Szene

Die Kreativen von Kreuzkölln

| Lesedauer: 9 Minuten
Alexandra Maschewski

Man könnte es fast übersehen, das kleine Schaufenster mit den liebevoll drapierten Hutmodellen, das ein bisschen ist wie aus einer anderen Zeit. Die daneben liegende Eckkneipe ist ja nun wahrlich kein Hingucker, aber ziemlich dominant ist sie und typisch eben. Für Berlin, für Neukölln und auch für diese Straße im Reuterkiez, in dem sich Hutmacherin Ute Schellbach so wohl fühlt.

Eine der Ersten war sie hier, wohnt schon seit 20 Jahren im Bezirk und musste sich wirklich oft auslachen lassen dafür. Heute ist sie es, die schmunzelt. Dann zum Beispiel, wenn sie an einem Laternenpfahl den Anschlag liest: "Solvente Familie sucht Wohnung ..." "Kreuzkölln" wird halt immer beliebter. Nicht nur bei den Familien, sondern auch bei Designern. Und damit die sich besser austauschen können, gibt es das "Fashion Netzwerk Neukölln", zu dem auch Schellbach gehört.

Zwischen 60 und 70 Kreative sind mittlerweile in dem lockeren Verbund organisiert, der vor einem Jahr vom "Verein Wirtschaft und Arbeit Neukölln" gegründet wurde und zum Ziel hat, die junge Designbranche und angrenzende Gewerke zusammenzuführen. Auch die Hutmacherin hat sich immer gewünscht, dass hier "Kleinstgewerbetreibende" eine Möglichkeit zum Austausch bekommen. In Schöneberg, wo sie fünf Jahre lang einen eigenen Laden hatte, hätte es so was einfach nicht gegeben. Dorthin war sie kurzzeitig geflüchtet, als der "Kiez kippte". Nun ist die studierte Modedesignerin froh, zurück an der Bürknerstraße zu sein und zu sehen, wie sich die Ecke, ihre Ecke, entwickelt. "Hier ist die Miete deswegen noch bezahlbar, weil es viele Einzelhausbesitzer gibt, die sich auch noch für das Wohl ihrer Mieter interessieren", sagt sie, nimmt einen benutzten Pappbecher, den irgendwer in das Geldrückgabefach des Kaugummiautomaten vor ihrem Laden gequetscht hat und schmeißt ihn in einen Mülleimer. Ein Geben und Nehmen sei das. Genauso sei auch der Kiez, meint Schellbach, bevor sie sich um zwei englischsprachige Kundinnen mittleren Alters kümmern muss, die im kleinen Geschäft schon selbstständig Hüte aufprobieren.

Ein paar Straßen weiter sitzen Chardia Budiman und Min-Wha Chung im "Freien Neukölln". Auch eine Eckkneipe, aber ein jüngere. Die 27- und 28-jährigen Designerinnen, die ihre Entwürfe vor allem über das Internet verkaufen, sind ziemlich aktiv im Fashion Netzwerk, gerade haben sie eine Ausstellung im "be Berlin stadtladen" organisiert. Bis zum 30. Juli werden von acht ausgewählten Designern Kleidungsstücke und Accessoires "made in Neukölln" gezeigt, mittels kleiner Filme werden dort an der Rochstraße jedoch gerechterweise fast alle Netzwerk-Mitglieder vorgestellt. In Berlins hipper Mitte also, dort, wo doch fast alle Designer sein wollen, es die Macherinnen der Labels "Mandu" und "Kokokaka" laut eigener Auskunft aber überhaupt nicht hinzieht. "Hier tauscht man sich nicht nur aus, sondern hilft sich auch gegenseitig", sagt Min-Wha Chung. Empfiehlt sich Stoffe, gibt dem anderen Tipps, wo man eine günstige Näherei finden kann. "Und wenn man sich hier wirklich aktiv einbringen will, dann kann man auch etwas bewegen." Ein Gemeinschaftsprojekt war zum Beispiel das "Fashion Weekend Neukölln", das im vergangenen November in der Alten Post an der Karl-Marx-Straße stattfand. Und am 2. August geht "Sideseeing - Der Designmarkt am Maybachufer" in die nächste Runde. Ein bisschen stolz sind die zwei auf diesen Event. Da macht es auch nichts, dass es zwischendurch mal Anwohner gibt, die sich über eine derartig szenige Belebung beschweren. "Das hat ja nichts mit Neukölln zu tun", findet Chardia Budiman.

Die beiden machen sich auf den Weg zu "SDW", der Offenen Siebdruck Werkstatt, die auch Mitglied des Netzwerks ist. Vorbei an "Zum lustigen Alfons" (wieder so eine typische Kneipe). Vorbei am Atelier von "Fishbelly", der erfolgreichen Dessous-Marke von Jutta Teschner, die ihre Boutique dann doch lieber in Mitte hat. Und vorbei an diversen Trödelläden, die den Gehweg mit alten Koffern, alten Rädern, alten Bildern, Lampen, Gummihundefiguren und was auch immer zustellen. Auch Chardia und Min-Wha haben sich schon mal in die Werkstatt an der Pflügerstraße eingemietet, um Plakate und Mode zu bedrucken. Einer der zehn Mitarbeiter ist Thomas Schmid, der mit farbig bekleckster dreiviertellanger Cargo-Hose hinter einer Art Verkaufstresen steht. Nebenan wird gewerkelt, es riecht scharf nach Chemikalien, und aus einem Beutel am Boden lugt ein T-Shirt hervor, auf das ein Unkundiger "Hamburger Dern" gedruckt hat. Bezeichnender für die SDW ist natürlich der Ständer, auf dem bunte Teile aus der "Rütli Wear"-Kollektion liegen. Aus dem Projekt, das an der benachbarten Schule ins Leben gerufen wurde, nachdem die schlechten Zustände dort bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatten, ist der Betrieb nämlich entstanden, der nicht nur anderen Kreativen die Geräte zur Verfügung stellt, sondern auch Aufträge abarbeitet. Die Hochzeit, in der man auch schon mal im "Berghain" jemanden im Rütli-Shirt gesehen hat, ist jedoch längst vorbei. Bei Schülern kämen die Teile nach wie vor gut an, so Schmid. "Wir unterrichten sie auch immer noch in Arbeitslehre und Kunst", erzählt der 30-Jährige, der eigentlich als Soziologe arbeitet. Wie lange die Kooperation mit der Schule noch fortbestehen wird, sei wegen dortiger struktureller Veränderungen nicht zu sagen. Schmid kommt ursprünglich aus Bayern, durch seine Arbeit hier im Kiez sei er jedoch zum "überzeugten Neuköllner" geworden. "Friedrichshain und Prenzlauer Berg - das ist mir zu szenig. Hier stimmt die Mischung, denn es gibt Stylos genauso wie Familien oder Arbeitslose."

Studierte und Hobby-Designer

Die Mischung der Designer ist ebenfalls bunt. Da wäre zum Beispiel Magdalena Schaffrin, die im Rahmen der letzten Fashion Week gerade erst erfolgreich den "Green Showroom" im Adlon organisiert hat. Oder die Berliner Miedermanufaktur oder Modern-Muslim-Line oder JR Sewing - dabei ist, wer Lust hat, dabei zu sein. "Das können auch Studenten sein oder Hausfrauen, die Mode nur als Hobby haben", erzählt Chardia Budiman. "Hier wird alles toleriert." Sie und ihre Freundin wollen noch kurz weiter zu Philippe, der auch an der Ausstellung an der Rochstraße beteiligt ist. Wenn man genau jetzt rechts die Straße hoch schaut, sieht man schon einen Ausschnitt des Maybachufers, welches nicht unwesentlichen Anteil daran hat, dass die Wohngegend immer beliebter wird. "Auch auf dem ,Türkenmarkt' tauchen immer mehr Kreative auf", erzählt Budiman. Musiker etwa, Comiczeichner seien auch dabei.

Designer Philippe Werhahn vom Label "Tingding", eines der wenigen männlichen Netzwerk-Mitglieder, nennt sich gern Klamottenkonstrukteur. Der Hamburger, der in Italien studiert hat, macht mit Vorliebe aus Herrensachen Damensachen. Kleidchen aus Oberhemden zum Beispiel. Kundin Daniela Lehmann zieht gerade eine Hose an, die aus einer Levis-Jeans, einer Anzughose und einer Yves-Saint-Laurent-Krawatte als Gürtel "konstruiert" wurde. Sie ist heute einfach mal in den Laden spaziert und hat "alles durchprobiert". "Die Gegend hier ist spannend. Hier herrscht noch nicht so ein Kaufrauschfeeling." Dafür könne man einzelne Perlen finden, so wie Tingding: "Eine ziemlich schiefe, interessante Perle". Ein Kompliment, mit dem der Designer bestens leben kann. "Ich habe einfach keine Lust auf den Modezirkus, will lieber Projekte machen", sagt Werhahn leicht renitent. Berlin sei dafür perfekt, frischer, innovativer. Und günstiger als woanders sei es in Neukölln natürlich auch. Der 28-Jährige hat direkt neben seinem kleinen Verkaufsladen an der Bürknerstraße sein Atelier. Und direkt dahinter seine Wohnung. "Es interessiert mich nicht, was am Ende dabei rauskommt, sondern ich will einfach nur machen", sagt der Klamottenkonstrukteur mit erstaunlichem Idealismus. Im Schaufenster läuft ein Video von einer Mode-Tanzperformance, die neulich hier stattfand. Demnächst will er mit einem Theater zusammenarbeiten.

Min-Wha und Chardia müssen zurück. Die eine nach Hause, die andere in ihre Ateliergemeinschaft. Sie winken Netzwerk-Kollegin Jana Reiche von "JR Sewing", die vor ihrem Laden sitzt. Aus einem türkischen Café riecht es nach Apfeltabak. Ein Stück weiter, nah an einer Hauswand, liegen zwei Kisseninletts auf dem Bürgersteig. "Zu verschenken" steht auf einem Zettel. Ein Geben und Nehmen eben.

"Wenn man sich hier wirklich aktiv einbringen will, dann kann man auch etwas bewegen."

Min-Wha Chung