Fernsehen

Taxi-Geschichten aus der Berliner Nacht

Es gibt Momente, da merkt Michael Kessler selbst, dass er noch kein richtiger Taxifahrer ist. Zum Beispiel dann, wenn ein Kollege vorfährt und dem bekannten Comedian aus "Switch" durch das heruntergelassene Fenster einen wohlmeinenden Tipp hinüberruft:

"Hey, ein echter Taxifahrer würde immer versuchen, eine Lücke zwischen zwei Autos zu finden." Und wirklich: Kessler steht genau mitten auf der Straße, um den Fahrgast hinauszulassen. "Aber ansonsten", fügt der vorbeifahrende Taxifahrer an, "machst du das schon sehr gut."

Michael Kessler gibt seit jetzt drei Jahren am Wochenende den Chauffeur. Für jede Folge der RBB-Sendung "Berliner Nacht-Taxe" muss der 41-jährige Schauspieler Hunderte Kilometer durch Berlin fahren, auf der Suche nach Fahrgästen - was jetzt auch während der Fahrt live im Internet übertragen wird. Der Deal lautet dabei: Wer in das Auto einsteigt, muss sich bereit erklären, gefilmt zu werden. Dafür ist die Fahrt kostenlos. "Die wenigsten steigen wieder aus, wenn sie die Kameras sehen", sagt Kessler. Im Gegenteil: Die meisten seien sehr redselig, und manchmal erfahre man mehr über einen Mitfahrer, als einem lieb sei. Wie in jener Nacht, als der DJ einstieg.

Kessler fragt sich zunächst ganz harmlos an den Alltag des Mannes heran: Wie lange er als DJ arbeite, welche Musik er auflege. Die beiden fahren zu einem Club in Mitte und wieder zurück, und während der Fahrt verrät der DJ, wie er gegen den Stress ankämpft:

DJ: "Ich meditiere viel. Zen-Buddhismus, weißt Du?"

Kessler: "Buddhismus? Wie kamst Du zu der Religion?" DJ: "Soll ich ehrlich sein?"

Kessler: "Klar!"

DJ: "Durch Drogen. Ich wollte aufhören damit."

Und schon sind die beiden mittendrin in einem Gespräch über die Schattenseiten des Nachtlebens in Berlin. Der 40-jährige DJ nimmt kein Blatt vor den Mund: "Die Kids heute sind anders ", sagt er, "aber die Drogen sind auch mehr geworden." Das sei eine Stimmung wie in den 80er-Jahren. "Vom Wegschießen her ist es ähnlich, nur das No-Future-Ding gibt es nicht mehr." Michael Kessler nickt immer wieder, er kommentiert höchstens mit "aha!", aber bewertet nie ernsthaft. Er gleicht einem Ethnologen, der auf Feldforschung nicht im Urwald, sondern eben in der Großstadt unterwegs ist.

Was Erstzuschauer oft verblüfft, ist für "Nacht-Taxe"-Kenner schon normal. "Wir wollen bewusst kein Blatt vor den Mund nehmen", sagt Thorsten Klauschke, Regisseur der Sendung, der meist in einem schwarzen Kleinbus vor Kesslers Taxi herfährt. "Wir wollen eben die Stadt so abbilden, wie sie wirklich ist." Nachts ist das oft leichter, weil die Hemmungen der Fahrgäste fallen - und richtig: Trotz der drei Kameras im Taxi schafft es Michael Kessler immer wieder, eine intime Stimmung zu erzeugen. Das kann so weit gehen, dass er selbst Gänsehaut bekommt. "Denn einem Taxifahrer kann man alles erzählen", sagt Kessler. "Man sieht ihn meist nur einmal."

Die fünf Männer im Zweitwagen sind die stillen Beobachter. Über einen Lautsprecher wird das Gespräch aus dem Taxi direkt in den Kleinbus übertragen. Von dort zeichnet zudem ein Kameramann permanent die Außenbilder auf. "Jetzt wackle doch nicht so", ruft der Kameramann dem Fahrer zu. "Ich versuche, zu filmen."

Der raunzt zurück: "Was kann ich dafür, dass die Straßen in Berlin so holprig sind!?"

Der Kameramann stöhnt auf: "Könnt ihr bitte die Heckscheiben-Heizung einschalten. Sonst hab ich nur Nebel im Bild!"

"Sekunde, Kollege!"

Die Handgriffe sitzen, die Mannschaft, die meist über ein ganzes Wochenende nachts zusammen unterwegs ist, ist gut aufeinander eingespielt. Viele Worte braucht es nicht. Nur bei der Pausenzigarette tauschen sich die fünf Kollegen im schwarzen Zweitauto auch über die Ereignisse aus, die sie tagsüber beschäftigen. "Man lernt einander hier drin schon gut kennen", sagt Dennis Gajowski. Der 32-jährige Produktionsassistent ist wie die meisten im Team schon seit mehreren Jahren bei der Sendung, fährt immer wieder Wochenende für Wochenende durch Berlin, von abends um 22 Uhr bis früh um vier. "Manchmal auch bis es wieder hell wird", sagt Gajowski. "Das schweißt schon zusammen." Unzählige Male hätten sie Fahrgäste aufgegabelt, die zu betrunken waren, um noch etwas zu sagen, oder die, die einfach gar nichts sagen.

Doch viel schwieriger sind die Leerläufe, die Situationen, in denen kein Fahrgast kommt. Manchmal wird es 3 Uhr morgens, und das Team hat erst vier Fahrgäste gehabt. Pro Sendung brauchen sie aber mindestens sieben oder acht interessante Gäste. Doch erst in solchen Situationen merkt man, dass sich das Team eben auch sehr gut kennt. Dann sagt jemand "Weißt Du noch ..." und erzählt von dem Einsatz, als der "stille Türke" im Auto saß, der einfach gar nichts sagte. Oder von dem älteren Künstler, der sich mit einen sehr jungen Mann im Auto küsste. Oder der Mitarbeiterin der Erotik-Messe "Venus" auf dem Weg nach Hause. Nur selten nimmt der Regisseur Thorsten Klauschke über sein Walkie-Talkie Kontakt mit Michael Kessler auf, der einen kleinen Knopf im Ohr hat. "Frag doch mal nach seiner Freundin", sagt Klauschke dann. Oder: "Frag doch, ob er auch eine Currywurst will."

Denn obwohl sich Sendung rund um das Leben eines Taxifahrers dreht, steigt das Team auch immer wieder aus dem Auto, geht in Clubs, in Bahnhöfe, manchmal auch in Wohnungen - oder sogar in eine Moschee. Einer der Orte, an dem sie immer wieder landen, ist der Currywurststand am Kurfürstendamm, dieser helle Fleck zwischen all den dunklen Schaufenstern der bereits geschlossenen Geschäfte.

In der Sendung am Sonntag (22.30 Uhr, RBB) wird der Currywurststand sicher auch wieder auftauchen. Denn Michael Kessler hat Tomas Erhart getroffen, einen "Kameramann mit Hang zum Nachtleben", wie er schon einmal bezeichnet wurde. Das Besondere dieser Situation wurde nach wenigen Sekunden nach dem Einsteigen des Paares klar: Kessler und Erhart haben einander vor 18 Jahren kennengelernt - und seitdem nicht mehr gesehen. Das Nachttaxi hat sie wieder zusammengebracht.

Beide haben beim Film "Manta, Manta" mitgearbeitet, der im Jahr 1991 viele Fans hatte. Tomas Erhart war Kameramann. Die beiden haben viel zu besprechen - zum Glück für den Zuschauer. Der Kameramann erzählt bei einer Currywurst mit Pommes gern von sich: "Ich habe meine wundervolle Frau erst kürzlich geheiratet", sagt er über die junge blond gelockte Frau neben sich. "Zwei Monate haben wir uns gekannt, als ich wusste: 'Die und keine andere!'" Schließlich sei er gerade 50 Jahre alt geworden - ganz schön alt, um sich "zum ersten Mal richtig zu verlieben", wie er sagt. Seine deutlich jüngere Frau lacht geschmeichelt.

Redseligkeit ist zum Glück etwas, mit dem Michael Kessler sehr gut umgehen kann. "Ich rede gern mit Menschen", sagt er. "Aber vor allem geht es mir darum, dass die Gäste so authentisch wie möglich sind." Außerdem war es eines der Grundanliegen der Sendung, die Menschen wieder zum Reden zu bringen, über sich, über die Dinge, die sie erleben. "Ob im Flugzeug, beim Friseur oder eben im Taxi - niemand wünscht seinem Gegenüber mehr 'Guten Tag'", sagt Kessler. Gegen diese Kühle wendet sich die Sendung.

Im Laufe eines Abends kann es passieren, dass ein Soldat sich über den schlechten Ruf der Bundeswehr ärgert, dass ein Mädchen von ihrer Vergewaltigung erzählt oder Taxifahrer Michael Kessler auf eine bunte Plastik-Statue im Berliner Hauptbahnhof zugeht und sie umarmt. Einfach so. Der Comedian ist letztlich die ganze Zeit über auf der Suche nach dem großen Gefühl in dieser Stadt. Anders als "Domian", der nachts im WDR anonyme Anrufe entgegennimmt, ist das "Nachttaxi" eine Sendung, in der den Menschen nicht zwangsläufig etwas auf der Seele liegt. Es geht vielmehr darum, wie mit einer Taschenlampe einen kurzen Blick auf einen fremden Alltag zu werfen. Die Fragen Kesslers zielen dabei immer auf einen Kern: Warum machen Menschen das, was sie tun? Was treibt sie an? Und immer auch: Warum leben sie in Berlin?

Aus verschiedenen Gründen hat sich das Produktionsteam für Berlin entschieden - auch wenn es schon Ideen gab, das Nachttaxi durch andere Straßen Deutschlands fahren zu lassen. "Aber Berlin ist die einzige Stadt ohne eine offizielle Taxi-Begrenzung", sagt Regisseur Thorsten Klauschke. In anderen Städten dürfe nur eine festgelegte Zahl fahren. "Und zum anderen ist es hier noch üblich, Fahrgäste am Straßenrand aufzupicken." Die meisten Städte Deutschlands hätten inzwischen fast ausschließlich Funktaxis eingeführt, die nur per Telefon angefordert werden. Doch entscheidend sei der dritte Grund: etwas, das Fernsehmenschen "die Mischung" nennen. Das Team braucht viel weniger Glück, um ungewöhnliche Situationen oder Orte zu finden.

Jacqueline und Luigi steigen ein. Sie trägt eine rosa Perücke und einen engen Anzug mit Leopardenmuster. Luigi wirkt mit Hut, Sonnenbrille und Schnurrbart wie aus einem Mafiafilm gefallen. Und nach wenigen Sekunden sind sie mittendrin in dem typisch ungewöhnlichen Taxi-Gespräch:

Jacqueline: "Luigi hat diesen Wanderbart, einen Reizbart."

Kessler: "Einen Reizbart?"

Jacqueline: "Jaa, klar! Darum ist er auch immer so gereizt. Und soll ich Dir noch was sagen?"

Kessler: "Was?"

Jacqueline: "Die Brille ist an ihm dran, die ist mit angeboren. Das ist die Nachgeburt. So sind Spanier."

Klar ist das albern. Klar ist aber auch, dass solche Szenen an dem Bild von Berlin in Deutschland arbeiten: die Stadt, in der die Verrückten leben.

In solchen Situationen wird auch deutlich, warum Michael Kessler sagt: "Nicht ich nehme meine Gäste mit, sondern meine Gäste nehmen eher mich auf eine Reise mit." Sie erzählen von sich, von ihrer Einstellung zur Welt, und Sendung für Sendung ergibt sich so ein Querschnitt Deutschlands - das, was die Hauptstadt eben ausmacht. Berliner Schnauze inklusive.

"Ick bin in Neukölln aufgewachsen", sagt die 82-jährige Neuköllnerin Ingeborg. "Und ick hab drei Männer jehabt."

Kessler: "Und hat sich dadurch Ihr Verhältnis zum Tod verändert?"

Ingeborg: "Ick hab meine Eltern jepflecht, hab meine Freundin jepflecht, und dann nach der sechsten Beerdigung, dit war meine Schwester, hab ick beim Institut jesacht: Jetzt will ick aber ooch Prozente, wa! Und da hab ick 150 Euro wenjer zahlen müssen."

Kessler lacht etwas unsicher.

Ingeborg weiter: "Ick sach noch zu ihm: 'Die nächste Beerdigung wird meine sein, wa, da kann ick dann leider nich' mehr vorbeikommen."

Es gibt Taxifahrten, die nie enden sollen - wie diese. Manchmal trickst Kessler dann und fährt eine kleine Extrarunde. Oder lädt eben zur Pause ein, wie Tomas Erhart, den Kameramann von "Manta, Manta". Wer also in das "Nacht-Taxi" einsteigt und etwas zu erzählen hat, muss damit rechnen, erst auf Umwegen nach Hause zu kommen.

Auch an diesem Sonntag wird er wieder in der Stadt unterwegs sein, auf der Suche nach ungewöhnlichen Orten und Menschen. Letztlich - und das würde sicher keiner der Beteiligten abstreiten -, reiht sich das "Nacht-Taxi" ein in diese Ansammlung sehr ungewöhnlicher Orte und Menschen in Berlin. Oder wo sonst würde man einen Taxifahrer ernst nehmen, der wie Kessler sagt: "Nehmses Taxi - is billjer!"

Alle Folgen im Internet: www.rbb-online.de

"Wir wollen bewusst kein Blatt vor den Mund nehmen" Regisseur Thorsten Klauschke

"Nicht ich nehme meine Gäste mit, sondern sie mich" Nachttaxi-Fahrer Michael Kessler