Leichtathletik-WM

Teure Tickets - leere Stadionränge

Ein paar Tage vor Beginn der Leichtathletik-Weltmeisterschaften im Olympiastadion war der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) noch voller Zuversicht gewesen. "Es wird keine leeren Plätze geben", kündigte er vollmundig an.

Doch inzwischen hat auch er einsehen müssen, dass diese Äußerung nicht mehr als Zweckoptimismus war.

Selbst am Sonntag, beim magischen Abend mit dem 100-Meter-Weltrekord von Usain Bolt, war das Stadion nicht ausverkauft. Am Montag kam es noch schlimmer, lediglich 30 000 Zuschauer verloren sich fast im weiten Rund. Gestern war der Zuspruch zumindest etwas besser. Die Stadionkapazität beträgt 56 000 zahlende Zuschauer.

"Man hat sich zu sehr auf die Abendkasse verlassen", kritisierte Hartmut Zastrow, Vorstand des Kölner Marktforschungsinstituts Sport + Markt. Michael Mronz, im Organisationskomitee für Ticketing und Marketing zuständig, sagte, man habe von vornherein gewusst, dass Montag und Dienstag "problematische Tage" seien. Er verwies darauf, dass von Donnerstag an bis zum Ende am Sonntag das Olympiastadion sehr gut besucht sein werde. Darauf ließen die im Vorverkauf abgesetzten Karten schließen, zudem sei der Sonnabend ja sogar ausverkauft.

Doch der schlechte Besuch bei den Vormittagsveranstaltungen, zu Anfang der Woche auch abends, hat Berliner Politiker aufgeschreckt. Vor allem die Eintrittspreise stehen in der Kritik. Die sportpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Felicitas Kubala, sagte: "Gerade in einer einkommensschwachen Stadt hätte man mit einer kreativen Strategie gegensteuern können. Aber es ist nichts geschehen." Sie bezeichnete es als "sozialen Akt", die Karten an ehrenamtliche Helfer nicht nur von Sportvereinen abzugeben. Einen ähnlichen Vorschlag unterbreiteten auch die Sportexpertin der Linken, Gabriele Hiller, und der frühere Sportsenator Klaus Böger (SPD), der jetzt Präsident des Landessportbundes ist. Hiller sagte: "Die Plätze müssen voll werden." Böger forderte die Organisatoren zum Handeln auf.

Andreas Statzkowski, sportpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, sagte: "Die Organisatoren hätten schon vor der Sommerpause zum Beispiel mit den Sportvereinen über eine Lösung in der Ticketfrage reden müssen." Wowereit lehnte Last-Minute-Angebote allerdings strikt ab: "Das wäre ein Schlag gegen diejenigen, die vorher schon ein Ticket gekauft haben."

Der sportpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Sebastian Czaja, wandte sich gegen Forderungen nach verbilligten WM-Tickets. Er sprach von "Wahlkampfgetöse", die anderen Parteien versuchten, im Wahlkampf die WM für ihre Zwecke zu missbrauchen. Die Verantwortlichen im Organisationskomitee wehrten sich vehement gegen den Vorwurf, die Preise seien zu hoch. "Sie liegen im üblichen Bereich für Leichtathletik-Großveranstaltungen", entgegnete Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und wie Wowereit Präsident des Organisationskomitees der WM. Preisabschläge seien kein Thema. "Kein Mensch käme bei einem Spiel von Hertha BSC auf die Idee, die Eintrittskarten ab 15 Uhr für die Hälfte des Preises zu verkaufen", sagte Prokop. Mronz erklärte, man habe für den Montag und den Dienstag extra die Preise gesenkt. Das Interesse hielt sich, trotz Karten ab 13 Euro, dennoch in Grenzen. Hingegen seien, so Mronz weiter, bis zum Ende der Weltmeisterschaften vor allem die teuren Karten sehr gut verkauft worden. Auch beim Leichtathletik-Weltverband IAAF sieht man die Zuschauerzahlen mit Unbehagen. Noch sechs Wochen vor der WM war IAAF-Präsident Lamine Diack extra nach Berlin gekommen, um in einer Sitzung mehr Werbung anzumahnen. Von berechtigten Kritikpunkten an Marketing und Preisstruktur ganz abgesehen, zeigt sich aber auch, dass für die Leichtathletik in Deutschland nicht unbegrenzt Besucher zu begeistern sind. "Es ist schwer, ein Stadion dieser Größe zu füllen, mit einem Programm, das nicht jeden Tag attraktiv ist", sagt IAAF-Councilmitglied Helmut Digel.

Neun Tage WM sind zu lang. Zastrow findet harte Worte: "Was wir hier sehen in der Leichtathletik, ist ein Begräbnis erster Klasse." Eine WM, die nicht einmal im Leichtathletik-affinen Deutschland funktioniere, sei "ein deutliches Zeichen des Untergangs. Ich weiß nicht, was noch passieren soll, damit die IAAF ihren gesamten Sport hinterfragt."

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