"Langer Tag der Stadtnatur"

Biberparty am Tegeler See

Wo ist der Biber? Auf dem Schiff ist es mucksmäuschenstill. Der Motor ist aus. 20 Augenpaare suchen den Ufersaum ab. Irgendwo da drüben - nahe dem Bau aus kunstvoll geschichteten Ästen - könnte er sein. Oder im See, beim Abtauchen mit seinem flachen Schwanz das Wasser peitschend.

Aber der Biber lässt sich nicht blicken. "Dacht ich's mir doch", sagt Derk Ehlert. "Der Biber ist pressescheu."

Gemächlich schippert die MS Heidelberg weiter. Auch ohne Biber gibt es genug zu sehen am Tegeler See. Und Ehlert kennt sie alle, die Mehl-, Rauch- und Uferschwalben, die Haubentaucher, Graureiher und Blässhühner, die Stockenten und Kormorane und den Drosselrohrsänger der im Schilf versteckt sein "Kalle, kalle, krick" ruft. Ehlert würde natürlich auch den mächtigen Seeadler erkennen, der gleich hundert Meter jenseits der Stadtgrenze seinen Horst hat. Aber auch der Seeadler macht sich rar an diesem Frühsommertag.

Derk Ehlert ist Ornithologe, als Wildtier-Beauftragter des Berliner Senats ist er aber vor allem der oberste Wildhüter der Stadt und manchmal auch Jäger im Landesdienst, wenn wieder mal Wildschweine zur Plage werden.

Auf dem Tegeler See ist er als Marketingmann unterwegs. Die Tour wirbt für den "4. Langen Tag der Stadtnatur", den die Stiftung Naturschutz an diesem Wochenende veranstaltet. Das Schwerpunktthema heißt: Wasser. Ein Drittel der 500 Veranstaltungen befasst sich damit. 26 Stunden lang können Berliner an 150 Orten die wilde Stadt erleben - von der nächtlichen Eulenpirsch bis zur Imkerei, von "urbaner Landwirtschaft" bis zu Deutschlands artenreichstem Schulhof. Natürlich wird auch Ehlert dabei sein. Mit Bootstouren auf dem Tegeler See, mit Vogelexkursionen für Frühaufsteher und auf der Spur der Wildschweine. Zwei Stunden Schlaf, mehr ist nicht drin an diesem Wochenende für den Wildtier-Experten. "Kein Problem", sagt Ehlert.

Der Mann ist ein Besessener - im besten Sinn. "Ich weiß ehrlich nicht, wer bei diesen Touren mehr Spaß hat, die Teilnehmer oder ich?", sagt er. Wenn Ehlert über seine Arbeit spricht, über Biotopverbände, Rote Listen und die geschätzten 20 000 Tier- und Pflanzenarten in Berlin, dann überschlagen sich Stimme und Themen bisweilen. Gerade noch spricht er über das machbare Miteinander von Mensch und Natur in der Großstadt, darüber, dass der Flugbetrieb in Tegel weder Vögel noch andere Tiere nennenswert störe. Dann bricht er ab - mitten im Satz - zeigt in den Himmel und ruft: "Ein Mittelspecht, ein Mittelspecht!"

Mit dieser Begeisterung wollen Ehlert und die anderen 160 Akteure von Naturschutz- und Umweltorganisatoren, von Museen, Universitäten, Vereinen und Bürgerinitiativen beim "Langen Tag der Stadtnatur" punkten. "Der Naturschutz muss getragen werden von vielen in der Stadt", sagt Maria Krautzberger, Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. "Nur was wir kennen, können wir schützen", sagt Ehlert.

Ob die äußerst seltene Zwergdommel am Flughafensee, ob Rothalstaucher auf Valentinswerder, ob Seeadler, Eisvogel oder der inzwischen stadtbekannte Uhu, ob seltene Pflanzenarten auf verwilderten Industriebrachen, Öko-Gärten oder Biotope am ehemaligen Grenzstreifen - Kennens- und Schützenswertes gibt es reichlich in der Stadt. Manche sagen, Berlin sei die artenreichste Großstadt Europas.

Den meisten Akteuren am "Langen Tag der Stadtnatur" geht es um mehr als Aufklärung. Es geht um Überzeugung durch unmittelbares Erleben. Wie an diesem Tag auf dem Tegeler See. Auf dem Wasser schlingt ein Kormoran eine fette Plötze herunter. Der Kormoran ist Vogel des Jahres. Vor allem aber ist er unbeliebt bei Anglern und Fischern, weil sein Appetit groß ist und die Zahl seiner Fressfeinde klein. Ehlert rät zur Gelassenheit. In den Berliner Gewässern gebe es mehr als genug Weißfische für alle.

Dann tuckert die MS Heidelberg weiter zum Tegeler Hafen - ein kurzer Abstecher noch in eine stille Bucht mit einer weiteren Biberburg. Und plötzlich ist er doch da. Kaum zehn Meter vom Boot entfernt schwimmt ein junger Biber durch den See. Ein paar Meter weiter taucht ein älteres Tier platschend ab. "Na, geht doch", sagt Ehlert. "Ist ja die reinste Biberparty."

Informationen und das Programm zum Tag der Stadtnatur gibt es im Internet ( www.langertagderstadtnatur.de ). Tickets kosten 7 Euro. Für viele Veranstaltungen ist eine Anmeldung erforderlich (Tel.26 39 41 41).