Interview

"Ich bin wütend: Der Staat tut nichts für die Menschen"

| Lesedauer: 8 Minuten

Er hat die Love-Parade erfunden, war das Gesicht der weltgrößten Technoparty: Dr. Motte. Mit ihm sprach Benjamin Gajkowski.

Dr. Motte: Mann, bin ich müde. Neun Uhr morgens ist echt nicht meine Zeit.

Dr. Motte: Ich dachte schon, Sie seien wütend. Sie gucken etwas grimmig.

Dr. Motte: Ich bin wütend.

Berliner Morgenpost: Und warum?

Dr. Motte: Wegen der lebensfeindlichen Politik, die der Berliner Senat betreibt.

Berliner Morgenpost: Das müssen Sie uns erklären.

Dr. Motte: Seit Jahren werden die Mieten erhöht. Die kann sich doch keiner mehr leisten, höchstens noch Zugezogene. Und was ist mit den Hartz-IV-Empfängern? Wer denkt an die? Wowereit jedenfalls nicht. Der sagt: Wenn die sich das nicht leisten können, dann müssen sie eben wegziehen. Das ist eine ekelhafte Politik, menschenverachtend.

Berliner Morgenpost: Und Sie tun dagegen das, was Sie immer gemacht haben, wenn Ihnen etwas nicht gefällt: Sie beschallen irgendeine Straße mit wummernden Bässen.

Dr. Motte: Nicht ich allein. Wir sind 150 Initiativen, Clubs und Einzelpersonen, die am Sonnabend bei der Demoparade "Megaspree" gegen die Städtebaupolitik des Berliner Senates demonstrieren.

Berliner Morgenpost: Klingt trotzdem nicht nach einer Lösung.

Dr. Motte: Ich lenke meine Wut in einen kreativen Widerstand. Ich gehe nicht auf die Straße und werfe Steine. Das wäre Schwachsinn. Ich mache mir Gedanken darüber, wie der Mensch in Deutschland wieder spürt, dass er nicht nur ein dummes Schaf ist und nur verarscht wird. Momentan ist man nämlich nur dafür gut, dass man bezahlen darf. Der Staat tut nichts für den Menschen.

Berliner Morgenpost: Dann ändern Sie doch was. Gehen Sie in die Politik.

Dr. Motte: Niemals. Ich bleibe lieber außerparlamentarische Opposition. Ich lasse mich nicht kaufen.

Berliner Morgenpost: Stattdessen kommen Sie mit Musik.

Dr. Motte: Musik bringt die Menschen zusammen. Sie ist das Gegenmittel. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen, hier in Berlin. Über eine Million Menschen tanzten und feierten friedlich bei der Love-Parade.

Berliner Morgenpost: Miriam Scheffler, Mitbegründerin der Love-Parade, hat einmal gesagt, dass die Parade als Party gedacht war, getarnt als Demo.

Dr. Motte: Nein, mir war das damals ernst. Und ist es heute immer noch.

Berliner Morgenpost: Wie war es dann wirklich?

Dr. Motte: Ich war 1972 auf einer Anti-Vietnamkriegs-Demo. Das Problem war nur: Die Linken waren zerstritten. Sie konnten sich nicht darauf einigen, wie man für seine Ziele eintritt, der Weg war strittig. In den späten 80er-Jahren begann das dann mit den illegalen Acid-House-Partys in England, die von der Polizei aufgelöst wurden. Und die Menschen dann einfach auf der Straße weiterfeierten. Mein Gedanke war: Wie kriegt man so etwas nach Berlin, zusammen mit einer politischen Botschaft? Also meldete ich eine Demo für etwas an, nicht gegen etwas.

Berliner Morgenpost: Und wofür?

Dr. Motte: Für Abrüstung, für eine neue Kommunikation mit Musik, denn Musik spricht alle Sprachen. Und für eine gerechte Nahrungsmittelverteilung auf der Welt. Meine Vision war: Lasst doch einfach alle Menschen in den Hauptstädten tanzen, dann kommt der Frieden von ganz alleine. Daher auch das Motto: Friede, Freude, Eierkuchen.

Berliner Morgenpost: Trotz allen Elends auf der Welt gibt es für Sie aber auch einen Grund zum Feiern.

Dr. Motte: Welchen?

Berliner Morgenpost: Sie werden heute 50.

Dr. Motte: Ist mir ziemlich schnuppe. Ich komme gerade noch dazu, eine kleine Privatparty zu organisieren, 200 Leute.

Berliner Morgenpost: Das nennen Sie klein?

Dr. Motte: Ja, der enge Kreis. Enge Freunde.

Berliner Morgenpost: Mit 50 könnte man schon mal auf sein Leben zurückblicken.

Dr. Motte: Das habe ich bereits gemacht.

Berliner Morgenpost: Und welche Bilanz haben Sie gezogen?

Dr. Motte: Dass ich meine Erfahrungen im Leben gemacht habe, auch schlechte. Ich hatte zwei Horrortrips.

Berliner Morgenpost: Was ist das, ein Horrortrip?

Dr. Motte: Ich habe Marihuana geraucht und LSD ausprobiert. Ich bekam komische Gedanken, Visionen.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie da gedacht?

Dr. Motte: Das geht nur mich etwas an.

Berliner Morgenpost: Nach Ihrem Drogenentzug sagten Sie, dass Sie Ihren "inneren Meister" gefunden haben. Was hat er gesagt?

Dr. Motte: Er hat mir die Antwort gegeben, die ich auf meine Frage damals brauchte.

Berliner Morgenpost: Welche Frage?

Dr. Motte: Soll ich oder soll ich nicht. Soll ich essen oder nicht. Soll ich schlafen oder nicht. Soll ich meine Zähne putzen oder nicht. Ich bekam keine Antwort darauf. Ich vegetierte einfach dahin, wie eine Pflanze. Zwei Monate lungerte ich nur in meiner Wohnung herum. Erst dann sprach mein innerer Meister zu mir, sagte: Der Einzige, der wirklich weiß, was gut für dich ist, bist du selbst. Nicht deine Mutter, nicht dein Vater, nicht deine Freunde. Du musst es tun. Du musst deinen Weg gehen, das kann kein anderer für dich tun. Und ich hab noch etwas gelernt.

Berliner Morgenpost: Nämlich?

Dr. Motte: Ohne LSD gäbe es keine Computer und auch keine Laptops.

Berliner Morgenpost: Bei allem Respekt: Das ist doch Quatsch.

Dr. Motte: Überhaupt nicht. LSD erweitert das geistige Potenzial, die Vorstellungskraft.

Berliner Morgenpost: Beweisen Sie Ihre These.

Dr. Motte: Das brauche ich nicht. Ich sehe die Welt aus meiner Sicht, Sie aus Ihrer.

Berliner Morgenpost: Gibt es irgendetwas in Ihrem Leben, das Sie bereuen?

Dr. Motte: Komische Frage.

Berliner Morgenpost: Warum?

Dr. Motte: Was sollte ich denn bereuen? Man sammelt Erfahrungen. So ist das nun einmal. Da gibt es nichts zu bereuen.

Berliner Morgenpost: Mir ist da trotzdem was eingefallen: der Verkauf der Love-Parade im Jahr 2006.

Dr. Motte: Nö. Es ist, wie es ist.

Berliner Morgenpost: Nachdem eine Billigfitnesskette die Love-Parade übernommen hat, ist die Party so erfolgreich wie nie. 2008, in Dortmund, feierten 1,6 Millionen Menschen. Ein Rekord. Frustriert Sie das?

Dr. Motte: Nein. Die Love-Parade ist nur noch ein Werbeevent für die Fitnesskette, mehr nicht. Besucherzahlen sagen nichts über Qualität aus.

Berliner Morgenpost: Qualität? 2000 trällerte Gotthilf Fischer auf der Love-Parade "Hoch auf dem gelben Wagen" ...

Dr. Motte: Wir wissen alle, dass das Management das eingefädelt hatte.

Berliner Morgenpost: In Woodstock wurde gekifft. Auf der Love-Parade schluckten viele Ecstasy. Warum nehmen auf Friedensdemonstrationen eigentlich so viele Drogen?

Dr. Motte: Das stimmt nicht. Wir hatten nie Drogenprobleme auf der Love-Parade.

Berliner Morgenpost: Aber es wurden Drogen genommen.

Dr. Motte: Fragen Sie, wen Sie wollen. Hilfsorganisationen, Polizei, Feuerwehr. Wir hatten keine Probleme mit Drogen.

Berliner Morgenpost: Das ist doch Haarspalterei. Nach dem Motto: Solange keiner umkippt, gibt es kein Problem mit Drogen.

Dr. Motte: Noch mal: Es gab keine Drogenprobleme. Punkt. Das lasse ich mir von Ihnen auch nicht einreden. Da können Sie noch zwanzig Mal fragen.

Berliner Morgenpost: Wer gab Ihnen eigentlich diesen Namen?

Dr. Motte: Meine Mutter.

Berliner Morgenpost: Ich meine Dr. Motte.

Dr. Motte: In meiner Punk-Clique hatte jeder einen Spitznamen, irgendwann bekam ich halt Motte, Ende der 70er war das. Als ich dann 1991 Platten auflegte, da wurde mir irgendwann so eine kleine Plakette geschenkt. Da stand drauf: Dr. Motte, psychiatrische Abteilung.