Interview

"Religionsunterricht ist ein hoher Wert"

Der Koblenzer Superintendent Markus Dröge (54), gewählter Nachfolger von Bischof Wolfgang Huber, zu Aufgaben, Problemen und Herausforderungen seines neuen Amtes. Mit Dröge sprach Matthias Kamann.

Berliner Morgenpost:

Herr Dröge, worin bestehen die größten Unterschiede zwischen den kirchlichen Strukturproblemen in Koblenz und denen in Berlin und Brandenburg?

Markus Dröge:

Die Strukturprobleme sind hier natürlich viel massiver, und manche gibt es nur hier. Denken Sie an die Mentalitätsunterschiede zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil von Berlin, die uns ja gerade durch Pro Reli sehr deutlich vor Augen getreten sind und noch nicht wirklich behoben sind. Weiterhin sind die sozialen Probleme in Berlin wesentlich größer, hinzu kommt der hohe Ausländeranteil.

Wie soll die Kirche mit den Mentalitätsunterschieden zwischen Ost und West umgehen?

Vieles davon ergibt sich aus den Biografien, die das Selbstverständnis der Menschen prägen und sich nicht von heute auf morgen ändern lassen. Aber wir als Volkskirche haben die Möglichkeit, Verbindungen herzustellen. Sehen Sie sich die Synode an, die mich gewählt hat. Ihr gehören Menschen aus Berlin, aus Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz an, die gemeinsam Probleme bearbeiten. Wenn sie dann wieder nach Hause fahren und in ihren Gemeinden erzählen, welche Sorgen es in Berlin gibt, dann leistet die Kirche schon dadurch ein Stück Veränderungsarbeit an den Mentalitäten. Ein anderes Beispiel ist die Verbindung von sozialer, diakonischer Arbeit bei Hartz-IV-Empfängern und der Gemeindearbeit. Dadurch können bürgerliche Gemeindemitglieder ein Gespür für die Sorgen von Armen bekommen.

Sollen diese Armen Empfänger von Fürsorge sein oder sich auch selbstständig in der Gemeinde engagieren, etwa als Gemeindekirchenräte?

Natürlich sollen sie nicht nur Empfänger und Objekte von Hilfe sein. Deshalb ist es ja so wichtig, dass die Diakonie mit der Gemeinde vernetzt wird: Damit die Menschen, die Unterstützung brauchen, nicht nur betreut, sondern ins Gemeindeleben integriert und dort als Schwestern und Brüder gewürdigt werden. Nur so kann man Ausgrenzung tatsächlich überwinden.

Wie aber lassen sich jene Mentalitätsgegensätze überwinden, die bei Pro Reli aufgebrochen sind?

Man muss deutlich machen, dass der Religionsunterricht ein hoher Wert ist, weil er eine Kooperation zwischen den Religionsgemeinschaften und dem Staat in Bildungsangelegenheiten erzwingt. Dazu gehört, dass man gemeinsame Lehrpläne entwickeln muss, sodass man sich wirklich auf die Position der anderen einlassen und mit diesen auseinandersetzen kann. Diesen Wert des Religionsunterrichts, der keine Privatangelegenheit ist, müssen wir auch unter den besonderen Berliner Verhältnissen deutlich machen.

Auch indem sich die Kirchen für einen veränderten Ethikunterricht einsetzen?

Ja. Wir müssen darauf achten, dass im Ethikunterricht auch jene Schüler vorkommen, die an Religionsunterricht interessiert sind, und dass Religionslehrer in den Ethikunterricht eingebunden werden, sodass authentisch mit gläubigen Menschen gesprochen wird.

Sie sind wohl auch deshalb gewählt worden, weil man sich von Ihnen erhofft, dass Sie den notwendigen Strukturwandel in der Landeskirche moderieren und an der Basis vermitteln. Jetzt sieht es so aus, als würde die Strukturkrise wegen des sinkenden Steueraufkommens auch in der Kirche noch heftiger. Fürchten Sie nicht weitere Sparzwänge, die das Vermitteln viel schwerer machen?

Wir wissen, dass auf die Kirche keine leichten Zeiten zukommen. Wenn wir in der rheinischen Landeskirche Strukturveränderungen vorgenommen haben, dann war uns stets klar, dass das nicht die letzte Sparrunde war. Wenn man sich die Prognosen der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Jahr 2030 beim Steueraufkommen oder bei den Kirchenmitgliederzahlen ansieht, dann merkt man sehr schnell, dass das, was wir jetzt hier machen, nur der Einstieg in einen Umstieg ist. An dieser Erkenntnis führt kein Weg vorbei. Wenn man verantwortlich leiten will, dann muss man die negative Prognose als Möglichkeit mit bedenken. Insofern sind die neuen Gefahren infolge der Finanzkrise für mich auch keine grundlegenden Erschütterungen. Aber klar ist: Wenn die Rezession auf die Kirchensteuereinnahmen durchschlägt, werden wir umgehend gegensteuern müssen. Umso wichtiger ist für mich, diesen Wandel, dem wir uns stellen müssen, menschenwürdig zu gestalten. Wir dürfen uns nicht nur um unsere Strukturprobleme drehen. Wir müssen auch gegensteuern, indem wir eine einladende Kirche sind und neue Mitglieder gewinnen.

Der Bischof in Berlin ist eine herausgehobene Figur im intellektuellen Leben. Worauf kommt es für Sie an?

Auf Vielfalt. Vielleicht ist es jetzt durch Pro Reli ein bisschen zugespitzt worden auf diesen einen Punkt des Religionsunterrichts und der Bedeutung des christlichen Glaubens für den Staat. Ich fände es schön, wenn die Kirche in intellektuellen und politischen Auseinandersetzungen auch wieder verstärkt andere Themen ansprechen könnte.