Integrationsstunden

Schulleiter fürchten um die Förderung der behinderten Kinder

Viele Berliner Schulleiter befürchten, Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf im kommenden Schuljahr nicht mehr ausreichend unterstützen zu können.

Dafür nötige Integrationsstunden seien ihnen zusammengestrichen worden, klagen sie. Das sei angesichts des erklärten Ziels der Bildungsverwaltung, mehr und mehr förderbedürftige Kinder in die Regelschule zu integrieren, nicht nachvollziehbar.

Ein Beispiel ist das Fichtenberg-Gymnasium in Steglitz-Zehlendorf. Von 135 zusätzlichen Lehrerstunden für die Integration blinder und sehbehinderter Kinder sollen zum kommenden Schuljahr 35 wegfallen. "Das sind eineinhalb Lehrerstellen", sagt Schulleiter Rainer Leppin. Dieser Einschnitt führe dazu, dass Fördermaßnahmen wie Einzelunterricht in den Naturwissenschaften oder kleinere Klassenfrequenzen künftig wegfallen müssen.

Viele Unterrichtsstunden fallen aus

Probleme hat auch Jens Haase, Leiter der Grundschule an der Bäke in Steglitz-Zehlendorf. "Bei uns werden voraussichtlich 14 Förderstunden gestrichen", so Haase. Das sei eine halbe Lehrerstelle. Haase bezeichnet das als katastrophal, zumal im vergangenen Schuljahr rund 40 Prozent der Förderstunden ohnehin ausgefallen wären, weil sie für Vertretungsunterricht genutzt werden mussten. "Bald werden wir Integrationskinder gar nicht mehr zusätzlich fördern können", sagte Haase.

Wolfgang Schimmang (SPD), Bildungsstadtrat in Neukölln, sagte, das neue System zur Verteilung der Integrationsstunden sei der Grund, warum es an den Schulen nun Engpässe gebe. "Die Anzahl der Lehrerstellen für die Förderung von Integrationskindern bleibt zwar gleich, die Zahl der förderbedürftigen Kinder aber steigt", sagte Schimmang. Die Bildungsverwaltung habe deshalb entschieden, die Förderstunden zentral zu verwalten und auf die Schulen zu verteilen. Die Bezirke hätten hingegen keinen Spielraum mehr, Schulen mit vielen Integrationskindern besser auszustatten.

Laut einer UN-Konvention vom November 2008 sollen Kinder mit Behinderung so unterstützt werden, dass sie innerhalb der Regelschule ausgebildet werden können. Dieses Konzept wird als Inklusion bezeichnet. Um das zu verwirklichen, müssen die Schulen entsprechend ausgestattet werden. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) wollte deshalb ursprünglich Ende Juni ein Inklusionskonzept vorlegen. Das soll nun erst im Herbst ins Parlament eingebracht werden, hieß es kürzlich bei einer Debatte mit dem Bildungssenator an der Fläming-Grundschule in Friedenau. "Der Bildungssenator hat sich klar zur Inklusion positioniert", sagt Schulleiterin Rita Schaffrinna. Sie solle schrittweise in allen Bezirken umgesetzt werden. Wie an vielen anderen Schulen werden auch in der Fläming-Grundschule seit vielen Jahren behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen unterrichtet.

Ziel sei es, jedem Kind mit einer Behinderung in seinem Wohnbezirk einen Schulplatz anzubieten, sagt Bundestagsmitglied Mechthild Rawert (SPD). Sie hatte die Debatte an der Fläming-Schule, zu der knapp 200 betroffene Eltern gekommen waren, organisiert. Das Interesse der Eltern sei groß, ihr förderungsbedürftiges Kind an einer Regelschule unterzubringen, sagte Rawert. Unabhängig davon, welche Schulform ihr Kind besuche.

Bisher werden in Berlin laut Bildungsverwaltung bereits 40 Prozent der Kinder mit Förderbedarf an Regelschulen unterrichtet. Damit es bald noch mehr werden, forderte die CDU-Fraktion die Bildungsverwaltung kürzlich auf, sofort einen Masterplan zur Inklusion vorzulegen. Gleichzeitig verabschiedete sie eigene Eckpunkte zur Umsetzung der UN-Konvention. Die sehen vor, den Förderbedarf eines Kindes bereits vor Schulantritt zu ermitteln und auf dieser Grundlage den Personalbedarf der Schulen zu berechnen. Zudem sollen für alle Schulen neue Standards festgelegt und auch alle Lehramtsstudenten entsprechend ausgebildet werden.