Kirche

Markus Dröge steht für Dialog und Vielfalt

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Matthias Kamann

Manche Atheisten finde er sehr anregend. "Wenn wir Christen uns mit deren Thesen auseinandersetzen, kann uns das nur gut tun", sagte Markus Dröge nach seiner Wahl. So gab er gleich ein Signal, dass mit ihm ein neuer Geist der Offenheit in die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz einziehen könnte, zu deren Bischof er am Freitagabend gewählt wurde.

Gleich noch so ein Signal: "Gegenüber den vielen Muslimen in Berlin müssen wir neu den Dialog suchen", erklärte der 54-Jährige. In Koblenz habe er vorgeschlagen, die Verbindung zum Islam in der gemeinsamen Berufung auf Abraham zu suchen. "Wir müssen Brücken des Gesprächs bauen", sagte Dröge und machte deutlich, dass die Synode der Landeskirche da gerade einen liberalen und weltoffenen Mann gewählt hatte. All die Fragen direkt nach seiner Wahl beantwortete er nicht vorsichtig oder gewunden, sondern frei und mutig.

Außenseiter macht das Rennen

Markus Dröge ist die große Überraschung bei dieser Wahl des Nachfolgers für Bischof Wolfgang Huber (66), der am 15. November sein Amt aus Altersgründen abgeben wird. Überraschend an Dröge sind nicht nur seine offenen Worte, mit denen er sich absetzt von Huber, der gegenüber dem Islam eher auf den Konflikt statt auf den verbindenden Dialog setzte. Vielmehr war Dröge schon deshalb eine Überraschung, weil er überhaupt antrat für dieses Amt, in das er nun für zehn Jahre gewählt wurde. Denn niemand kannte Dröge in Berlin. Diesen Superintendenten aus Koblenz, der dort seit 2004 einen Kirchenkreis leitet - diesen Mann hielten die meisten Beobachter für einen krassen Außenseiter, einen Zählkandidaten, als Dröge im Winter als einer von drei Kandidaten für das Bischofsamt nominiert wurde. Niemand hielt es für möglich, dass der Zugereiste in der Lage sein sollte, sich gegen den in Berlin bestens vernetzten Rüdiger Sachau (52) durchzusetzen, den Direktor der Evangelischen Akademie am Wannsee. Oder gegen Johanna Haberer (52), die mehrere Jahre lang das "Wort zum Sonntag" gesprochen hatte und als Professorin für Christliche Publizistik in Erlangen zugleich Vizepräsidentin der dortigen Universität ist.

Doch seit sich der promovierte Theologe Dröge in Berlin vorgestellt hatte, war immer öfter zu hören, dass er der richtige Mann sein könnte. Das lag vor allem daran, dass er sich rasch als sehr interessiert am Leben der einzelnen Gemeinden erwies. Ganz anders als die beiden anderen Bewerber hat er 20 Jahre lang als Gemeindepfarrer gearbeitet, er kennt die Sorgen auf dem Dorf wie in der ja nicht kleinen Stadt Koblenz. Zudem hat er in seinem Kirchenkreis genau jene Strukturreformen umgesetzt und moderiert, die nun auch in Berlin-Brandenburg anstehen: Gemeinden zusammenlegen, aber nicht zerschlagen, unterschiedliche Profile je nach Bedarf entwickeln, dabei aufs Geld achten - damit kennt Dröge sich aus. Wobei er seine Arbeit so schlecht nicht gemacht haben kann. Denn empfohlen wurde er den Berlinern von seinem rheinischen Landeskirchen-Präses Nikolaus Schneider, der sehr darauf achtet, dass allfällige Strukturreformen nicht autoritär von oben durchgedrückt werden.

Und so traf Dröge auch den Ton, als er sich am Freitagmorgen den 123 Berlin-Brandenburgischen Synodalen in der Friedrichshainer Bartholomäuskirche vorstellte. "Der Bezug zur Gemeinde" sei für ihn "nicht nur Neigung, sondern Überzeugung", sagte er und verwies auf seine "Erfahrung, Spar- und Strukturprozesse so solidarisch wie möglich zu gestalten". Damit entspricht er dem in der Landeskirche verbreiteten Bedürfnis, den von Huber begonnenen Reformprozess stärker als bisher im Dialog gerade auch mit den kleinen Gemeinden in Brandenburg durchzuführen. Denn immer noch bestehen in der Landeskirche mit ihren 1,2 Millionen Protestanten erhebliche Struktur- und Traditionsunterschiede zwischen der Hauptstadt und der Provinz, zwischen Ost und West. "Protestantismus ist Vielfalt", sagte Dröge, "auch Vielfalt der Stimmen, die zu Wort kommen dürfen."

Bislang hatten viele das Gefühl, sie müssten ihre Eigenheiten aufgeben, wenn sie sich auf den von der Landeskirche unter dem Motto "Salz der Erde" entworfenen Reformprozess einlassen. Nun aber scheint da jemand zu sein, der jenen Eigensinn würdigt, der "weiß, was Pfarrer denken und wo Gemeinden der Schuh drückt", wie gestern ein Synodaler zwischen zwei Wahlgängen sagte.

Insgesamt vier Wahlgänge waren nötig. Bereits im ersten stimmte eine beträchtliche Mehrheit für Dröge, nach dem zweiten schied Sachau aus, der vor einigen Wochen noch als klarer Favorit gegolten hatte. Doch Sachau galt als zu nah an Huber, als bloßer Fortsetzer von dessen Arbeit, nicht als einer, der neue Wege geht. Johanna Haberer hingegen, die mit Dröge dann in zwei Stichwahlen konkurrierte, war wohl zu sehr der Gegentypus zu Huber. Sie hatte bei ihren Vorstellungen grundsätzliche Distanz zum Reformprozess erkennen lassen, wollte die Kirche eher als sozialpolitisch aufrüttelnde Institution etablieren. Das ging den meisten zu weit.

Denn in der Landeskirche weiß man sehr wohl, wie wichtig Hubers Reformschritte waren. Man will sie aber nun gemeinsam gehen, statt dem großen Kommunikator Huber hinterherzutrotten. Und für diese Gemeinsamkeit des Aufbruchs zu neuen Ufern steht Dröge, der sich im vierten Wahlgang mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit von 82 zu 36 Stimmen gegen Haberer durchsetzte. Wobei es eine weitere Überraschung war, dass die Wahl schon nach sechs Stunden vorüber war. Denn als 1993 Huber gewählt wurde, war zunächst ein ganzer Wahlprozess mit fünf Durchgängen gescheitert. Neue Kandidaten mussten gesucht werden, erst dann kam Huber zum Zuge. Dieses Mal ging es dank dem Überraschungskandidaten schneller.