Erinnerungen an die Love Parade

Friede, Freude, Eierkuchen

Ein skurriler Haufen lärmte vor genau 20 Jahren, am 1. Juli 1989, mit Trillerpfeifen zu neuen Klängen über den Kudamm. Niemand ahnte, dass dies die Geburtsstunde des größten Techno-Events der Welt war, zu dem 1999 gut 1,5 Millionen Menschen zur Siegessäule kamen - mit Ablegern von San Francisco bis Tel Aviv.

Ein DJ namens Motte hatte die Idee, eine Miriam Scheffler meldete die "Demo" für "Friede, Freude, Eierkuchen" an. Es war ein Familienfest, bei dem sich das erste feste Team aus fünf Leuten bildete, die Urzelle der späteren Loveparade GmbH - ohne Miriam Scheffler. Beim Fotoshooting im Techno-Club "Tresor" trafen sie sich jetzt als Gruppe das erste Mal seit fast zwanzig Jahren. Lediglich Dr. Motte und Sandra Molzahn blieben involviert in die Parade bis zum Verkauf 2006. Die besten Künstler der Szene umsonst für alle, das begeisterte Millionen. Die Welt bestaunte das neue, fröhliche Deutschland. Nur Berlin debattierte oft lieber über Müll und Drogen. Der Parade wurde der Demo-Status aberkannt, die Kosten stiegen enorm. Die Fitnesskette McFit übernahm und führte die Parade in den Ruhrpott.

Miriam Scheffler, 42 (Beamtin; Love-Parade-Anmelderin 1989):

Es fing im Mai an. In meinem Tagebuch steht zum 21. Mai 1989: "Gestern waren wir zur House-Party im 'Weird-Club' ... aber das Beste war die Idee, die wir dort hatten: Frank, ich und Motte planen eine Acid-Party auf dem Kudamm, getarnt als Demo. Ich hoffe, es wird was draus, denn die Sache würde, wie einer sagte, in die Geschichte eingehen!"

Am nächsten Tag haben wir gedacht, da macht doch keiner mit, aber plötzlich rief Motte an und war immer noch Feuer und Flamme, da wussten wir, das kriegen wir gebacken. Ich habe damals im Bezirksamt Charlottenburg gearbeitet und die Anmeldung abgeschickt. Wir dachten, wenn das in einer Umlaufmappe ankommt, wirkt das seriöser.

Da lag der Kudamm vor uns, gesperrt für unsere Party, allen ist ein Schauer über den Rücken gelaufen. Ein Typ ist vor Glück an den Boxen hochgeklettert und wollte da förmlich reinkriechen. Auf dem Rückweg haben wir, mitten im Regen tanzend, eine Kreuzung blockiert, die Leute sind wie die Frösche in die Pfützen gesprungen, das werde ich nie vergessen. Drogen gab es nicht, höchstens Koffeintabletten, um länger tanzen zu können. Am Ende waren alle nass, müde - und sehr glücklich. Als wir im nächsten Frühjahr Motte gefragt haben, liefen die Vorbereitungen schon, er bräuchte auch keine weitere Unterstützung. Dann eben nicht, haben wir uns gesagt. Wir waren anfangs schon ein bisschen enttäuscht, aber das war auch kein Drama. Ich hatte ja einen festen Job, und die Organisation war bald ein Fulltime-Job.

Schönste Parade: 1989

Schönstes Motto: "The Wordwide Party People Day"

Schönstes Erlebnis: Wie 1989 an der Ecke Kudamm/Joachimstaler Straße alle im Regen tanzen und wie die Frösche in die Pfützen springen

Kati Schwind, 47 (Quartiersmanagerin; Parade-Gesellschafterin bis 1995):

Das erste Mal hörte ich das Wort Love Parade von Motte im Frühjahr vor seinem Klub "Turbine Rosenheim", wo ich bei einer Acid-Party die Kasse machte - eigentlich war ich in einer Booking-Agentur, die DJs und Bands buchte. Wir sollten Flyer verteilen und allen sagen: Alle müssen kommen. Also kamen alle. Kaum da, hatte ich eine Binde in der Hand und war Ordner, auch wenn es nichts zu ordnen gab.

Erst dachte ich: So wenige Gestalten, der Regen, das wird eine ganz beschissene Nummer. Aber als die Musik anfing und alle tanzten, war es klasse. Der Sound war schlimm, und die Bassboxen waren nach drei Sekunden hin, aber egal. Auf einmal wurde "Give Peace A Chance" gespielt, als Gag zwischendurch, da musste ich fast weinen, so hat mich das ergriffen. Dann: Kudamm rauf, Kudamm runter, fertig. Gerade hatte man sich in Rage getanzt, schon war es wieder vorbei.

Die neue Musik und Szene waren für mich damals eine Religion. Ich dachte, wenn man den Leuten ein tolles Lebensgefühl vermittelt, dann strahlen sie das am nächsten Tag ab, und so wird die Welt eine bessere. Klingt natürlich ziemlich naiv, aber für mich war der Motor bei allem immer purer Idealismus. Im zweiten Jahr kamen ein paar Kölner, 1991 auch die Frankfurter. Das war lustig, wie die hier aufliefen, sauber und adrett, um sich in Berlin ein bisschen schmutzig zu machen. Denen habe ich nie abgenommen, dass es ihnen nur um die Musik ging, die kamen aus der Geldstadt und wollten die Kuh gleich melken.

Irgendwann 1995 habe ich meine Anteile an William Röttger vom Label Low Spirit verkauft. Das habe ich nie bereut. Dieser Stress zwischen Frankfurt und Berlin nervte, die Szene wurde immer verdrogter und blöder, die Musik brettiger.

Schönste Parade: 1990 und 1991 - tolle Stimmung, viele Leute, trotzdem familiär

Schönstes Motto: "My House Is Your House And Your House Is Mine"

Schönste Erinnerung: Als "Give Peace A Chance" auf der 89er-Parade gespielt wurde und ich deswegen fast weinen musste

Matthias Roeingh alias Dr. Motte, 48 (DJ, Produzent; Love-Parade-Erfinder):

Acid-House war die neue Musik, die uns faszinierte. Damals kursierten tolle Geschichten über spontane Street-Partys aus London, so etwas wollte ich auch nach Berlin holen. Im Mai ging mir im Morgengrauen vor einem Club an der Hasenheide wie Daniel Düsentrieb die Denklampe an: Wir machen eine Street-Party auf dem Kudamm und melden das als Demo an. Da waren auch Miriam und Frank dabei. Später kam mir der Name Love Parade in den Sinn. Das war vielleicht kosmisch gesteuert, eine kreative Phase eben. Es sollte eine Demo für unsere Ideale sein, nicht gegen etwas, das bringt nichts. Daher: "Friede, Freude, Eierkuchen." Für Frieden und Abrüstung, Freude - mit unserer Musik für eine bessere Verständigung - und Eierkuchen - für eine gerechte Nahrungsmittelverteilung in der Welt. Das ist immer aktuell. Am Tag selbst waren wir tierisch nervös, das Wetter Mist, aber: Plötzlich zogen wir mit unserer Kellermusik auf dem Kudamm herum, von der Polizei geschützt - Wahnsinn! Wir waren eine kleine Gruppe, aber unsere Mottos waren größenwahnsinnig, deswegen auch: "The Wordwide Party People Day". Ich hatte die Vision, dass sich das durch alle Länder fortpflanzt, bis alle Menschen zusammen tanzen und wir so den Weltfrieden, mindestens aber mehr Frieden schaffen, davon war ich überzeugt.

Es war klar, dass wir das professioneller organisieren müssen. Autos, Anlagen, das kostete alles Geld. Der Kudamm platzte bald aus allen Nähten, deswegen sind wir auf die Straße des 17. Juni. Da fand ich es fast zu groß - bei den letzten Paraden arbeiteten an dem Tag 1000 Leute für uns! Aber es war natürlich beglückend, dass wir so viele erreichten. Die Stadt hat die Parade nie verstanden, nur gerne damit geworben. Die Love Parade gibt es für mich seit 2006 nicht mehr, seit dem Verkauf ist sie nur noch eine Werbeveranstaltung für diese Fitnesskette.

Schönste Parade: 89 der Urknall, 91 erstmals Besuch aus allen Städten, 99 schönster Siegessäulenmoment

Schönstes Motto: "My House Is Your House And Your House Is Mine" (1991)

Schönstes Erlebnis: Als ich 2002 meinen Geburtstag auf der Parade gefeiert habe

Helge Birkelbach, 47 (Konzerthaus Berlin; Parade-Mitorganisator 1990):

Plötzlich, endlich, gab es eine neue Musik! Ich habe 1988 das "Hype Magazine" gegründet; es ging um Alternative Rock, um Pop, aber auch die neue Dancemusic. Acid und House, alles, was aus England und Amerika kam, fand ich revolutionär. In Berlin wurde der Sound sofort verstanden, es lag eine ästhetische und gesellschaftliche Zeitenwende in der Luft. Keine Vocals, nur der pure Beat: Das hat uns fasziniert, das war die Zukunft.

Das "Ufo" in der Köpenicker Straße in Kreuzberg war 1989 unser Treffpunkt. Eigentlich kein Klub, sondern der Keller unter dem "Fischbüro" von Dimitri Hegemann, der später den "Tresor" gründete und experimentelle Musik mochte. Man stieg über eine Hühnerleiter durch ein Loch hinab und stolperte durch dichten Nebel und Stroboskoplicht. Das "Ufo" ist die eigentliche Keimzelle der Love Parade. Da wir so überzeugt waren von unserer Musik, war es nur folgerichtig, dass wir aus dem Underground ans Tageslicht gingen.

Meine letzte Love Parade vor zehn Jahren kam mir aber eher wie Karneval vor, das war's dann.

Ein neuer Aufbruch bedeutete die klassische Musik für mich. Ich habe ein Magazin im Format des "Flyer" gegründet, für Klassikeinsteiger. Jetzt bin ich seit zwei Jahren Leiter der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit am Konzerthaus Berlin.

Schönste Parade: 1990

Schönstes Motto: "The Future Is Ours" (1990)

Schönste Erinnerung: Der Erdbeergeruch des Nebels im "Ufo". Sobald ich heute einen House- oder Acid-Track höre, kommt mir dieser Geruch in die Nase

Sandra Molzahn (Senator Entertainment; Parade bis 2006):

Die erste Parade, für die ich Flyer verteilt und Leuten Bescheid gegeben habe, war im Prinzip ein nettes Get-together von "Ufo"-Besuchern auf dem Kudamm. Es wurde ein bisschen getanzt, Passanten haben uns erstaunt angestarrt, ein paar haben gelächelt. Als der Demo-Status wegfiel, wurde die Organisation sehr teuer, gleichzeitig brachen die Plattenverkäufe ein und die Sponsoren wurden zurückhaltender. Man hatte viel Stress und Arbeit und stand zuletzt immer kurz vor der Insolvenz. Es war also klar, entweder wir lassen die Parade sterben - oder wir verkaufen sie. McFit hat sie übernommen und ist im Ruhrgebiet mit offenen Armen begrüßt worden. Aber da ist es nur noch ein Riesenrave, es fehlt die Grandezza der Straße des 17. Juni. Ich glaube nicht, dass London den Notting Hill Carnival wegziehen lassen würde oder Rio de Janero den Karneval, aber so ist eben Berlin. Ich bin froh, nicht mehr involviert zu sein, finde es jedoch schade, dass niemand versucht hat, wenigstens zum Jubiläum die Parade zurückzuholen. Die Szene ist doch nach wie vor riesig, jedes Wochenende tanzen Millionen junge Menschen zu dieser Musik, auch in den Berliner Klubs wie "Berghain", "Weekend" oder "Watergate".

Schönste Parade: 1991, weil erstmals aus ganz Deutschland Gleichgesinnte kamen. 1996 wegen der großartigen Siegessäulen-Kulisse

Schönstes Motto: "My House is Your House and Your House Is Mine"

Schönstes Erlebnis: Jedes Mal, wenn die Musik einsetzte

Ralph Günther, 43 (BMP AG Vorstand; Parade-Vereingründer):

Motte und die anderen kannte ich aus dem "Fischlabor", einer Kneipe gegenüber von meiner Wohnung in Schöneberg. Irgendwann hing da ein Zettel: "The Worldwide Party People Day". Cool, dachte ich, da gehst du hin. Im nächsten Jahr fragte mich Sandra, ob ich mithelfen wollte - na klar. Die Parade wegziehen zu lassen, war ein grober Fehler. Typisch Berlin. Wir haben hier etwas Tolles, können es aber nicht nutzen, wir streiten uns lieber. Die Parade hat allen dieses friedliche, aufgeschlossene, hübsche Deutschland gezeigt. Es war das Woodstock für die Elektro-Kids der 90er.

Schönste Parade: 1994 und 1995

Schönstes Motto: "The Worldwide Party People Day" (1989)

Schönstes Erlebnis: Als mein Freund Matthias 1996 an der Siegessäule seiner Freundin in London übers Handy einen Heiratsantrag gemacht hat