Archäologie

Der Knochenjäger aus Mitte

Sobald er die Augen schließt, sind sie da. Die Knochen. Berge von Knochen. Weiße, rote, schwarze. Sie verfolgen Oliver Wings bis in den Schlaf. Doch sobald der 36-Jährige erwacht, dreht er den Spieß um.

Dann macht er seine Träume wahr und sucht die größten Knochen der Welt. Der 36-Jährige ist ein 'Bone hunter', ein "Knochenjäger". So werden Wirbeltier-Paläontologen manchmal im Angelsächsischen genannt.

Der Doktor der Geowissenschaften arbeitet am Berliner Museum für Naturkunde. Schon als Kind hat er sich mit Dinosauriern beschäftigt. Weil es in Erfurt kein Dino-Kinderbuch zu kaufen gab, zeichnete der Elfjährige die Tiere aus wissenschaftlichen Büchern ab. Er heftete die Seiten zusammen, reichte sie beim Schulwettbewerb ein und wurde prämiert bei der "Messe der Meister von morgen". Wings hat auch Münzen, Bierdeckel und Mineralien gesammelt, später die Diplomarbeit über wirbellose Tiere wie Muscheln und Krebse geschrieben. Doch den Dinos ist er treu geblieben: "Sie sind extrem erfolgreich, sie haben 160 Millionen Jahre lang auf der Erde gelebt." Außerdem findet Wings ihre großen Knochen faszinierend.

Knochen so lang wie ein Mensch

Groß bedeutet riesig. Eben erst hat der Dinosaurier-Forscher im Turban-Becken im Nordwesten Chinas ein Knie gefunden. Es ist sehr alt, mehr als 155 Millionen Jahre. Es ist sehr groß: Ein Mensch muss vier Schritte machen, um es zu umrunden. Allein der dazugehörige Oberschenkelknochen misst mehr als 1,80 Meter und ist mehrere Hundert Kilo schwer. Es ist das Knie eines Sauropoden, eines pflanzenfressenden Langhals-Dinosauriers. Außerdem haben Wings und seine sieben wissenschaftlichen Mitstreiter der Universitäten Tübingen und Bonn, der chinesischen Jilin University und des Geological Survey in Urumqi ein Massengrab für Schildkröten entdeckt: Vermutlich an die 3000 Exemplare sind damals in einem versiegenden Wasserloch verendet.

Für die Jagd nach Knochen hat Wings genau den richtigen Riecher. Im April 2006 hat er mit Kollegen im Junggar-Becken, 200 Kilometer nördlich des Turfan-Beckens, Elle und Oberarm eines der größten Saurier, eines 'Mamenchisauriden', gefunden. Doch die Forscher mussten ihre Arbeiten abbrechen und wurden tagelang unter Hausarrest gestellt. "Wir hatten nicht die richtige Genehmigung", sagt Wings. Chinesische Wissenschaftler setzten die Grabungen fort und fanden eine zwölf Meter lange Halswirbelsäule - sie strichen auch den Ruhm ein.

Wings zuckt mit den Schultern. Er reibt sich an Dingen auf, die er nicht ändern kann. In China zu arbeiten, sagt er, sei "ursprünglich, unberechenbar, einfach ein Abenteuer ". Was er will, ist graben. Sich auf seinen Spürsinn verlassen. Und auf das Glück.

Der Trampelpfad der Saurier

So wie im September 2007. Tagelang waren er und seine Kollegen erfolglos durchs Turfan-Becken gewandert. Sie prospektierten - das heißt: Alle gehen das Areal ab und halten Ausschau nach Auffälligkeiten an der Bodenoberfläche. "Wir müssen kein Bergwerk bauen, wir können oberirdisch suchen. Die Chance, etwas Neues zu finden, ist wesentlich höher als in Deutschland", sagt Wings. Doch das Areal aus dem Erdmittelalter ist riesig: 100 Kilometer lang, fünf Kilometer breit. "Wir hatten nichts entdeckt und waren wirklich frustriert. Plötzlich fand ich eine fossile Schildkröte und pfiff die anderen herbei. Wir haben jeder eine Pfeife, um uns im Gelände zu verständigen." Wings wartet, setzt sich an den Rand einer Sandsteinwand, die Sonne wirft Schatten. Wings schaut die Wand hinauf und stutzt. "Ich weiß noch, wie ich dachte: Das sind doch Spuren von Dinosauriern." In den folgenden Tagen legt sein Team auf 30 Metern rund 150 einzelne Fußabtritte von fleischfressenden Sauriern, sogenannten Theropoden, frei. Vor 160 Millionen Jahren, in der mittleren Jura-Zeit, sind Dinosaurier hier über formbaren Tonschlamm gelaufen. Die Spuren mit den drei Zehen sehen aus wie die Abdrücke von Vogelkrallen im Sand. "Man muss dazu wissen, dass unsere heutigen Vögel Nachfahren der Raubsaurier sind", sagt Wings. "Sie sind mit etwa 10 000 Arten auch heute extrem erfolgreich." Haustiere hat Wings keine. Seine Frau Daniela würde sich ein Krokodil wünschen, ein kleines, aus dem Erdmittelalter. Die wurden nur einen halben Meter lang. Daniela Schwarz-Wings ist Kustodin für Dinosaurier am Museum für Naturkunde. Das Paar hat eine kleine Tochter. Wann zu Hause der erste Sandkasten aufgestellt wird, ist vermutlich nur eine Frage der Zeit.

Wenn Wings könnte, würde er in die Vergangenheit reisen und Filme drehen: "Wie die Tiere ihren Hals hielten, wie sie gelaufen sind - es gibt viele verschiedene Vorstellungen. Ich würde einen Zeh dafür geben, herauszubekommen, wie es wirklich war." Bis dahin bedienen die Forscher sich anderer Methoden wie der Isotopenmessung und Knochenhistologie, die Rückschlüsse auf Ernährung, Lebensumfeld und Klima zulassen.

Die Meldung der Saurierspuren schlug ein wie eine Bombe. Ein Wagen nach dem anderen fuhr in das trostlose Gelände. Im April 2008 gaben die chinesischen Behörden eine Pressekonferenz. In diesem Jahr soll um den Saurier-Trampelpfad herum ein Geo-Park für Touristen eröffnen.

Nun also ein Knie. Schon vor einem Jahr, bei der zweiten Expedition ins Turfan-Becken, hatte Wings "einen merkwürdigen Huckel" gesichtet, aber keine Zeit zum Graben. Am 2. April 2009 kommt er zurück. Das Team landet in Urumqi und kommt in Shanshan unter. Die Stadt hat etwa 50 000 Einwohner und liegt in der Provinz Xinjiang, zwischen Kasachstan im Westen, der Mongolei im Osten und einem Zipfel Russlands weit im Norden.

Täglich um neun Uhr fährt das Team mit chinesischen Fahrern, Dolmetscher und dem Organisator bis zu 60 Minuten in das Gelände, durch das auch die berühmte Seidenstraße verläuft. Egal, wo der Wagen stoppt - überall im Turfan-Becken ist es öde, staubig und heiß.

Sekundenkleber ist ein Werkzeug

Im Sommer klettern die Temperaturen auf bis zu 80 Grad. Wings Grabungsteam verbringt die Mittagspause im Schatten der Heckklappen bei 35 Grad. Jeder leert täglich mehrere Flaschen Wasser.

Wer Knochen finden will, muss gut zu Fuß sein. Den ganzen Tag laufen die Wissenschaftler durch das Gelände und prospektieren. Fundstücke werden mit Präparationslack getränkt, damit sie nicht zerfallen. "Ganz wichtig ist Sekundenkleber, um Knochen schnell zu härten und zusammenzukleben", sagt Wings.

Ragen Fossilien aus dem Boden, werden Hammer, Meißel und Pinsel gezückt, um weitere Schichten freizulegen. Außerdem wird geschlämmt: Die Sedimente werden mit Wasserstoffperoxid aufgeweicht und mit einem dicken Wasserstrahl durch ein Sieb gedrückt - Maschenweite 0,5 Millimeter. Zurück bleiben Knochenreste, die die Wissenschaftler im Mikroskop auslesen. "Die Untersuchung ergibt Einblick in die Gesamtfauna", sagt Wings. Ziel der Forscher ist, das Ökosystem der Jura-Zeit zu konstruieren und zu lernen, wie die Dinosaurier und die Tiere in ihrem Schatten - Schildkröten, Krokodile und spitzmausähnliche Säugetiere - lebten.

Diesmal stießen die Wissenschaftler zuerst auf mehrere handgroße Wirbelknochen inklusive Rippen - Skelett-Teile junger Sauropoden. 100 Meter entfernt hoben sie besagtes Schildkröten-Grab aus. "Wir haben errechnet, dass an der Stelle mehrere Tausend Exemplare im Boden stecken müssten. So einen Fund gab es noch nie", sagt Wings. 20 Schildkröten kommen wie alle Fundstücke ins Zwischenlager - die größeren Objekte werden zum Transport eingegipst. Die Fossilien werden präpariert, vermessen, zusammengesetzt, beschrieben und fotografiert. Die Zeit läuft. Am 1. Mai müssen die Deutschen ausreisen. Ausführen dürfen sie fast nichts. Wings bringt lediglich mit Knochenresten und Zähnen angereichertes Sediment mit - dafür wurden 100 Kilo Gestein geschlämmt. Alle Originale sollen in einem Museum in Shanshan ausgestellt werden - der Rohbau steht schon. Später, darüber verhandeln die Behörden, könnte das Berliner Museum für Naturkunde Abgüsse erhalten. Sie könnten so groß werden wie das prominenteste Objekt an der Invalidenstraße: der 150 Millionen alte Brachiosaurus, der es mit 13,27 Meter Höhe ins Guinness-Buch geschafft hat.

Denn in der dritten Woche, am 21. April rückte Wings endlich dem "Huckel" zu Leibe. Mit Schaufeln und elektrischem Meißelhammer, mit Ahlen und Pinseln legte das Team den Hang frei - von unten nach oben, damit nichts verloren geht. Im Sediment fanden sie Fragmente von Zähnen, Millimeter klein. Und sie finden 13 Wirbel auf einer Länge von 4,2 Metern: Sie stammen von einem Dinosaurierschwanz. "Man kann davon ausgehen, dass dort noch mindestens zweimal so viele Wirbel liegen", sagt Wings. Jeder einzelne ist so breit wie ein Autoreifen. Daneben lag ein Bein. Das linke Hinterbein eines Sauropoden. Wings und Kollegen legten einen zwei Meter langen Oberschenkelknochen frei, außerdem die Knochenansätze von Schienbein und Wadenbein. Der Huckel, er ist - oder war - ein riesiges Knie.

Angst vor Raubjägern

Die Forscher jubeln, sie zücken ihre Lackfläschchen, sie vermessen, sie schießen Fotos. Danach schütten sie alles wieder zu. Zum Schutz der Objekte. Der Knochenfund ist auf dem Schwarzmarkt einen sechsstelligen Betrag wert, Wings spricht von 200 000 Euro. Damit hätte ein Raubgräber ausgesorgt.

Das illegale Geschäft mit Fossilien boomt. Nicht ohne Grund lassen die chinesischen Behörden die von Wings entdeckte Wand der Saurierspuren Tag und Nacht bewachen. Wings selbst wurden in Shanshan schon Dino-Skelette zum Kauf angeboten "Sie waren falsch zusammengesetzt. Traurig ist das. Noch schlimmer ist der Verlust an Erkenntnissen. Nur wenn wir wissen, wie Fossilien im Boden gebettet waren und was daneben lag, können wir die Vergangenheit entschlüsseln."

Darum will Wings so schnell wie möglich zurück nach China. Weiter graben, die Funde bergen, präparieren, sie mit anderen Stücken vergleichen und über die Grabungen Texte publizieren. Rund 30 000 Euro hat die jüngste Exkursion gekostet, es war Wings' sechste nach China, Flüge und Hotelunterkünfte inklusive. Für die Folgegrabung sucht Wings noch Sponsoren. Er sagt, er könne schon mit 10 000 Euro weitermachen. Egal ob Firma oder Privatier: Wer davon träumt, dass ein Saurier, eine Schildkröte oder ein Hai seinen Namen trägt, sollte das Portemonnaie zücken.