Humboldt-Universität

Grimm-Bibliothek kämpft gegen die Überfüllung

Kathrin (26) sitzt über ihren Gesetzestexten und stöhnt entnervt. Die Jura-Studentin, die ihren Nachnamen aus Angst vor Repressalien nicht nennen will, schreibt bald ihr erstes Staatsexamen. Doch konzentrieren kann sie sich in der Grimm-Bibliothek in Mitte nicht.

Andere Studenten gehen hinter ihr die Leseterrassen auf der Suche nach einem freien Schreibtisch auf und ab, aus dem Foyer dringen Gemurmel und das Klappern von Absätzen. Den permanenten Geräuschpegel verursachen nicht nur studentische Besucher. Touristen kommen in die Universitätsbibliothek, schauen die dortige Ausstellung über die Geschichte der Humboldt-Universität Unter den Linden an und werfen einen Blick in den Leseturm des preisgekrönten Gebäudes am S-Bahn-Viadukt. "Besonders um die Mittagszeit ist es extrem voll und laut", sagt Kathrin. Wenn die HU-Studentin einen Arbeitsplatz und ein Schließfach ergattern möchte, muss sie vor zehn Uhr morgens kommen. Sonst sei alles belegt. "Die Schließfächer sind entweder kaputt oder voll."

Die Besucherzahlen der geisteswissenschaftlichen Bibliothek steigen ständig, derzeit werden etwa 7000 Gäste täglich gezählt. Platz gebe es allerdings nur für rund 3000. Eigentlich sei es ja gut, dass die Uni-Bücherei in Zeiten von Internet und Digitalisierung so gefragt sei, sagt die Pressereferentin des Grimm-Zentrums, Katharina Tollkühn. Doch die vielen HU-fremden Besucher störten die Studenten bei der Arbeit. Im vergangenen Semester mussten Termine zur Abgabe von Hausarbeiten verschoben werden, da Studenten Schwierigkeiten hatten, rechtzeitig fertig zu werden.

Eine "HU-Homezone" soll nun sicherstellen, dass die Universitätsmitglieder ungestört lesen und lernen können. Ist die Grimm-Bibliothek mal wieder überfüllt, kontrollieren Mitarbeiter der Bücherei die Studentenausweise der Besucher auf den Leseterrassen in der zweiten, dritten und vierten Etage. Wer nicht Student der HU ist, muss dann auf die Arbeitsplätze im ersten, fünften und siebten Stockwerk ausweichen. 360 der insgesamt 1250 Arbeitsplätze dürfen somit nur von HU-Studenten genutzt werden.

Neben der Homezone liegen außerdem auf jedem Arbeitsplatz sogenannte Pausenscheiben. Sie sehen wie Parkscheiben aus und werden auch so verwendet. Jeder Bibliotheksbesucher kann damit die Dauer seiner Pause angeben. So soll verhindert werden, dass Studenten mit Büchern und Laptops Schreibtische blockieren, ohne sie zu benutzen. Wer seine Pause überzieht, dessen Sachen werden weggeräumt.

Dass die HU ihr Hausrecht ausweitet, versteht Daniela (21), die ebenfalls keinen Nachnamen nennen möchte. Sie studiert an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder), zum Lernen kommt die Schönebergerin aber lieber in die HU-Bibliothek. Die Atmosphäre sei viel schöner als beispielsweise in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße und die Anfahrt einfacher. Außerdem sei ein Teil der "Stabi" wegen Asbestsanierung geschlossen. Stichproben zeigen, dass Daniela nicht die einzige externe Studentin ist. "Wir liegen eben zentral und sind gut erreichbar", sagt Katharina Tollkühn.

HU-Präsident Christoph Markschies hatte noch vor der Eröffnung im vergangenen Oktober angekündigt, dass die Grimm-Bibliothek allen Lesefreunden offen stünde. Stolz präsentierte Markschies die mit 2,5 Millionen Büchern zu den größten Freihandbeständen im deutschsprachigen Raum zählende Bücherei. 75,5 Millionen Euro kostete der Bau nach dem preisgekrönten Entwurf des Architekten Max Dudler.

Doch die riesige Nachfrage kam für die HU überraschend. Da die Zahl der Arbeitsplätze verdoppelt wurde, glaubte man, das Plus an Besuchern auffangen zu können. Doch nun gilt es, den HU-Studenten ausreichend Arbeitsplätze, Schließfächer und Bücher zur Verfügung zu stellen. In einem nächsten Schritt soll deshalb im August ein ebenerdiger Veranstaltungsraum in eine weitere Garderobe mit Schließfächern umgewandelt werden.

Trotz Einschränkungen - Daniela und Kathrin werden weiterhin in die Grimm-Bibliothek kommen. Viele ihrer Kommilitonen lernen hier, sie gehen zusammen in die Mittagspause. "Das hat sich so eingespielt", sagt Daniela. Ist es voll, setzt sie sich auch in die Homezone. "Die letzten Male wurde ich zum Glück nicht erwischt." Ginge es nach den Studenten der Freien Universität in Dahlem, soll die Homezone wieder abgeschafft werden. Das dortige Studierendenparlament findet, dass die Berliner Hochschullandschaft so schlecht ausgestattet sei, dass der Zugang zu vorhandenen Einrichtungen für alle notwendig sei.

"Die Schließfächer sind entweder kaputt oder voll"

Kathrin, Jura-Studentin