Kritik an Jan-Hendrik Olbertz

Historiker wirft zukünftigem Humboldt-Präsidenten DDR-Linientreue vor

An Vorschusslorbeeren mangelt es ihm nicht: Prof. Dr. paed. habil. Jan-Hendrik Olbertz, ein Ostdeutscher, gilt als Lichtgestalt unter den Bildungspolitikern. Die CDU hat ihm die Leitung der Reformkommission "Bildungschancen und Erziehung" anvertraut, obwohl er nicht Mitglied der Partei ist.

Sie kürte ihn auch zum Kultusminister von Sachsen-Anhalt, das er in seiner Amtszeit in das vordere Drittel des Pisa-Rankings brachte. Doch Mitte Oktober soll er in seiner Geburtsstadt Berlin das Amt des Präsidenten der Humboldt-Universität übernehmen.

Der als konservativ geltende Erziehungswissenschaftler wird in der Hauptstadt sehnsüchtig erwartet. Er soll aus der einst größten Hochschule der DDR eine Spitzen-Universität formen. Ihm, dem Pragmatiker, der oft ohne Krawatte aber mit Dreitagebart auftritt, traut man das zu. An der Humboldt-Uni habe die Berufung "euphorische Stimmung" ausgelöst, sagt Michael Kämper-van den Boogart, Dekan der Philosophischen Fakultät II.

Ein weniger schmeichelhaftes Urteil über Olbertz ist am Freitag in Berlin verkündet worden, auf der Tagung "Repression, Opposition und Widerstand an den Hochschulen der SBZ/DDR". Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk bezichtigte ihn, bis ins Jahr 1989 hinein "ideologische Einpeitscherparolen" verkündet zu haben, die "der Stützung und Stabilisierung der SED-Herrschaft" gedient hätten. Kowalczuk arbeitet in der Forschungsabteilung der Birthler-Behörde (BStU), hat mehrere Bücher zur Geschichte der DDR vorgelegt und war Mitglied einer Enquete-Kommission des Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Jeder habe ein Recht auf Irrtum, sagt Kowalczuk. Diesen müsse man als hochgestellte Persönlichkeit aber auch benennen. Genau das habe Olbertz in den letzten 20 Jahren versäumt und sich "nie selbstkritisch mit seinen Werken bis 1989 öffentlich auseinandergesetzt". Mehr noch: Nach den Recherchen des BStU-Forschers hat der Pädagoge, der im Präsidium des Evangelischen Kirchentages sitzt, immer wieder den Anschein erweckt, als wäre er systemkritisch oder halbe Opposition zur DDR gewesen. Dies allerdings komme einer, "schmeichelnd ausgedrückt, Beugung der Wahrheit nahe", sagt Kowalczuk und führt als Beleg für seine Darstellung auch ein WELT-Interview an. Unter der Überschrift: "Ich weine der DDR keine Träne nach" hatte Olbertz vor einem Monat über seine behütete Kindheit gesprochen, die ihm geholfen habe, in der Diktatur "die Balance zu halten, ohne in einen billigen Opportunismus zu verfallen". Zu seiner Karriere, die 1978 als Forschungsstudent an der Universität in Halle an der Saale begann, sagte er: "Man konnte in der DDR natürlich nein sagen, musste aber bereit sein, die Konsequenzen zu tragen." Tatsächlich habe Olbertz, entgegnet sein Kritiker, damals ganz im Sinne der marxistisch-leninistischen Weltanschauung die Gängelung der Wissenschaft begrüßt und betont, erst unter sozialistischem Vorzeichen sei das "Prinzip der 'akademische Freiheit'" aus der "bürgerlich-liberalen Begrenztheit" geführt worden.

Olbertz selbst nennt die Vorhaltungen "wissenschaftsfremd", "polemisch", "ahistorisch" und "unfair". Andererseits gesteht er: "Keineswegs trifft zu, dass ich mir nichts vorwerfe." Und: "Manch ein Kauderwelsch in den Arbeiten ist mir heute peinlich." Er verweist auf die "Subtilität des Lebens und Arbeitens in einer Diktatur". Um seinen Beruf ausüben zu können, sei er als parteiloser Gesellschaftswissenschaftler "durchaus zu diesem oder jenem (keineswegs zu jedem!) Zugeständnis bereit" gewesen. Andererseits habe er sich entschieden geweigert, in die "Kampfgruppen der Arbeitklasse" einzutreten, obwohl man das von ihm unter Ausübung existenziellen Drucks verlangt habe. Olbertz hält sich zugute, in seinen beiden Dissertationen von 1981 und 1989 "eben nicht" vom "Klassenfeind" gesprochen zu haben - sondern vom ,(potenziellen) Gegner' oder von 'Andersdenkenden'".

Das Konzil der Humboldt-Universität hat Olbertz im April mit 49 von 57 Stimmen zum Präsidenten gewählt. Kowalczuks ironischer Kommentar: "Na dann, alles Gute bei der weiteren Aufarbeitung der Vergangenheit in der kommunistischen Diktatur!" Olbertz hingegen schreibt unter Verweis auf "die Bedrängnisse und Anmaßungen", denen er vor 1990 ausgesetzt gewesen sei, dass mit diesen Vorhaltungen die DDR-Wirklichkeit ihre Fortsetzung finde. Schon 1994 plädierte für eine "behutsame Aufarbeitung".