt nur noch die Post für das perfekte Serviceangebot!", sagt der Einzelhändler. Die Öffnungszeiten des Kiosks sind länger als die der Post, das Geschäft hat auch sonntags geöffnet. Yüksektas hofft, dass sein Laden somit zum "Kundenmagnet" wird.

Während große Pläne geschmiedet werden, herrscht auf der anderen Seite Planlosigkeit. Denn die Angestellten der betroffenen Postfiliale wissen offiziell nichts von der bevorstehenden Umwandlung. Nach eigenen Angaben wurden die Mitarbeiter von dem Schließungstermin noch nicht in Kenntnis gesetzt. Ihre Anstellung ist nach Aussage der Gewerkschaft Ver.di mittelfristig nicht gefährdet, denn die Arbeitsplätze seien durch Tarifverträge abgesichert. Trotzdem wissen die Angestellten noch nicht, wo und in welchem Arbeitsbereich sie nach der Schließung eingesetzt werden. "Den Mitarbeitern werden zu gegebenem Zeitpunkt von der Deutschen Post AG andere Geschäftsangebote gemacht", sagt die Pressesprecherin der Deutschen Post.

In Berlin werden zunächst noch fünf weitere Postfilialen umgebaut werden. Genaue Termine für die Umwandlung stehen aber noch nicht fest. Die Kunden müssen also aufmerksam bleiben: Demnächst könnte der Kiosk um die Ecke, das Schreibwarengeschäft oder der Supermarkt zur Anlaufstelle für Briefmarken und Paketdienste werden.