Rückgang

Jüdischer Gemeinde fehlen Mitglieder

Die evangelische Kirche hat es vorgemacht. Julius H. Schoeps, Historiker und Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam, meint die Fusion der Landeskirche Berlin-Brandenburg mit der kleinen Landeskirche der schlesischen Oberlausitz im Jahr 2004.

Für Schoeps ein Modell, wie jüdisches Leben in Berlin und Brandenburg angesichts der demografischen Entwicklung aufrechterhalten werden kann.

Denn in Berlin und Brandenburg gehen die Mitgliederzahlen in den jüdischen Gemeinden zurück. Der Wissenschaftler Schoeps schlägt daher vor, die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die sieben kleinen Gemeinden im Land Brandenburg zu fusionieren, um diese vor der Auflösung zu bewahren. Ein Vorschlag, der nach Ansicht von Schoeps dringlicher denn je ist.

So weist die Statistik der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland in der Berliner Gemeinde einen Schwund von 121 Mitgliedern im vergangenen Jahr auf, so dass Ende 2008 nur noch 10 794 Mitglieder gezählt wurden. 139 Zugängen standen 260 Abgänge gegenüber. Noch vor fünf Jahren hatte die Gemeinde 13 000 Mitglieder. Schoeps nennt als Gründe die demografische Entwicklung und den Rückgang der Zuwandererzahlen. In der Tat hat die Zahl der jüdischen Zuwanderer aus der Ex-Sowjetunion rapide abgenommen. Kamen in Spitzenzeiten pro Jahr deutschlandweit 12 000, liegt die Zahl jetzt bei 1000.

Auch die Altersstruktur nimmt bedrohliche Formen für die Existenz der Gemeinden an. "Mehr als 50 Prozent der Mitglieder sind über 45 Jahre alt. Die Sterbeziffer ist sieben- bis achtmal höher als die Zahl der Geburten", sagt Schoeps.

Keine Chance für kleine Gemeinden

2008 zum Beispiel standen in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin 79 Todesfällen nur elf Geburten gegenüber. "Das hat natürlich Konsequenzen. Eine Stärkung der Gemeinden ist auf gar keinen Fall zu erwarten. Schätzungen von Demografen haben ergeben, dass nur noch Gemeinden mit mehr als 4000 Mitgliedern und einer starken Nachwuchsgeneration überleben werden", sagt Schoeps.

Und da könnte es vor allem die sieben Brandenburger Gemeinden hart treffen. Zusammen haben sie nur 1312 Mitglieder (Stand: Ende 2008). Tendenz sinkend. "Die kleinen Gemeinden werden nicht überleben", ist Schoeps sich sicher. Das, was zum Gemeindeleben gehört - eine Synagoge, ein Gemeindezentrum, eine Kita - könnten sie sich gar nicht leisten, geschweige denn füllen. "Und was soll eine Synagoge - und keiner geht hin?", bringt Schoeps das Problem auf den Punkt.

"Insofern ist eine gemeinsame Landesgemeinde Berlin-Brandenburg sinnvoll. Denn es ist viel günstiger, wenn die Brandenburger Juden das breite Angebot von Synagogen unterschiedlicher Glaubensrichtungen sowie Schulen und Kindergärten in Berlin nutzen würden", sagt Schoeps. "Verkehrstechnisch wäre das auch kein Problem. Denn die Brandenburger Gemeinden in Königs Wusterhausen, Bernau, Oranienburg und Potsdam liegen ohnehin an den Endpunkten der Berliner S-Bahn."

Für die abgelegenen Gemeinden in Cottbus, Brandenburg/H. und Frankfurt (O.) hingegen wäre eine Fusion wegen der Entfernung schwieriger. Das sieht auch Schoeps. Hier müsse man andere Lösungen finden.

Süsskind: Vom Ansatz her gute Idee

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, findet Schoeps Anregung "vom Ansatz her prima". Das müsse aber gut durchdacht werden. "Und wir müssen uns mit den Brandenburger jüdischen Menschen zunächst erst einmal an einen Tisch setzen. Aber warum sollten wir nicht den kleinen Gemeinden Hilfestellung leisten?" Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland befürwortet den Vorstoß Schoeps'. "Natürlich schätzen wir beide Landesverbände, und es klingt komisch, wenn der Zentralrat sich für die Auflösung seiner Mitgliedsgemeinden ausspricht", sagt der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer. "Doch es macht Sinn, wenn man die Jüdische Gemeinde zu Berlin und den Landesverband der jüdischen Gemeinden Brandenburg mittelfristig zusammenlegen würde", sagt Kramer.

"Seit das Zuwanderungsprogramm läuft, hat Brandenburg Aufnahmezusagen für 7411 jüdische Zuwanderer gemacht. Demnach müssten die Brandenburger Gemeinden 7500 bis 8000 Mitglieder haben. Tatsächlich aber sind es nur gut 1000, weil viele nach Berlin abgewandert sind." Vor allem die Jüngeren gingen. Die aber suchten nicht unbedingt den Zugang zur Gemeinde. Auf deren Agenda stünde zunächst einmal die berufliche Ausbildung und nicht das Gemeindeleben.