Rechtsextremismus

Neonazis auf den Spuren Ernst Röhms

Der Aufmarsch vor der NPD-Parteizentrale am 1. Mai in Köpenick beginnt mit dem Ausrollen der schwarzen Fahne. Eine Gruppe Glatzköpfe hat sich um das Symbol geschart, das in der Szene als Zeichen der Kampfbereitschaft und des Aufstandes gilt.

Die Kahlköpfe heben sich vom Rest der Demonstranten ab. Sie gehören nicht zu den jungen Aktivisten, die den politischen Gegner unentwegt provozieren - die Männer halten sich eher zurück. Sie tragen schwarze Schuhe, schwarze Hosen und schwarze Hemden mit Bügelfalte. Auf den Kragen prangt die Zahl "24". Auf der rechten Brust sind mit weißem Garn Reichsadler mit Lorbeerkranz eingestickt. Auf den linken Brusthälften prangt der Name ihrer Gruppe: Frontbann 24.

Mitgliederzahl steigt rapide

Die Organisation ist nach Angaben der Sicherheitsbehörden die am schnellsten wachsende Gruppe innerhalb der rechtsextremistischen Szene in Berlin. "Wir rechnen dem Frontbann etwa 40 bis 60 Mitglieder zu, mit steigender Tendenz", sagt Claudia Schmid, Leiterin des Berliner Verfassungsschutzes. Seit Jahresbeginn treten die Neonazis verstärkt in der Öffentlichkeit auf.

Wer genau die Organisation wo initiiert hat, ist unklar. Der Verfassungsschutz vermutet, dass Frontbann 24 das Zerfallsprodukt der politischen Flügelkämpfe innerhalb der Berliner NPD ist. "Der Landesverband ist durch Austritte und Konflikte geschwächt, der Vorsitzende Jörg Hähnel umstritten", sagt Schmid. "Der NPD mangelt es zurzeit an Attraktivität."

Frontbann 24 widerspiegele zudem das Bedürfnis der Rechtsextremen, sich in kameradschaftsähnlichen Strukturen zu organisieren. Kameradschaften wie die "KS Tor" existieren seit Verboten des Innensenators seit Jahren nicht mehr. Dennoch gebe es einen Unterschied: "Der Frontbann 24 hat viel mehr Mitglieder als die Kameradschaften in Berlin je hatten. Die relativ junge Organisation ist in ein Vakuum gestoßen, das vor allem für ältere Aktivisten zwischen 30 und 45 Jahren interessant ist", so Claudia Schmid weiter. Die Schwarzhemden seien wahrscheinlich keine vorübergehende Erscheinung, sondern gehörten zu einer sich weiterentwickelnden, stabilen Gruppe, die sich vorwiegend aus frustrierten Ex-NPD-Mitgliedern und - eher vereinzelt - den sogenannten "Freien Kräften" zusammensetze. Es gebe zwar eine gewisse Konkurrenz zur NPD, doch die Übergänge seien fließend.

1. Mai, NPD-Zentrale in Köpenick. Inmitten von Frontbann eine eher unscheinbare Frau. Sie gilt als einer der Auslöser der neuen Bewegung: Gesine Hennrich, ehemalige Vorsitzende des Kreisverbandes Marzahn-Hellersdorf, und Landesvorsitzende des Ring Nationaler Frauen. Im Februar erklärte sie ihren Rücktritt von allen Ämtern sowie ihren Austritt aus der NPD. Das Zerwürfnis ist das Ergebnis eines monatelangen Konflikts um die internen Machtverhältnisse in der Partei. Mit Hennrich stiegen fast die gesamten Kreisverbände Marzahn-Hellersdorf und Tempelhof-Schöneberg aus.

Seit dieser Trennung tauchten um Hennrich die Kahlköpfe vom Frontbann 24 auf, die mit ihrem Aussehen an die stereotypen Bilder von Neonazis aus den 90er-Jahren erinnern und sich "dem Kampf gegen Kinderschänder" verschrieben haben.

Die NPD will offiziell keine Kontakte zum Frontbann 24 haben. "Mit denen haben wir nichts gemein", sagt Jörg Hähnel, Landesvorsitzender. Nach seinen Angaben habe die Organisation bereits vor der Austrittswelle bestanden. Er spricht über den Frontbann von einem "politischen Haufen", der sich wie eine Kameradschaft organisieren wolle.

Woher der Gruppenname stammt, erklärt ein Mitglied im Internet: "Der Frontbann wurde 1924 gegründet. (...) Da wir nun aber nicht den Namen im Original übernehmen wollten (weil uns das nicht zusteht), haben wir das ehemalige Gründungsjahr hinter den Namen gesetzt. Man kann also von einer Wiederbelebung, allerdings mit abweichenden Praktiken und Zielsetzungen, sprechen." Man werde vermeiden, dass die Behörden ein Verbot der Gruppe erwirken, "weshalb wir uns auch in der vorgeschriebenen Legalität bewegen werden."

Der Frontbann wurde von Ernst Röhm im April 1924 gegründet. Die Mitgliederzahl explodierte, im September gleichen Jahres sollen bereits 30 000 Frontmänner registriert gewesen seien. Der Frontbann galt als Auffangorganisation für verschiedene, nach dem fehlgeschlagenen Hitlerputsch verbotene, rechtsextreme Wehrverbände der Weimarer Republik, hauptsächlich jedoch für die SA.

Über die politische Ausrichtung der neuen Strömung besteht für die Leiterin des Verfassungsschutzes kein Zweifel. "Wir rechnen die Gruppe den Neonationalsozialisten zu", sagt Claudia Schmid. Es gebe Äußerungen von Mitgliedern, die darauf hindeuteten. Zudem habe man ein Flugblatt dokumentiert, das auch dieser Zeitung vorliegt.

Das Papier hat einen schwarzen Hintergrund, an den Rändern prangt der Gruppenname in rot-weißen Buchstaben. Unter der Überschrift "Seid Ihr bereit, die Wahrheit zu sehen?" wird - wörtlich - aufgezählt:

- "Leben unter einer Marionettenregierung, die vom Zentralrat der Auserwählten und Besatzer gesteuert wird."

- "Gezielte Auslöschung der deutschen Kultur, Sitten und Gebräuche durch Überfremdung."

- "Gesteuerte Verdummung unserer Jugend durch Unterricht von drogengeprägten Existenzen der 68ziger Bewegung in heutiger Gestalt von Lehrern."

Gruppe inszeniert sich selbst

"Ideologisch gibt der Frontbann 24 nicht viel her", sagt Ulf Bünermann von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. Die Gruppe inszeniere sich vor allem selbst, vorrangig aber seien Struktur und Attitüde für die Mitglieder attraktiv. Bei Aufmärschen und Versammlungen zeigen die Kahlköpfe ihre Zusammengehörigkeit. "Dies geht so weit, dass sie Kleidung tragen, die wie Uniformen aussehen", sagt Claudia Schmid vom Verfassungsschutz. Warum dieser Retro-Stil bevorzugt wird, erklärt Ulli Jentsch vom Antifaschistischen Pressearchiv: "Das Ganze dient zur Einschüchterung der Öffentlichkeit und des politischen Gegners, die Uniformierung zeigt fast paramilitärische Züge."

Die Polizei sieht das Problem offiziell gelassener. "Verstöße gegen das Uniformierungsverbot sind einzelfallabhängig und werden jeweils konkret vor Ort beurteilt", sagt Sprecher Thomas Goldack. Zu laufenden Ermittlungen gegen Frontbann-Mitglieder wolle man nichts sagen; die Bewertung der Gruppe sei noch nicht abgeschlossen. Man wisse nichts über die Mitgliederzahl, kenne aber Treffpunkte. Wie so oft ist die Berliner Antifa auskunftsfreudiger: In einer kleinen Eckkneipe am Mariendorfer Damm versammelten sich jeden Dienstag mehrere Schwarzhemden zum Stammtisch.

Im Internet verfügt auch der Frontbann 24 über eine eigene Homepage. Überschrift: "Jetzt erst recht(s)!" Man habe Ortsgruppen in Schöneweide, Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Neukölln. Deren Mitglieder und ihre Aktionen werden penibel gelistet - eine Auswahl:

- 14. Juni, Bad Freienwalde. 15 Kameraden des Frontbann 24 unterstützen die Kameradschaft Märkisch-Oder-Barnim und die dortige NPD bei einer Mahnwache. Motto: "Gegen linke Gewalt".

- 28. März, Berlin-Mitte. Mahnwache gegen Kinderschänder am Kriminalgericht in Moabit. "51 Kameraden, bestehend aus Freien Kräften, Frontbann 24, FNB und sogar zwei NPD-Mitgliedern, hielten in vorbildlicher, ruhiger Weise fast drei Stunden Wache", heißt es auf einer Internetseite.

- 13. Februar, Dresden. Teilnahme am Trauermarsch für den angeblichen "Bombenholocaust" der Alliierten.

Bei dieser Veranstaltung erscheinen erstmals Fahnen und Abzeichen mit der Aufschrift Frontbann 24 in den Reihen der Neonazis.

Für den Verfassungsschutz ist noch unklar, ob die Gruppe eine nachhaltige Strömung innerhalb der Szene ist. "Eine genaue Prognose kann ich nicht abgeben", sagt Claudia Schmid. "Doch die hohe Zahl der Mitglieder, ein stetiger Zuwachs an Aktivisten und die Schwäche der NPD lassen vermuten: Der Frontbann ist keine vorübergehende Erscheinung."