Bildung

Grundschullehrer wollen lieber zu zweit in einer Klasse arbeiten

Berlins Grundschullehrer proben den Aufstand. Sie fordern grundlegende Verbesserungen der Arbeitsbedingungen an ihren Schulen. Die erhebliche Belastung von Lehrern und Erziehern müsse reduziert werden, heißt es in einer Resolution an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD).

"Es brodelt an der Basis", sagte Christoph Kohlstedt vom Personalrat der Lehrer in Reinickendorf. Zu den wesentlichen Forderungen der Grundschulpädagogen gehört, dass in der Schulanfangsphase (Klasse 1 und 2) durchgängig zwei Lehrer in jeder Klasse eingesetzt werden sollen. Diese sogenannte Doppelsteckung war ursprünglich zwar vorgesehen, kann aber wegen des Personalmangels oft nicht durchgeführt werden.

Zudem erwarten auch die Grundschullehrer eine Reduzierung der wöchentlichen Stundenverpflichtung von 28 auf 26 Stunden. Wie die Sekundarschullehrer, denen diese Absenkung der Unterrichtsverpflichtung gewährt wurde, würden auch sie mit einer sehr unterschiedlichen Schülerschaft zu tun haben und sich umfänglich auf einen differenzierenden Unterricht vorbereiten müssen, heißt es.

Schließlich fordern die Grundschullehrer, dass das Einschulungsalter wieder von von fünfeinhalb auf sechs Jahre angehoben wird. Die Kinder seien zu jung, ein sehr hoher Anteil von ihnen würde deshalb die erste Klasse wiederholen müssen. Schüler innerhalb einer Klasse seien inzwischen so unterschiedlich weit entwickelt, dass die Lehrer nicht mehr jedem Kind gerecht werden könnten, betonen die Pädagogen. Um die Kinder wieder besser auf die Schule vorzubereiten, setzen sie sich überdies für die Wiedereinführung von verbindlichen Vorschulklassen ein. "Immer mehr Kinder wissen weder, wie sie einen Stift oder eine Schere halten sollen, noch können sie sich die Schuhe zubinden", sagt Personalvertreter Kohlstedt. Vorschulklassen würden der Vorbereitung auf die Schule dienen. Ziel sei es, dass die Schüler bei der Einschulung annähernd die gleichen Fähigkeiten haben.

Ihre Forderungen haben die Grundschullehrer gestern Bildungssenator Zöllner übergeben. Einige Hundert Lehrkräfte versammelten sich vor dem Gebäude der Bildungsverwaltung an der Otto-Braun-Straße, um ihren Unmut kundzutun. Außerdem übergaben die Lehrer dem Senator einen Gutschein für einen Unterrichtsvormittag an einer Grundschule in Nord-Neukölln. "Wir haben den Eindruck, dass Herr Zöllner nicht genau weiß, wie schwierig unsere Arbeitsbedingungen sind", sagte Gudrun Genschow, Personalvertreterin und Grundschullehrerin in Neukölln.

Die Grundschullehrer Neuköllns wollen durchsetzen, dass die Schulen mit 110 Prozent Personal ausgestattet werden. "Vertretungskräfte müssen fest an der Schule sein", sagte die Personalvertreterin. Die jetzige Reglung, im Vertretungsfall Lehrkräfte aus einem Pool einzukaufen, führe dazu, dass es zwei Wochen dauere, bis diese an der Schule ankämen. "Viele dieser Vertretungskräfte haben zudem keine volle Lehrausbildung", so Genschow. Bildungssenator Zöllner wollte sich gestern nicht zu den Forderungen der Lehrer äußern.