Architektur

Neues Bauen im alten Viertel

In der historischen Mitte Berlins wird es langsam eng für neue Bauvorhaben. Nach der Komplettierung des Ensembles am Pariser Platz - die US-Botschaft wurde vor knapp einem Jahr eröffnet - richtet sich die Aufmerksamkeit von Architektur- und Kunstliebhabern, aber auch von Denkmalschützern und Investoren nun wieder auf kleine, aber feine Projekte, die die letzten verbliebenen Lücken zwischen Brandenburger Tor und Schloßplatz schließen.

Die Berliner Morgenpost stellt zwei besondere Projekte vor.

Das Schadowhaus - Berlins architektonisches Kleinod und einziges noch in der Substanz erhaltenes Künstlerhaus der Hauptstadt - wird seit diesem Monat für eine zweistellige Millionensumme saniert. Bis November 2010 wollen die Restauratoren das klassizistische Baudenkmal an der Schadowstraße, unweit vom Brandenburger Tor, wieder auf Hochglanz bringen. Fest steht, dass dann der Deutsche Bundestag als Bauherr das historische Gebäude selbst teilweise als Bürofläche nutzen wird. In welcher Form die Schadow-Gesellschaft Berlin in das Projekt eingebunden wird, steht noch nicht fest. "Wir werden eine Lösung finden", versichert Hans-Joachim Henzgen, Projektmanager im Bundesamt für Bauwesen und Raumordung. Zuständig sei das Präsidium des Deutschen Bundestages und das werde mit der Gesellschaft verhandeln.

Im Moment sind mit Architekt Rainer Schlenkhoff und dem Leitenden Restaurator Hans-Martin Reintjes im Schadowhaus die entscheidenden Leute vor Ort. Bereits seit 2001 sind sie mit der Planung der Restaurierung beschäftigt. "Das Gebäude befand sich in einem maroden und baufälligen Zustand", erinnert sich Rainer Schlenkhoff an den Beginn vor neun Jahren. Bevor überhaupt Sanierungspläne geschmiedet werden konnten, musste das in den Jahren 1804/05 gebaute Anwesen des Bildhauers Johann Gottfried Schadow standhaft gemacht werden. "Mit speziellen Stabilisierungsmitteln und Stützbalken mussten wir Bausicherheit herstellen", erinnert sich der Architekt.

Schon wenig später die nächste Hiobsbotschaft: Der hölzerne Dachstuhl aus der Erbauungszeit sollte entfernt werden, weil das gesamte Gebälk durch Hylotox vergiftet war (wir berichteten). Dieses Mittel wurde zu DDR-Zeiten als Holzschutzmittel verwendet. Gegen den Abriss der Dachkonstruktion legten Berlins Denkmalpfleger aber sofort Einspruch ein und verlangten eine andere Lösung. Doch es dauerte wieder Jahre, bis die gefunden war.

Wegen der hohen Kosten hatten sich zunächst der damalige Bundesbauminister Manfred Stolpe und auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (beide SPD) geweigert, den Dachstuhl zu erhalten. "Kurz vor dem Abbruch wurden die Finanzen genehmigt", so Hans-Joachim Henzgen. Eine Spezialfirma konnte die kontaminierten Teile inzwischen versiegeln.

Seit 2008 haben Restauratoren in vielen Räumen des Hauses zahlreiche Illusionsmalereien an Wänden und Decken freigelegt, die teilweise unter bis zu acht Schichten von Tapeten und Verkleidungen verborgen waren. Hans-Martin Reintjes: "Schadow ließ seine eigene Wohnung im Erdgeschoss 1805 mit aufwendigen Ausmalungen gestalten." Durch seinen Schwiegersohn Anton Bendemann wurde 1831 die Wohnung im ersten Stock mit illusionistischen Malereien geschmückt. Ein bis heute erhaltenes Wandbild sind "Die Künste am Brunnen der Poesie" im ehemaligen Speisezimmer. "Es wird zu einem Mittelpunkt im restaurierten Gebäude", freut sich Restaurator Reintjes.

Die heutigen Fassaden entsprechen weitgehend der Gestaltung von 1851. In diesem Jahr hatte Schadows Sohn Felix das Gebäude umgebaut, um ein Geschoss aufgestockt und den südlichen Seitenflügel angebaut. Nach seinem Tod im Jahr 1861 wurde das Haus bis 1898 von der Familie Felix Alexander Oppenheim übernommen. Er verkaufte es 1899 an den preußischen Staat und das Ministerium des Inneren zog ein. Architekt Rainer Schlenkhoff: "In all diesen Jahren wurden Sockel, Gesimse und Decken künstlerisch gestaltet. Jetzt wird diese Kunst in mühevoller Kleinarbeit wieder sichtbar."

Übrigens: Zu DDR- und Mauerzeiten wurde das Schadowhaus als Wohngebäude genutzt. Sieben Gewerbetreibende und zehn Wohnmieter lebten seit 1945 im Gebäude. Unter ihnen der Bildhauer Bernhard Heiliger, der 1949 in den Westen an die Hochschule der Künste ging. In seine Räume zog die Bildhauerin Ruthild Hahne, die von West- nach Ostberlin übersiedelte und fortan am überdimensionalen Thälmann-Denkmal arbeitete. Pikantes wurde nach der Vereinigung entdeckt: Die Stasi nutzte das Schadowhaus, um die schräg gegenüber liegende ehemalige US-Botschaft an der Neustädtischen Kirchstraße auszuspionieren. Umfangreiche Abhöranlagen mit Richtmikrofonen wurden nach der Wende entdeckt.

Architekt Rainer Schlenkhoff - er hat sich auf die Restaurierung von Altbauten des Bundes spezialisiert - achtet darauf, dass das Schadowhaus bei Wiederherstellung des Bauzustandes von 1850 eine zeitgemäße technische Ausstattung erhält. "Der Bundestag möchte ein Verwaltungsgebäude mit moderner Beschaffenheit." Zum Hof hin wird ein Außen-Fahrstuhl angebaut, damit in Zukunft auch Behinderte in die historischen Räume im oberen Bereich gelangen können. "Das ist sicher auch wichtig, wenn die Öffentlichkeit bei bestimmten Ereignissen ins Haus eingeladen wird", sagt Projektmanager Hans-Jochim Henzgen.

Auf eine Nutzung nach Fertigstellung hofft besonders die Schadow-Gesellschaft Berlin. "Es wäre grotesk, wenn wir uns nicht präsentieren dürften. Schließlich ist es uns zu danken, dass überhaupt saniert wird. Wir haben immer auf die Kulturstätte hingewiesen und sollten entsprechend einbezogen werden", sagt deren Geschäftsführer Klaus Gehrmann. Die Mitglieder gehen aber davon aus, dass der Bund ihnen Räume für Veranstaltungen oder auch als Geschäftszimmer zur Verfügung stellt. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.

Ärger zwischen der Gesellschaft und der Bundestagsverwaltung hatte es bereits im Vorfeld der Sanierung gegeben. Während der Bauarbeiten wollte die Schadow-Gesellschaft Berlin eine Riesengrafik des Künstlers Johannes Grützke ans Baugerüst hängen. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse lehnte das Bild ab, das Johann Gottfried Schadow zeigt, der ausruft: "Schaut auf dieses Haus". Klaus Gehrmann: "Sicher wäre das Plakat auch für die vielen Touristen ein Blickfang, die täglich quasi am Haus vorbeikommen, wenn sie die Straße Unter den Linden nutzen. Jetzt sehen sie nur die grauen Bauplanen."

Architekt Rainer Schlenkhoff ist zuversichtlich, dass bis zum geplanten Termin in eineinhalb Jahren die Restaurierungen abgeschlossen sind. "Überraschungen, wie vor drei Monaten der Fund einer Brandbombe im Keller des Hauses, sind hoffentlich ausgestanden", sagt er. Auch die Kosten dürften dann bei den veranschlagten 11,5 Millionen Euro bleiben.

Der Berliner Johann Gottfried Schadow (1764 bis 1850) war preußischer Grafiker und der bedeutendste Bildhauer des deutschen Klassizismus. Eines seiner Hauptwerke ist die Quadriga auf dem Brandenburger Tor (1794). Zunächst wurde er Porzellanmaler bei der königlichen Porzellanmanufaktur des Königs Friedrich Wilhelm III. von Preußen. 1810 übernahm er die Direktion der Bauakademie, 1816 wurde er Direktor der Königlich Preußischen Akademie der Künste.

Neugründung am historischen Ort

Auf eine ebenso reiche wie wechselhafte Geschichte kann das ungarische Kulturinstitut Centrum Hungaricum an der Dorotheenstraße 12 zurückblicken. Doch anders als beim Schadowhaus wurde hier das historische Gebäude zerstört und der Neuanfang, mitten in der spätbarocken Dorotheenstadt, in einem betont modernen Ensemble nach den Plänen des Hamburger Star-Architekten Peter P. Schweger gewagt. Das vor zwei Jahren im Stil des Bauhauses errichtete Kulturinstitut wird in den kommenden Monaten von Schweger um zwei Gebäudeteile im gleichen klassisch-strengen Stil ergänzt. Die Nutzung der neuen Häuser: im Erdgeschoss eine Galerien und Gewerbe, in den oberen fünf Stockwerken Luxus-Appartements mit Blick auf die Humboldt-Universität und die Museumsinsel.

Ersonnen hat das Wohnprojekt mit lediglich 13 großzügigen Edeldomizilen (110 bis 300 Quadratmeter) Thomas Hölzel, Geschäftsführer von Artprojekt und selbst Kunstsammler. Zusammen mit zwei Partnern will er elf Millionen Euro investieren. "Eine gute Investition", glaubt Hölzel, denn das Wohnprojekt verfüge eindeutig über das bei Luxus-Bauten so notwendige "Alleinstellungsmerkmal". Und dazu gehört eben nicht nur eine repräsentative Nachbarschaft, sondern auch eine Story, eine Geschichte, an die mit der Namensgebung "Dorothea's Place" angeknüpft werden soll.

Der Name sei als Hommage an eine der ersten Projektentwicklerinnen Berlins, die Kurfürstin Dorothea von Brandenburg (1636-1689) zu verstehen, so Hölzel. Schließlich war Dorothea auf die Idee gekommen, die bis dato namenlose Wiesenlandschaft vor den Toren der Stadt in 150 Parzellen entlang einem neu geschaffenen Straßenraster aufzuteilen - bestehend unter anderem aus der heutigen Straße Unter den Linden und der Dorotheenstraße. Das Antlitz der Kurfürstin soll den künftigen Bewohnern von großformatigen Leuchtbildwänden im Foyer des Hauses entgegenblicken. Geschaffen wurden sie von der Wiener Foto-Künstlerin Irene Andessner. Die direkte Anbindung an das Centrum Hungaricum soll Kulturfreunden einen weiteren Kaufanreiz bieten.

Der Architekt Peter Paul Schweger, der in Berlin unter anderem das Jakob-Kaiser-Haus, die Oberbaum-City und das Haus der deutschen Wirtschaft gebaut hatte, gewann den Wettbewerb zum Neubau des ungarischen Kulturinstituts, das 1924 im sogenannten Herzschen Palais gegründet wurde. Das Haus lag direkt auf der Sichtachse zur Straße Unter den Linden zwischen Maxim Gorki Theater und Humboldt-Universität. 1945 beendete ein Bombentreffer die regen kulturellen Aktivitäten des Hauses. 1973 zog das Institut in das Haus der Ungarischen Kultur nahe dem Alexanderplatz. Als sich nach der Wende jedoch die Chance auftat, das Grundstück an der Dorotheenstraße zu erwerben, so der Botschaftsrat und Direktor des Centrum Hungaricum Berlin (CHB), Janos Can Togay, habe man diese umgehend ergriffen. "Seit Ende 2007 hat das CHB nun wieder sein eigenes Haus, gleich hinter der Humboldt-Universität in Mitte, wo dem Publikum eine hauseigene Galerie, ein zweietagiger Saal mit Panoramafenster auf die Straße Unter den Linden sowie eine Bibliothek, Seminarräume und demnächst auch ein Restaurant zur Verfügung stehen", so Togay. Den geplanten Weiterbau begrüße das Institut: "Endlich werden wir komplett." 2011 sollen die acht City-Apartments, drei Lofts und zwei Penthäuser fertig sein. 25 Prozent seinen schon vorreserviert, so Hölzel. Die Preise für eine der Wohneinheiten lägen zwischen 4000 und 6500 Euro pro Quadratmeter. Das große Penthouse mit 300 Quadratmetern für rund zwei Millionen Euro sei bereits angezahlt. "Dort wird ein namhafter deutscher Kunstsammler einziehen", so Hölzel. Namen wollte er jedoch nicht nennen.

"Das Speisezimmer wird wieder zu einem Mittelpunkt des Hauses"

Restaurator Hans Martin Reintjes