Großprojekt

Ein See in der Baustelle am Alexanderplatz

Für kurze Zeit hat Berlin einen neuen See. Das etwa 900 Quadratmeter große Gewässer ist allerdings zum Baden völlig ungeeignet. Es liegt in Mitte, auf der großen Baustelle vor dem Hotel Park Inn, und ist für Passanten auf dem Weg über die Alexanderstraße zum Alexanderplatz zu sehen.

Sie konnten gestern ein Floß beobachten, auf dem ein Bauarbeiter fuhr, in der einen Hand eine Messlatte, in der anderen Hand einen Betonschlauch. Unter Wasser entsteht die Bodenplatte für die neue Tiefgarage gegenüber vom Hotel. Zur Kontrolle springen Taucher in das braune Wasser und überprüfen den Baufortschritt. Es ist das südöstliche Ende der fast 230 Meter langen und 45 Meter breiten Baustelle.

Kosten: 25 Millionen Euro

Rund 25 Millionen Euro kostet das anspruchsvolle Großprojekt, das die Firma Wöhr + Bauer GmbH aus München realisiert. Die bayerische Firma ist Projektentwickler. Betreiber der Tiefgarage und Investor ist die Firma Q-Park. Bereits im Herbst 2007 war Baubeginn. 650 Stellplätze entstehen. Das Bauwerk nimmt ein Volumen von etwa 80 000 Kubikmetern ein und reicht bis in eine Tiefe von neun Metern. Unmengen von Sand müssen bewegt werden. Bagger arbeiten in der Tiefe und an der Oberfläche. Lastwagen transportieren etwa 2000 Kubikmeter am Tag. Mehr als 110 Fahrten sind dazu erforderlich. Grundwasser muss abgepumpt werden.

Für Autofahrer ist das anspruchsvolle Großprojekt weniger erfreulich. Sie müssen sich seit langem auf einer Spur an der Baustelle entlang schlängeln. Doch jetzt setzen die Verantwortlichen zum Endspurt an. "Wir wollen nicht der Bremsklotz am Alexanderplatz sein", sagt Projektkoordinator Bernhard Deurer von Wöhr + Bauer. Ein zusätzliches Architekturbüro werde beschäftigt, weitere Nachunternehmen eingesetzt. Außerdem prüfe man, ob die Bauarbeiten in zwei Schichten erfolgen können. So soll es möglich werden, dass die Tiefgarage wie ursprünglich geplant Mitte 2010 fertig wird. Denn das Bauende ist zwischenzeitlich auf 2011 verschoben worden. Ursache waren die archäologischen Ausgrabungen, die vier Monate dauerten und Skelette aus dem Mittelalter zu Tage förderten. Außerdem fanden sich die Mauern einer Exerzierhalle, die abgetragen werden mussten.

Die Tiefgarage bekommt zwei Zu- und Ausfahrten, eine am südöstlichen Ende. Dort entsteht das Bauwerk, wie am See erkennbar, in offener Bauweise. Es wird nur eine Ebene zum Parken haben und soll außerdem für spätere Bauvorhaben die Zufahrt für Lastwagen bis unter den Alexanderplatz ermöglichen. Der nordwestliche Teil des unterirdischen Parkhauses ist mit drei Etagen von je 6500 Quadratmetern Fläche geplant. Er entsteht in geschlossener Bauweise: Zunächst wurden Seitenwände und Decken gebaut, dann der Sand aus dem Inneren entfernt und nun Bodenplatte und Zwischendecken eingezogen. Als Schutz dient in 19 Metern Tiefe eine weitere, etwa einen Meter dicke Platte. Dazu ist Zementschlämme in einem Hochdruckverfahren nach unten gepresst worden.

Besuchertag auf der Baustelle

Von der Straße und den umliegenden Häusern aus sind nur die Baufahrzeuge an der Oberfläche zu sehen. Den Blicken entzogen ist die riesige unterirdische Halle mit einem Halbrund und großen Stahlstützen, die bis in eine Tiefe von neun Metern reicht. Bauarbeiter bringen die Stahlelemente für die Bodenplatte an. Alle 14 Tage freitags wird der Beton für die Platte gegossen. Er härtet am darauf folgenden Wochenende aus. An den Wänden ist erkennbar, wo die Spindeln für die Zu- und Ausfahrt gebaut werden. Auch Berliner und Touristen sollen Einblick in die große Halle bekommen. Die Wöhr + Bauer GmbH plant im Herbst einen Tag der offenen Tür. Vorgesehen ist der 19. oder 20. Oktober.

Wenn die Tiefgarage fertig ist, soll die Alexanderstraße neu angelegt werden. Geplant ist eine Fahrbahn mit sechs Spuren, die jedoch schmaler ist als früher. Sie soll von 100 Metern Breite auf etwa 58 Meter zurückgebaut werden. Die Gehwege werden mehr Platz zum Flanieren bieten. Wann Autofahrer wieder ungehindert zwischen Park Inn Hotel und Bundesumweltministerium fahren können, ist noch ungewiss. Vorerst müssen sie Geduld und Zeit für die große Baustelle mit ihrem Lkw-Verkehr und für weitere Behinderungen im Umfeld aufbringen.

An der Kreuzung Grunerstraße/Otto-Braun-Straße sind die Fahrspuren eingeengt, die Verkehrsführung geändert. Weiter südöstlich richtet die BVG zurzeit drei Baustellen auf der Karl-Marx-Allee ein. Sie entstehen im Umfeld der U-Bahnhöfe Schillingstraße, Strausberger Platz und Weberwiese. Dort will das Unternehmen die Decken der U-Bahn-Tunnel neu abdichten und muss dafür die Oberflächen öffnen. Der Verkehr soll in zwei Spuren pro Richtung an den Baustellen vorbeiführen, die Geschwindigkeit auf Tempo 30 begrenzt werden. Bauarbeiten auf der Mollstraße zwischen Otto-Braun-Straße und Karl-Liebknecht-Straße dauern bis Ende November 2009, Arbeiten auf der Torstraße zwischen Rosa-Luxemburg-Straße und Karl-Liebknecht-Straße bis Ende Oktober 2009.

Westlich vom Alexanderplatz, vor dem roten Rathaus, entsteht 2010 die nächste große Baugrube. Sie wird auf dem Areal des Marx-Engels-Forum angelegt. Dort soll die Vortriebsmaschine in die Tiefe gelassen werden, die den Tunnel für die Verlängerung der U 5 vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor bohrt.