Interview

"Public Viewing ist die Sehnsucht nach Emotionen"

Zu Hause hat man ein schattiges Plätzchen auf dem Sofa, einen freien Blick auf den Fernseher, kalte Getränke im Kühlschrank und ein Klo in Reichweite - trotzdem haben sich Hunderttausende Fußballfans am Sonnabend in die brütende Hitze gestellt, um beim Public Viewing gemeinsam Fußball zu schauen.

Christina Brüning hat den Psychologie-Professor Peter Walschburger von der Freien Universität gefragt, warum.

Morgenpost: Herr Walschburger, warum tun Fußballfans sich Public Viewing an?

Peter Walschburger: Das muss die Sehnsucht nach Emotionen sein. Die wird natürlich nicht bewusst artikuliert. Aber es geht darum, sich in der Masse ganz in die Emotionen fallen lassen zu können. Man nimmt schwierigste Rahmenbedingungen in Kauf - oft kann man die Leinwand ja kaum sehen - nur um dabei zu sein. In der Masse gibt es Stimmungsübertragungseffekte. Alles wird größer empfunden. Und man wünscht sich große Gefühle, weil man sie im Alltag nicht so einfach verfügbar hat.

Morgenpost: Funktioniert das nur bei Größenkategorien wie der Fanmeile?

Peter Walschburger: Nein, auch in Kneipen, Biergärten oder mit Freunden ist Fußball gucken beliebt. Es gibt da den Effekt einer Großfamilie. Alle ziehen an einem Strang, sind auf derselben Seite. Public Viewing wird zu einem Motor des Sichwohlfühlens.

Morgenpost: Welche Rolle spielt die Verkleidung beim gemeinsamen Fußballgucken?

Peter Walschburger: Es gibt eine Menge Komponenten, welche die Synchronisierung in der Masse verstärken. Gemeinsame Symbole sind dabei ganz wichtig. Wir geben uns einheitlich als Fans derselben Mannschaft zu erkennen. Wir sind eine Gruppe. Das ist eigentlich ein ganz einfaches Gefühl. Feinere Unterscheidungen dieses Gefühls sind unwichtig - etwa ob ich nun Klose doof und Schweinsteiger besonders gut finde. Das spielt keine Rolle, nur "Wir sind Deutschland" zählt.

Morgenpost: Und nach der WM ist die nationale Zusammengehörigkeit dann wieder vorbei? Wie kann denn Deutschland von so einem "Wir-Gefühl" profitieren?

Peter Walschburger: Unsere Nationalmannschaft vollbringt gerade etwas, was man der Gesellschaft wirklich sonst nur schwer vermitteln kann. Die Mannschaft ist eine Einheit in ihrer Vielfalt, viele Nationalspieler haben andere kulturelle Hintergründe. Sie zeigen eine tolle Teamleistung mit denen, die so typisch deutsche Namen haben wie "Müller". Hier wird unsere soziale Realität reduziert auf ein Team. Auf einen ganz simpel sinnlich erfahrbaren Zustand. Die Nationalmannschaft bringt unsere komplexe, abstrakte Gesellschaft wunderbar auf den Punkt. Wir erleben Integration. Das kann kein politisch gewollter Lernprozess nachmachen.