Stadtplanung

Große Sprünge auf alten Bahnflächen

Der Mix ist nicht zu überbieten. Er zieht Touristen und Szenepublikum an. Wo früher das Reichsbahn-Ausbesserungswerk war, finden sie Musikclubs und Ateliers, Keramik- und Fahrradwerkstatt, den Kletterclub, die Artistenhalle, den Biergarten und die Kleinkunstbühne.

Das weitläufige Gelände an der Revaler Straße ist eine Welt für sich. Die Gebäude sind alt und grell-bunt besprüht. Schienen kreuzen den Weg. Hohe Bäume werfen Schatten. Eine Thälmannbüste, verfallende Hallen, Kopfsteinpflaster, dazwischen junge Leute.

Doch das facettenreiche Areal ist heiß umkämpft. Die Vereine und Künstler, die sich seit den 90er-Jahren etabliert haben und ihre Klientel anziehen, wollen die Fläche wie bisher nutzen. Der neue Eigentümer, die R.E.D. Berlin Development GmbH, möchte eine autofreie Wohnsiedlung schaffen, dazu ein Zentrum für Fair Trade. Eine Arbeitsgruppe des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg, in der beide Seiten vertreten sind, soll die Entwicklung des Geländes begleiten. Doch wegen Unstimmigkeiten ist sie ausgesetzt.

Räumungsklage beim Landgericht

Nun hat die R.E.D. eine Räumungsklage beim Landgericht gegen einen der Hauptnutzer auf dem Gelände, den RAW-Tempel e.V., erhoben. Eine Räumung soll jedoch nicht erfolgen, bevor die Gerichtsurteile vorliegen. "Dies haben wir allen Beteiligten mitgeteilt und wir halten uns an unser Wort", sagt Verwalter Moritz Müller. Dabei geht es um das Stoff- und Gerätelager (A), das Verwaltungsgebäude (B), das Ambulatorium (C) und das Beamtenwohnhaus (D).

Dem Eigentümer gehe es mit der Klage darum, die Mietverhältnisse klarzustellen, sagt Klaus Wagner, Geschäftsführer der R.E.D. Die R.E.D. will vom Gericht feststellen lassen, welche Gültigkeit der alte Nutzungsvertrag hat, auf welche Flächen er sich bezieht. "Wir wollen geordnete Verhältnisse", sagt Wagner. Aus seiner Sicht gilt der Vertrag nur für das Stoff- und Gerätelager, aber nicht für die anderen drei Häuser, die der Verein nutzt. Für das Lager, das mit EU-Mitteln saniert wurde, hat die R.E.D. ein aktuelles Gutachten anfertigen lassen. Es stellt eine Reihe von Mängeln fest, darunter an den Brandschutzvorkehrungen, am Dach und bei der Verlegung von Kabeln. Erste Gerichtstermine seien im Juli, das Urteil könne im Herbst 2009 fallen.

Doch wohl oder übel muss sich die R.E.D. mit dem RAW-Tempel e.V. einigen. Denn Bezirksamt und Bezirksverordneten-Versammlung wollen, dass die Entwicklung des 70 000 Quadratmeter großen Areals gemeinsam mit den Nutzern und Eigentümern geschieht.

Das ist im Beschluss zur Aufstellung des Bebauungsplanes für das RAW-Gelände festgeschrieben. "Die zivilrechtliche Seite muss erst geklärt sein", sagt Bürgermeister Franz Schulz (Grüne). "Dann kann sich die Arbeitsgruppe weiter mit der Entwicklung des Areals beschäftigen und die städtebaulichen Details besprechen." Schulz will ein Schlichtungsgespräch mit den Beteiligten führen. Bauanträge der R.E.D. für einen Getränkegroßhandel und für einen Parkplatz hat das Bezirksamt abgelehnt.

Während die Streitigkeiten weiter schwelen, wächst die kulturelle Vielfalt auf dem Gelände. Im April eröffnete eine neue Konzertlocation: das "Kulturhaus Astra" in einer instand gesetzten Halle, die 2000 Musikfans Platz bietet. Ebenfalls neu ist der von Ralf Brendeler betriebene "Suicide Circus", ein Kunstraum für Ausstellungen und Theater für etwa 150 Zuschauer. Im westlichen Teil des Geländes hat sich West Coast Customs eingemietet. Der Autoveredler ist durch die MTV-Show "Pimp my Ride" bekannt geworden.

Ein Biergarten entsteht an der Ecke zur Warschauer Brücke. "Wir wollen die soziokulturelle Nutzung auf dem Gelände", sagt Wagner. Die geplante ökologische Wohnsiedlung werde erst in fünf bis zehn Jahren realisiert. So lange haben die Zwischennutzungen Hochkonjunktur. Einen Zehnjahresvertrag wird voraussichtlich die Five-O-GmbH bekommen, die seit 2003 an der Revaler Straße aktiv ist. Zu ihrer Mietfläche gehören Berlins einzige Skaterhalle, der Kletterkegel, ein Biergarten und der Musikklub Cassiopeia. Five-O-Geschäftsführer Tobias Freitag ist froh über die Perspektive. "Wir haben ein Sportangebot, dass bei Kindern und Jugendlichen ganz stark gefragt ist."

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