Sicherheit

Messerattacken von Kindern und Jugendlichen nehmen zu

Die letzte tödliche Messerattacke in Berlin liegt ein halbes Jahr zurück. Der 21-jährige Nico W. stritt sich am 12. November des vergangenen Jahres mit einem 22-Jährigen in einem Bus der Linie 124.

Es ging um 20 Euro. W. erstach seinen 22-jährigen Widersacher mit einem Klappmesser.

Tödliche Auseinandersetzungen unter jungen Erwachsenen, in denen Messer benutzt werden, sind in Berlin nicht ungewöhnlich. Im Gegenteil: Immer mehr Straftaten werden mit Messern verübt. Die Polizei zählte im vergangenen Jahr 2470 solcher Fälle, ein Jahr zuvor waren es 1351. Beteiligt sind oft Kinder, Jugendliche und Heranwachsende. Im vergangenen Jahr setzten 582 Menschen unter 21 Jahren bei einer Straftat ein Messer ein, 2007 waren es noch 357.

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) erklärte auf eine parlamentarische Anfrage des CDU-Abgeordneten Peter Trapp, dass unter den 582 Tätern 75 Kinder (2007: 45), 260 Jugendliche (171) und 247 Heranwachsende (141) waren. Der Innensenator wies darauf hin, dass die Zahlen nicht vergleichbar seien, weil es seit 2008 eine präzisere Erfassung der Fälle mit Waffen gebe. CDU-Innenpolitiker Trapp sieht sich aber in seiner Einschätzung bestätigt: "Die Schwelle zur Gewaltanwendung vor allem von Kindern und Jugendlichen ist gesunken. Dagegen müssen wir stärker vorgehen."

Blutige Zeremonie bei Jugendgangs

Wie die Berliner Morgenpost aus Ermittlerkreisen erfuhr, gelten gerade innerhalb der Jugendgangs mit Migrationshintergrund Angriffe mit Messern als Mutprobe. "Wer zeigen will, dass er ein vollwertiges Mitglied, ein Mann, ist, muss jemanden mit einem Messer verletzt haben", so ein Beamter. Zu diesem Zweck würden gezielt Auseinandersetzungen gesucht, um sich beweisen zu können. Dadurch könnten auch Unbeteiligte zu Opfern werden, weil die Protagonisten der blutigen Zeremonie wahllos ausgesucht werden. "Je schwerer die Verletzung ist, desto besser der Ruf im Ganggefüge."

Dieses Verhalten könne mit dem so genannten Happy-Slapping verglichen werden, bei dem ebenfalls wahllos ausgesuchte Personen Opfer von Prügelattacken werden und dabei noch gefilmt werden. In letzter Zeit waren vermehrt Busfahrer Ziel von solcher Gewalt geworden. "Die Mutproben verändern sich. Einige Monate lang galt es als chic, einfach einen BVG-Angestellten zu schlagen."

Innerhalb der Türsteher-Szene sind Messer besonders gefürchtet. "Wenn man heutzutage manche jungen Männer abweist, muss man damit rechnen, dass diese wenig später wiederkommen und einen hinterrücks mit einer Klinge attackieren", so ein Sicherheitsfirmen-Mitarbeiter. "Deswegen sind Stichschutzwesten für uns unabdingbar."

Bei "professionellen" Auseinandersetzungen innerhalb der Türsteherszene beispielsweise mit Rockerbanden sind diese Kleidungsstücke allerdings längst kein Garant mehr für eine unversehrte Gesundheit. "Diese Leute wissen um die Westen und stechen gezielt in den Oberschenkelbereich, um die dortige Schlagader zu treffen. Ohne sofortige ärztliche Versorgung ist man nach einer Verletzung dort in wenigen Minuten verblutet."

Grüne und CDU für mehr Kontrollen

Die Grünen haben daher jetzt auch ein stärkeres Engagement der Stadt im Kampf gegen verbotene Waffen, zu denen auch viele Messer gehören, gefordert. Da wissen sie auch die Unterstützung der CDU hinter sich. "Eine stärkere Kontrolle und eine Initiative zur freiwilligen Abgabe von illegalen Waffen sind notwendig", sagte CDU-Innenpolitiker Trapp.

Die Anwendung des Waffenrechts ist heute Thema im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses. Benedikt Lux, innenpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, mahnt eine "stärkere Nachschau" bei den 19 000 Waffenbesitzern an. "Das Mammutprojekt aber wird sein, mit aller Kraft Waffen einzusammeln, die illegal erworben worden sind", so Lux. Nach den jüngsten Zahlen werden zehn Mal mehr Waffen sichergestellt und beschlagnahmt als Waffenbesitzscheine erteilt werden.

Das heißt, so Lux, "dass auf eine Waffe mindestens zehn, schätzungsweise aber 50 bis 100 illegal erworbene Waffen kommen." Die Polizei beschlagnahmte 2008 insgesamt 3288 verbotene Waffen. Im Jahr zuvor waren es 3275. Waffenbesitzscheine gab es im vergangenen Jahr 603 und im Jahr zuvor 641.