Zoo-Geschichten

Finger weg von den Schimpansen

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Ruhig, gelassen und intelligent - so sei Pedro, sagt Reimon Opitz. Opitz ist Obertierpfleger im Zoo. Pedro ist der Menschenaffe, der es diese Woche in die Schlagzeilen schaffte - zusammen mit Zoo-Direktor Bernhard Blaszkiewitz.

Denn Blaszkiewitz hat, vom Affen gebissen, den rechten Zeigfinger verloren. Der Chef liegt im Krankenhaus. Der Affe sitzt weiter auf seinem Ast.

Nur zwei Prozent der Erbanlagen unterscheiden Mensch und Affen: Schimpansen sind unsere nächsten Verwandten. Sie sind schlau. Sie hangeln mit Stöcken nach Bananen, sie benutzen Steine als Nussknacker und zerkaute Blätter als Schwämme. Forschungen von Wissenschaftlern wie Jane Goodalls, David Premack, Roger Fouts und Frans de Waal zeigen das Menschliche im Affen: Schimpansen gehen planmäßig vor, denken und erinnern sich. Trotzdem gelten die aus Afrika stammenden Tiere als stark gefährdet.

Pedro ist es nicht: Seine Beißattacke, heißt es im Zoo, soll keine Konsequenzen haben. Harmlos ist keiner der fünf Zoo-Schimpansen. Pedro und Karel, genannt Kalle, kämpfen immer um die Vorherrschaft über Guste, Lilli und Soko.

- dabei hat Pedro übrigens seinen linken kleinen Zehfinger verloren. Guste ist mit 30 Jahren die Älteste. 30 ist jung - Tarzans Cheeta hat im vergangenen Jahr mit 76 noch seine Memoiren schreiben lassen. Affig - wer da wohl Geld brauchte? Furore machte der Schimpanse 'Ham', als er 1961 für die Nasa ins Orbit flog.

Guste fliegt auf keinen. "Sie ist wütend", sagt Opitz, "seitdem wir ihr 1994 während einer Grippewelle im Affenhaus das Jungtier weggenommen haben". Es hatte hohes Fieber und starb. Guste suchte tagelang den Käfig ab und trauerte.

Oder nehmen wir Soko, die Opitz von Hand aufgezogen hat. 1991 sollte sie mit einem Käfig-im-Käfig-System in die Gruppe integriert werden. Eines Morgens hörten die Pfleger Geschrei, rannten zu den Käfigen und fanden Sokos Finger zerfetzt vor. Pedro, Kalle, Guste oder Lilli - oder alle - hatten ihren Arm so weit aus dem Käfig gezerrt, dass sie ihn nicht zurückziehen konnte. Die Tierpfleger mussten Soko freisägen. "Erst als sie geschlechtsreif wurde, haben die anderen sie akzeptiert", sagt Opitz. Das Mitleid darf sich in Grenzen halten. Soko selbst ist schon ausgebüchst und einer Tierpflegerin nachgejagt - nicht, um zu schmusen. "Sie mag keine Frauen", sagt Opitz. Er hat ein gutes Verhältnis zu Soko. "Aber ich kann sie nicht durchschauen, so wenig wie die übrigen Schimpansen. Man muss aufpassen." Man beachte das Schild am Außengehege. Darauf steht: "Gruppenfremde Artgenossen und auch Feinde werden zuweilen regelrecht ,bekriegt'. Schimpansen töten nicht nur zum Zwecke des Nahrungserwerbs - eine bedrückende Ähnlichkeit mit den Menschen.

Tanja Laninger berichtet wöchentlich über Zootiere.

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