Stadtplanung

Brücke blockiert Millionen-Investition

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Brigitte Schmiemann

Die Uhr tickt. 220 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Gewerbetreibende am Werdauer Weg, die das Gelände von der Vivico Real Estate kaufen und in ihre Firmen mehrere Millionen Euro investieren möchten, haben ein massives Problem: die Bundesautobahnbrücke über die zehnspurige Stadtautobahn.

Die Brücke verbindet seit 1964 die beiden Gewerbeareale, die durch den damaligen Bau der Stadtautobahn geteilt wurden und sich heute zwischen dem Autobahndreieck Schöneberg, dem Sachsendamm und der Wannseebahn befinden. Nun sieht es so aus, als ob sie niemand auf Dauer betreiben oder gar irgendwann teuer sanieren möchte.

Rund 18 Betriebe sind auf dem Gelände zu beiden Seiten der Brücke ansässig. "Es handelt sich um ein gut funktionierendes Gewerbegebiet, die Betriebe florieren. Aber leider gehören uns nur die Gebäude, nicht der Grund und Boden", erläutern die Unternehmer. Ohne die Brücke wären die Gewerbegrundstücke vermutlich längst verkauft. Doch der Notartermin platzte. "Wir können doch kein Grundstück kaufen, dessen Wegeverbindung nicht gesichert ist. Wir brauchen keinen Hubschrauber-Landeplatz, sondern ein gesichertes Überfahrtrecht, auch für unseren Schwerlastverkehr", sagte Fred Kapella, Geschäftsführer der gleichnamigen Firma, die bereits seit 1964 am Werdauer Weg mit Baustoffen handelt.

In einem Puzzle von Zuständigkeiten haben Kapella und andere Unternehmer wie Gerd Hasenfuß von der Recycling GmbH und Stefan Schirmacher, Chef einer Tischlerei, immerhin schon herausgefunden, dass die Brücke dem Bund gehört und Berlin sie in seinem Auftrag unterhält.

Diese Eigentumsverhältnisse bestätigt auch ein von der Vivico in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten. Der Haken: Es gibt einen Vertrag, nach dem der Bund die Unterhaltung der Brücke mit einer Frist von sechs Monaten aufkündigen kann. Was dann aus den Betrieben im hinteren Teil würde, ist offen.

Der Werdauer Weg ist eine Privatstraße und als Sackgasse ausgewiesen. Das Areal kann nur über diesen Weg erschlossen werden. Das Gewerbegelände ist rund 75 000 Quadratmeter groß, im hinteren Teil befinden sich davon etwa 45 Prozent. Auch die Firma MPPM Develope GmbH hat Interesse an dem Gebiet, das sich nur einen Steinwurf vom Schöneberger Gasometer entfernt befindet. Den vorderen Teil am Sachsendamm möchte sie für ein Handelszentrum der Edeka-Gruppe entwickeln. Das Unternehmen hat noch Interesse, doch im Bezirk wird das Vorhaben eher kritisch gesehen. So hat das Bezirksamt eine entsprechende Bauanfrage in einem Vorbescheid negativ beantwortet. Die Vivico als Verkäufer des Areals hat für die Problembrücke bislang noch keine Lösung: "Es handelt sich um eine ungewöhnliche Rechtskonstruktion", bestätigt Sprecher Wilhelm Brandt. Auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die für die Unterhaltung der Brücke sorgt, spricht von einem "komplexen Sachverhalt" - und verweist an das Bundesverkehrsministerium.

Schienen bis 2003 genutzt

Das bestätigt zwar, dass die Brücke vom Land Berlin auf Kosten des Bundes unterhalten wird. Grundlage sei eine Verwaltungsvereinbarung aus dem Jahre 1983 zwischen der Bundesstraßenverwaltung und dem Reichseisenbahnvermögen. Jetzt habe die Vivico beim Eisenbahn-Bundesamt aber einen Antrag gestellt, von Bahnbetriebszwecken freigestellt zu werden. Bis 2003 hatten Firmen die auf dem Werdauer Weg und der Brücke befindlichen Schienen noch genutzt - und so ihre Ware in der Innenstadt bezogen, ohne die Straßen zu belasten. Diese mögliche Entwidmung scheint beim Eigentümer auch Überlegungen auszulösen, sich von der Brücke zu verabschieden: Sollte das Eisenbahn-Bundesamt dem Vivico-Antrag stattgeben, "ist fraglich, ob der Bund auch gegenüber den Erwerbern der Gewerbeflächen zur Unterhaltung der Brücke verpflichtet wäre", teilte das Bundesministerium auf Anfrage dieser Zeitung mit. Die Prüfung der künftigen Unterhaltungslasten sei noch nicht abgeschlossen. Doch so viel steht schon mal fest: Für künftige Anfragen sei das Ministerium nicht zuständig. Die Verhandlungen mit den Beteiligten führe die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Die kaufinteressierten und seit Monaten engagierten Mittelständler und Mieter vom Werdauer Weg kämpfen weiter für eine Zukunftslösung mit der Vivico und den Behörden. Sie hoffen, bald Sicherheit für ihre Aufgaben, Arbeitsplätze und Investitionen zu bekommen. Doch die Uhr tickt immer lauter.