Studie

Kitagruppen in Berlin größer als erlaubt

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Florentine Anders

Die Gruppen in den Kindertagesstätten sind bundesweit zu groß. Eine Studie der Alice Salomon Hochschule in Berlin zeigt, dass die tatsächliche Erzieher-Kind-Relation wesentlich schlechter ist, als per Gesetz vorgesehen. Das gilt auch für Berlin. Doch in Brandenburg ist die Situation noch prekärer.

"Rechnet man Urlaub, Krankschreibungen, Weiterbildung und Elterngespräche mit ein, so kümmert sich in Berlin eine Erzieherin um 15 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren", sagt Susanne Viernickel, Autorin einer Studie der Alice Salomon Hochschule. Das sind mehr als der in den Ländern gesetzlich verankerte Personalschlüssel vorsieht. International empfohlen ist eine Erzieherin für acht Kinder. Bei unter Dreijährigen sollen sogar nur vier Kinder von einer Erzieherin betreut werden.

Am größten sind die Gruppen laut Studie in Brandenburg. Schon der im Gesetz vorgesehene Personalschlüssel ist hier bundesweit der höchste mit einer Gruppengröße von knapp über 16 Kindern. In der Praxis kommen im Durchschnitt 20 Kinder auf eine Erzieherin. Gibt es eine Grippewelle, können die Gruppen noch wesentlich größer ausfallen.

Am besten schneidet in dem Länderranking Bayern ab. Hier liegt die Erzieher-Kind-Relation bei eins zu zehn und entspricht damit fast dem wissenschaftlich empfohlenen Standard. Zum Vergleich: Hamburg 1:12, Thüringen 1:15, Bremen 1:20.

Die Folge der schlechten Personalausstattung ist, dass die Bildungsprogramme in fast allen Bundesländern nicht umgesetzt werden können. "Während in den Bildungsprogrammen der Länder weitgehend ähnliche Ziele formuliert sind, gibt es bei der Personalausstattung keinen Konsens", sagt Susanne Viernickel. Dabei sei die Gruppengröße ein ganz wesentlicher Faktor für die Qualität. Sie beeinflusse nicht nur das Wohlbefinden und das Verhalten der Kinder, sondern auch die sprachliche Entwicklung.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Paritätische Wohlfahrtverband, der Dachverband der freien Träger, forderten gestern deshalb eine Qualitätsoffensive in den Kitas. Es genüge nicht, mehr Plätze zur schaffen, ohne die Personalausstattung zu verbessern, sagt Norbert Hocke von der GEW.

In Berlin fordert das Kitabündnis aus Gewerkschaft und Trägern schon lange kleinere Gruppen. Doch in dem Entwurf der Bildungsverwaltung für das neue Kitagesetz findet sich davon nichts wieder. Zum Thema Personal ist lediglich die Rede von einem Bildungszuschlag, der bei schlechter Arbeit wieder abgezogen werden kann. Die Höhe des Zuschlags wird nicht näher definiert.

Entwurf abgelehnt

Die Kita-Träger haben in ihren Stellungnahmen den Entwurf der Senatsverwaltung abgelehnt. Jetzt muss die Verwaltung eine überarbeitete Fassung vorlegen. Doch das kann dauern, heißt es in der Koalition. Denn über den Umfang der zusätzlichen Personalmittel ist man sich offenbar nicht einig. Dabei hatten SPD und Linkspartei noch im Dezember einen gemeinsamen Stufenplan angekündigt. Ab 2010 sollte die Zahl der Erzieher demnach um fünf Prozent aufgestockt werden. Zudem sollte die Kürzung bei den Leitungskräften rückgängig gemacht werden, so dass jede Einrichtung ab 100 Kindern eine freigestellte Leiterin erhält. Wenn dieser Plan umgesetzt werden soll, müssten die gesetzlichen Grundlagen jetzt zügig beschlossen werden. Sollte das Gesetz nicht bis zum Sommer fertig sein, würde wohl auch das vorgesehene zweite kostenfreie Kitajahr nicht wie geplant ab Januar in Kraft treten können.

Der Landeselterausschuss würde lieber das kostenfreie Jahr verschieben und dafür das Geld in mehr Personal stecken. Per Volksentscheid wollen die Eltern einen eigenen Gesetzesentwurf für kleinere Kita-Gruppen auf dem Wege des Volksentscheids durchsetzen. Doch der Senat lehnte im vergangenen Jahr das Volksbegehren mit dem Verweis auf die zu hohen Kosten ab, obwohl mehr als 600 000 Berliner dafür unterschrieben hatten. Die Eltern klagen dagegen vor dem Landesverfassungsgerichtshof, doch eine Entscheidung ist hier erst im Herbst zu erwarten.