Was in feinen Dahlemer Villen geschah

Alle haben sie in Dahlem gewohnt: die Stars und die Sternchen, die Verbrecher und die Widerständler. Jetzt widmet sich ein neues Buch der "noblen Adresse" im Berliner Südwesten und ihrer Prominenz.

Das jüngste Villenviertel Berlins ist zugleich bis heute das schönste. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts, als die letzten Bauern auf dem Landgut Domäne Dahlem ihre Betriebe aufgegeben hatten, begann der Ausbau dieses sowohl sehr grünen und ruhigen wie vergleichsweise nah an der Stadt gelegenen Landstrichs zu einer der bevorzugten Adressen der Reichshauptstadt. Damals gehörte Dahlem offiziell ebenso wenig zu Berlin wie Charlottenburg oder Spandau, aber trotzdem siedelten sich entlang der neu entstandenen, großzügigen Alleen und kleinen Stichstraßen gern die Schönen und Reichen an, die kein Haus im traditionsreichen Diplomatenviertel südlich des Tiergartens mehr gefunden hatten oder denen Wannsee und Potsdam einfach zu weit ab vom städtischen Leben lagen.

Übrigens hat selbst die Teilung Berlins im Kalten Krieg die Attraktivität Dahlems nur noch erhöht. Denn nun waren Kudamm und Tauentzien das Herz West-Berlins - und dorthin dauert es von Dahlem aus kaum zehn Minuten mit dem Auto und nur unwesentlich länger mit der U-Bahn. Heute ist Dahlem die neben der als neureich geltenden "Berliner Vorstadt" Potsdams jenseits der Glienicker Brücke die beste Adresse in der Hauptstadt. Gut, daß jetzt der Verlag Berlin Edition diesem Viertel und seinen prominenten Bewohnern ein mit Liebe und Engagement gemachtes Buch gewidmet hat. Für jeden Dahlemer ist es Pflichtlektüre, aber auch, wer sich für die Berliner Wissenschaft oder die Marotten und Schicksale von Schauspielern wie Hildegard Knef, Zarah Leander oder Victor de Kowa interessiert, sollte zu dem Band von Harry Balkow-Göltizer, Bettina Biedermann, Rüdiger Reitmeier und Jörg Riedel greifen.

Wie sonst nur noch Albert Speer hat Leni Riefenstahl den "schönen Schein" des Dritten Reichs geprägt. Die Filmregisseurin ließ sich - auf einem "günstig erworbenen" Grundstück aus jüdischem Eigentum, Mitte der 30er eine Villa im Alpenstil errichten. Angeblich soll sie den Grundriß selbst gezeichnet haben. Hitler und Goebbels kamen zu Besuch, hier erlebt die Regisseurin die Bombennächte des Weltkrieges ihres "Führers". Nach dem Krieg mußte sie wegen Steuerrückständen ihr Haus unter Wert verkaufen.

So gern wäre Max Schmeling 100 Jahre alt geworden, doch vor wenigen Wochen starb er, mit 99, bei Hamburg. Der Weltmeister im Boxen war natürlich auch ein Dahlemer, in den 30er Jahren: Damals bezog er mit seiner lebenslangen Liebe, der Schauspielerin Anny Ondra, die obere Etage in der geräumigen Villa an der Podbielskiallee 42. In zehn Zimmern ließ es sich leben, und Schmeling trainierte, indem er regelmäßig zum Roseneck und weiter zum Grunewaldsee lief - und dann einige Runden um den malerischen See.

Seine Freiheit verdankt Dahlem wie ganz West-Berlin vor allem einem Mann: Lucius D. Clay, nach Kriegsende amerikanischer Militärgouverneur in Deutschland. Der General, der niemals ein Heer in die Schlacht führte, aber als der begabteste Verwaltungsexperte der US-Army galt, organisierte im Juni 1948 aus dem Nichts die Luftbrücke. Der Offizier hatte seine Wohnung natürlich in Dahlem, also im US-Sektor der alten Reichshauptstadt - genauer: Im Dol 46/48. Es ist nicht einmal ein besonders luxuriöses Haus; in Dahlem hätten ihm wesentlich großzügigere Anwesen zur Verfügung gestanden. Ende der 40er Jahre soll sein Haus häufig von dankbaren Berlinern umringt gewesen sein; 1949 ehrte ihn die Stadt, indem die alte Kronprinzenallee, an der auch sein Hauptquartier lag, in Clayallee umbenannt wurde. Ehrenbürger wurde Clay trotzdem erst 1962, als er nach dem Mauerbau als Repräsentant der Schutzmacht die Entschlossenheit der USA verkörperte, zu West-Berlin zu stehen.

Zu den treuesten, bekannten Dahlemern gehörte sicherlich der Historiker Friedrich Meinecke. 1914 erhielt er einen Ruf an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin - damals die höchste Ehre für einen deutschen Professor. Doch weil er das Leben in der Großstadt eher scheute, entschied sich Meinecke für eine neue Reihenhaussiedlung Am Hirschsprung, die ihn an "das malerische Städtebild einer süddeutschen Kleinstadt" erinnerte. Vier Jahrzehnte lang, bis zu seinem Tod im fast biblischen Alter von 92 Jahren, lebte er hier. Nach 1945 wurde Meinecke der erste Rektor der Freien Universität, die nach dem zunehmenden Machtmißbrauch der Kommunisten an der nun nach den beiden Brüdern Humboldt benannten Berliner Universität natürlich in Dahlem gegründet wurde.

Zu den liebsten Feinden der Nazis vor 1933 gehörte Berlins Polizei-Vizepräsident Bernhard Weiß. Der ebenso kompetente wie weitsichtige Jurist kämpfte gegen politischen Extremismus von links und rechts - die Kommunisten hängten ihm dafür den Schmähnamen "Isidor" an und Goebbels nutzte diese Idee für eine der gemeinsten Hetzkampagnen der Pressegeschichte. Weiß mußte 1933 emigrieren, doch 1949 kehrte er zurück und freute sich beim Anblick des unbeschädigten Hauses im Bachstelzenweg 11: "Mein Haus in Dahlem ist unsagbar schön. Der Nußbaum voll der schönsten Nüsse. Apfel- und Birnbäume voll der schönsten Früchte."

Das einzige Kino Dahlems, das "Capitol" an der Thielallee, geht auf den privaten Vorführraum von Carl Froelich zurück, der 1939 bis 1945 Präsident der Nazi-"Reichsfilmkammer" war. Das Haus, im Krieg beschädigt und verändert wieder aufgebaut, hat als Programmkino Kultstatus - und führt so den einst für Zwecke der Zensur gebauten Vorführraum der besten denkbaren Nutzung zu.

Untypisch für den Stil der Dahlemer Villen sind die stark vom Bauhaus inspirierten weißen Quaderbauten an der Schorlemerallee nahe dem Breitenbachplatz. Und genau darum ging es dem Filmregisseur Fritz Lang 1929, als er auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens (er arbeitete gerade an "M - Eine Stadt sucht einen Mörder") seine Wohnung vom Hohenzollerndamm nach Dahlem verlegte. In der Versuchssiedlung der Gebrüder Luckhardt und von Alfons Anker, die ganz nüchtern aus Betonskeletten und strahlend weißem Putz im Stil der neuen Sachlichkeit errichtet worden war, richtete sich Lang ein exemplarisch schlichtes Interieur ein. Nur bis April 1933 lebte er hier mit seiner Frau, der Drehbuchautorin Thea von Harbou - dann trennte er sich gleichzeitig von ihr und von Berlin, um über Frankreich in die USA zu emigrieren: Mit den Nazis wollte er nichts zu tun haben. Heute richtet in dem Haus übrigens ein Kieferorthopäde Kindern die Zähne.